Berliner Labels

Edition Telemark – Das Berliner Label setzt auf neue Hör-Erfahrungen

Experimentelles und Avantgarde aus Prenzlauer Berg: Alexander Meyer veröffentlicht auf seinem Label Edition Telemark Musik, die es vorher so noch nicht gab, unabhängig davon, ob sie „schön“ oder „gut gespielt“ ist. Künstlerschallplatten, Fluxus, Freie Improvisation, ungewöhliche Ideen – wichtig ist die neue Erfahrung, das Abenteuer des Hörens. Natürlich steht das Label für eine Nische, aber ohne solcher Nischen wäre die Berliner Musiklandschaft ärmer.

Edition Telemark: Komponist und Improvisationsmusiker Werner Durand (li.) mit 
Labelchef Alexander Meyer am Plattenregal
Komponist und Improvisationsmusiker Werner Durand (li.) mit Labelchef Alexander Meyer am Plattenregal. Foto: Harry Schnitger

Veröffentlichungen der Edition Telemark: Simple, elegante Konzepte, die klanglich weit tragen

„Wenig Material, große Wirkung. Am liebsten ist mir, wenn das Konzept simpel und elegant ist, klanglich aber weit trägt“, sagt Alexander Meyer und verweist auf das Stück „Nachtflug“ von Peter Behrendsen, das aus simplen, hörbar gemachten Fledermausklängen besteht; das sei prototypisch für sein Label – die Edition Telemark. Auf einer anderen Veröffentlichung hat die Berliner Free-Jazz-Legende Sven-Åke Johansson sonore Seewarnnachrichten zu einer Klangskulptur collagiert.

Und Wolfgang Seidel, einst der Ur-Schlagzeuger der Ton Steine Scherben, seit vielen Jahren in diversen Solo- und Gruppenprojekten in der experimentellen Echtzeitmusik-Szene unterwegs, hat ein eingesprochenes Kunst-Manifest seines Weggefährten vertont, des Elektronik-Pioniers Conrad Schnitzler, der Ende der 1960er-Jahre mit dem Zodiac in West-Berlin einen der ersten Underclubs eröffnete. Schnitzler war an den frühen Elektronik-Kompositionen von Tangerine Dream beteiligt und verwirrte Passanten auf dem Ku’damm, wo er als „menschliche Klangwolke“ mit elektronischen Sounds unterwegs war.

Ohne Meyer und sein Label würde es diese Aufnahmen nicht geben. Jedenfalls nicht in Form regulärer Veröffentlichungen. Natürlich auf Vinyl gepresst, mit gut gestalteten Covern, Begleittexten und Fotos. Die Edition Telemark ist ein kleines Label, das aus Prenzlauer Berg heraus die denkbar ungewöhnlichsten Produktionen in die ganze Welt verschickt. Bis in die USA, Japan und China reicht der überschaubare, aber treue Kundenstamm. „Der Grundgedanke hinter jeder Platte ist, dass auf ihr ein kompositorisches Konzept, eine musikalische Idee zu hören ist, die es vorher noch nicht so gab, zumindest nicht im Entstehungskontext der jeweiligen Musik“, erklärt Meyer. Wer schon 1.000 LPs hat, soll sich diese eine auch noch kaufen, weil man durch sie noch etwas Neues erfährt. Genau diese neue Erfahrung ist das, was Meyer antreibt und wofür sein Label steht.

In der Realität sind es 200 bis 300 verkaufte Exemplare

2010 kam er zum Studium nach Berlin, nach dem Abschluss der Bibliotheks- und Informationswissenschaften arbeitet er als Software-Entwickler im Bereich Information Retrieval. „Vom Label leben könnte man, wenn man pro LP mindestens 500 Exemplare verkauft“, sagt er. In der Realität sind es 200 bis 300 verkaufte Exemplare. Wenig, Avantgarde eben. Eine Nische. Musik, die für den Mainstream oft als zu „kompliziert“ begriffen wird, oftmals ohne sie zu kennen.

