Musik

Drangsal über sein neues Album: „Ich will den Cringe entcringen“

Das neue Album von Drangsal heißt „Exit Strategy“, es regieren Pathos und Humor. Warum will der einst bissigste Popstar Berlins nicht mehr cool sein – und nennt sogar einen Song „Schnuckel“? Wir haben mit dem Musiker, der eigentlich Max Gruber heißt, über Cringe, Kitsch und Schamgrenzen gesprochen.

Drangsal schämt sich für vieles – aber nicht für Pathos, Äußerlichkeiten oder seinen Musikgeschmack. Foto: Max vom Hofe
Drangsal schämt sich für vieles – aber nicht für Pathos, Äußerlichkeiten oder seinen Musikgeschmack. Foto: Max vom Hofe

Drangsal wünscht sich oft die Exit Strategy

tipBerlin Drangsal, dein neues, drittes Album heißt „Exit Strategy“. Wann wolltest du das letzte Mal ganz, ganz dringend raus aus einer Situation?

Drangsal Vorgestern. Reicht das oder soll ich mehr erzählen?

tipBerlin Wenn es nicht zu kompromittierend ist.

Drangsal Es wäre sehr kompromittierend. Ich bin mit mir selbst schon überfordert, und wenn dann die Befindlichkeiten anderer Menschen dazukommen, hätte ich oft gern eine Exit Strategy.

tipBerlin Dein Song „Urlaub von mir“ handelt von Selbstüberdruss…

Drangsal Die ganze Platte handelt davon! Sowas sieht man aber immer erst mit Abstand. Wenn man noch mittendrin steckt, fragt man sich eher: Ist hier die Snare zu laut? Passt das Master? Erst, wenn man das Bigger Picture sieht, denkt man: Fuck, da geht’s ja überall um denselben Mist! Ein Album zu machen, ist wie ein tausendteiliges Puzzle zusammenzusetzen. Wenn du anfängst, weißt du noch nicht, was das Bild ergeben wird.

tipBerlin Beim Song „Schnuckel“ habe ich gedacht…

Drangsal …der Typ verliert seinen Verstand?

tipBerlin Vor allem habe ich gedacht, dass das nur sehr wenige Leute singen könnten, ohne sich komplett lächerlich zu machen.

Drangsal Das schönste Kompliment, was mir je einer zu meiner Musik gemacht hat, war: Jeden anderen würde man dafür auslachen. Diese Narrenfreiheit finde ich saugeil. In einem Song das Wort „Zuckerpuppe“ zu singen, ist of course provokant, weil sich das nicht gehört für einen Feuilletonliebling-Indie-Schmindie-Künstler. Aber ich liebe den Spagat zwischen Wendungen wie „Omnipräsenz trotz Renitenz“  und „Komasaufen“.

tipBerlin Humor und Musik ist oft eine gefährliche Kombination.

„Schnuller. Was ein Wort! Oder auch Pampers! Zuckermaus!“

Drangsal Meine Musik ist kein Joke. Sie ist lustig, aber eben kein Witz. Man soll mal drüber lachen, sie auch lächerlich finden können. Ich bin darüber weg, mich so ernst zu nehmen. Weißt du, was mich noch krass anschiebt? Schnuller. Was ein Wort! Oder auch Pampers! Zuckermaus! Schnecke! Schlimme Worte. Glitschige Worte. Sowas will ich. Ich mag dorthin gehen, wo Sprache Cringe wird. Jemand hat mal auf Twitter geschrieben: Ich fänd Drangsal geil, wenn seine Texte nicht so Cringe wären. Und ich dachte: Danke! Ernsthaft!

tipBerlin Was macht Spaß daran, „cringy“ zu sein?

Drangsal Ich will den Cringe entcringen. Ich mag nicht cool sein, weil ich leider nicht besonders cool bin. Leute sagen immer, ich wirke total selbstbewusst, und mit der Glatze sehe ich jetzt auch ein wenig gefährlich aus. Aber eigentlich bin ich ganz klein und cringy, und das finde ich schön.

