Die Songkolumne hat die Weiden Berliner Releases der letzten Monate abgegrast und wieder einiges an toller Musik ausgegraben. Neue Musik gibt es von tollen Altbekannten bis aufregend neuen Acts. Etwa von Meagre Martin aus dem Hause Mansions and Millions oder Ronis Goliath, der die Brücke von Berlin nach Westafrika schlägt, und auch Luis Ake (Foto), der einen käsigen Pop zwischen Kitsch, Weirdness und LoFi-Produktionen produziert und Fans von Fuffifufzich begeistern könnte.

Unter Bodenbelägen liegen Planken, Beton – und darunter: Kellergewölbe, geheimnisvolle Hohlräume der Unterwelt. Dorthin führt uns „Im Dunkeln“ von Neuzeitliche Bodenbeläge. Was als leichtfüßiges, zurückgelehntes Yacht-Rock-Kleinod beginnt, driftet nach anderthalb Minuten in psychedelisches Flackern ab. Textlich: raunende Aphorismen vom Abgrund. Doch der Abgrund ist weich gepolstert – ein Refugium vielleicht, bei all den dunklen Wolken darüber. Eskapismus in seiner schönsten Form, von einem Act mit dem wohl besten Namen der Stadt.
Musikalisch anschlussfähig, aber gedanklich völlig entgrenzt ist Harte Tasche. Der Norweger in Berlin zündet auf seiner EP ein Referenzen-Feuerwerk, das er selbst in einem ausschweifenden Substack-Post aufdröselt. Zwischen japanischer Pflichtethik, obskurer Sci-Fi-Literatur und dem Yellow Magic Orchestra bewegt sich „Shikata Ga Nai“. Doch das introvertierte, synthielastige Kleinod funktioniert auch ohne Theorie.
Achtung Hypeprognose: Barbicop trifft den Nerv der Clubgänger und der Gen Z. Synthie Electro Pop, der live mit Backing Track und Drummer in einen betörenden TripHop-Techno-Strudel gedreht wird. Mutanten-Pop mit Samplefetzen, der sich an Beats entlangschlängelt – und mit einer samplebasierten Metaebene arbeitet, die das Dargebotene fast psychoanalytisch reflektiert. „Vide“ ist Internetpop in Reinform – noch Nische, aber längst mit Fernwirkung.
Ästhetisch nicht weit davon entfernt, bewegt sich Luis Ake. Zwischen Kitsch, Weirdness und LoFi-Produktionen produziert er einen käsigen Pop, der Bilder malt wie ein 90er-Wackelposter. Für Fans von Fuffifufzich – und alle, die keine Angst vor Pop haben.
Meagre Martin hingegen wohnen bei Mansions and Millions und machen den wohl zärtlichsten Indie der Hauptstadt. 80er-Wave trifft 90er-Verschraubung, dazu die wolkige Stimme von XY. „Frankie“ ist ein Song wie ein Wattebausch. Man will sich reinlegen.
Gegenbild? Plattenbau. Das Berliner Quartett spielt einen krachenden, kantigen Noise-Rock mit Punk- und No-Wave-Kante. „Revenge Body“ brüllt gegen alles Weiche an und liefert für Fans von 80er-Postpunk die richtige Portion Kälte plus Herzfrequenz.
„Nein! Doch! Oh!“ vereint drei Schwergewichte des Deutschraps – zwei davon Berliner: Juse Ju, Fatoni und der mythisch-unkalkulierbare Edgar Wasser. Letzterer zeigt mit seinem mehrfach gebrochenen Battlerap wieder mal, wo der Hammer hängt. Die Tour? Fast ausverkauft. Keine Überraschung bei dieser Schlagkraft.
Im Orbit des Undergrounds leuchtet Audio88 heller, je näher man ihm kommt. „Schlingensief im Dschungelcamp“. Seine neue Platte „Böse Wörter“ erschien am 2. Mai und steckt schon mit zwei Auskopplungen misanthropisch-absingende Claims ab. Battlerap war selten so wohltuend ernüchternd und dabei kunstvoll.
Frisch, smooth, Skills ohne Ende: NALI und Heliocopta auf Boom-Bap-Produktionsbasis von Figub Brazlevic. „Memoriam“ tropft lässig und dient als Appetizer für NALIs kommendes Album auf Krekpek Records.
Ronis Goliath schlägt die Brücke von Berlin nach Westafrika. Amapiano, Dancehall, neue afrikanische Stile – alles gebündelt in einem warmen, emotionalen Pop, der auch auf der Straße funktioniert, wo Ronis mit Vorliebe spielt und immer mehr Leute begeistert. Noch steht er am Anfang – aber das hier könnte groß werden.
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