Eigentlich klein und cringy: Max Gruber alias Drangsal. Foto: Max vom HofeFoto: Max vom Hofe
Eigentlich klein und cringy: Max Gruber alias Drangsal. Foto: Max vom HofeFoto: Max vom Hofe

tipBerlin Hast du auch Schamgrenzen?

Drangsal Natürlich. Ich schäme mich für super vieles. Für Sachen, die ich gesagt hab, für Verhalten, das ich nicht hinterfragt hab. Für Lügen. Aber ich schäme mich nicht für Äußerlichkeiten oder meinen Musikgeschmack.

tipBerlin Nicht mal für die Rave-Synthesizer im Titelsong „Exit Strategy“? Die wären den meisten sicher zu drüber.

„Ich liebe Pathos. Ich liebe unironisch TicTacToe“

Drangsal I don’t give a shit! Wenn du Musik so hörst, hast du in meinen Augen verloren. Ich liebe Pathos. Ich liebe unironisch TicTacToe, und ich möchte damit auch hausieren gehen, weil ich nicht so tun will, als würde ich den ganzen Tag Blumfeld hören. Don’t get me wrong: Ich liebe Blumfeld, aber wenn ich die höre, muss ich halt googeln, was „Litanei“ bedeutet. Meine Musik ist für mich wie Hubba Bubba, zuckersüß, ungesund und schmeckt nur kurz intensiv. Ich bin gut darin, so zu tun, als sei ich schlau. Als seien all diese Geschmacklosigkeiten Genregrenzen sprengender Mut. Man kann aber auch sagen, das ist peinlicher Schlagermüll. Beides ist okay.

tipBerlin Warum ist Kitsch so kraftvoll?

Weil er einfach ist. Wir leben in einer Welt, die täglich komplexer wird. Aber ein „Küss mich, Baby“, ausgestreute Rosenblätter, Satinbettwäsche – das ist alles einfach zu verstehen. Vielleicht ist Kitsch auch eine Exit Strategy, eine Ablenkung von der ganzen Scheiße. Wenn alles immer schwieriger zu durchsteigen ist, will ich gegensteuern und dumme Musik machen.

tipBerlin Dafür ist deine Musik im Gegensatz zu, sagen wir, Bloodhound Gang oder Rammstein aber erstaunlich unproblematisch.

Drangsal Was heißt unproblematisch! Ich war saulange sauproblematisch. Was ich schon über andere Künstler gesagt hab, geht auf keine Kuhhaut.

tipBerlin Das war zu Beginn deiner Karriere deine Rolle: der Lästerer, der gegen alle schießt, ob Isolation Berlin oder Balbina.

Drangsal Ja, und die Rolle habe ich dann super gerne gespielt. In den vergangenen Jahren habe ich mich sehr oft aufrichtig entschuldigt. Und sehr viel therapeutische Aufbauarbeit an mir selbst geleistet. Ein paar Türen, die ich mir selbst zugenagelt habe, werden nie wieder aufgehen. And that’s fine. Aber ich bin eben keine 21 mehr und find es nicht cool, ein Hater zu sein. Es ist so leicht, Leute von dir fernzuhalten, indem du eklig bist. Das ist eine Form von Kontrolle, aber ätzend.

„Es ist nervig, wenn man merkt, dass man ein Wichser ist“

tipBerlin Welche Sache, die du im Leben gelernt hast, würdest du gern wieder verlernen?

Drangsal Zumindest für Momente: echte Reflexionsfähigkeit. Es ist nervig, wenn man merkt, dass man ein Wichser ist. Dieser Nach-mir-die-Sintflut-Fuck-you-all-Typ zu sein, war schon entspannter. Aber ich bin okay damit, wie es jetzt ist. I am fine. 6 von 10.


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