Der Weg zur Avantgarde verlief für Meyer über die Stationen Gitarrenmusik, Garagenpunk, Soul und Psychedelic Rock. „Wer Musik aus den 60ern hört, stößt automatisch darauf. Von Velvet Underground zu La Monte Young, von Yoko Ono zu Fluxus, von Krautrock zu akademischer elektronischer Musik. Den Namen John Cage hatte man ohnehin schon mal irgendwo gelesen und Free Jazz auch schon gehört“, sagt er.

Barbara Proksch ‎– Räderwerk Durch Zeitzonen

Irgendwann kaufte er sich die LPs der experimentellen Münchner Musik- und Theatergruppe PHREN, darüber entdeckte er das Münchener Festival Experimentelle Musik und sah dort den zumeist mit Tonbändern und einer Geige operierenden Experimentalmusiker Hans Essel. „Er gefiel mir sehr gut, aber es gab noch keine Platten von ihm, also fragte ich ihn, ob er Lust hätte, eine LP zu machen“, erinnert sich Meyer. Das war 2013; seitdem sind etwas über 50 LPs erschienen. Künstlerplatten, Freie Improvisation, Neue Musik und anderes. Mehrere Berliner Künstler und Künstlerinnen sind im Katalog. Die aus Australien stammende Violinistin Brianne Curran, die 1943 in Berlin geborene bildende Künstlerin Barbara Proksch oder der englische Tuba-Spieler und Komponist Robin Hayward, der ebenfalls in Berlin lebt.

Meyer sagt zwar, dass Berlin als Heimat seines Labels keine besondere Rolle spiele und viele der Platten mit den Berlinern auch entstanden wären, wenn er nicht in Berlin wohnen würde. In gewisser Weise steht die Edition Telemark aber dennoch in der Avantgarde-Tradition dieser Stadt. Zum einen bekam der junge Labelchef in der Anfangsphase Unterstützung von Daniel Löwenbrück, der in Berlin bis vor kurzem die Plattenladen-Galerie Rumpsti Pumsti und das Label Tochnit Aleph betrieb und dort experimentell und improvisierend arbeitenden Musikern ein Forum bot. Vor allem in Fragen zur Herstellung und Vertrieb konnte Löwenbrück mit seinen Erfahrungen helfen.

Grande Dame der Berliner Avantgarde

Viel wichtiger sind aber zwei andere Namen für die Geschichte der Edition Telemark. Erstens der Kölner Fluxus-Sammler Marc Schulz, durch dessen Eingaben etwa die Veröffentlichungen mit den Fluxus-Künstlern Joe Jones, Takako Saito und Philip Corner entstanden, sowie Werner Durand. Der Berliner Komponist und Improvisationsmusiker Durand arbeitete seit 1981 in der Plattenladen-Galerie Gelbe Musik. Lange bevor die Edition Telemark, die Neuköllner Echtzeitmusik oder die Treptower Galerie Rumpsti Pumsti auf der Bühne erschienen, versorgte die Grande Dame der Berliner Avantgarde, Ursula Block, in ihrem Laden in der Wilmersdorfer Schaperstraße die internationale Fanszene mit seltenen, abwegigen und in jeder Hinsicht abenteuerlichen Tonträgern.

„Marc Schulz und Werner Durand sind nicht nur Freunde von mir, sie sind zu Co-Kuratoren des Labels geworden“, sagt Meyer. Aus Durands Archiv soll ab 2022 verschiedenes Material veröffentlicht werden. Trotz Corona geht es natürlich weiter mit der Edition Telemark. Auch wenn Meyer die Produktionskosten zusetzen, wie die durch den Vinyl-Boom entstandenen Terminschwierigkeiten bei den wenigen Presswerken. „Wenn Metallica anklopft, wird Edition Telemark als Kunde nicht mehr gebraucht. Auch der unsägliche Record Store Day führt jährlich zu noch volleren Terminkalendern bei den Presswerken, ohne dass ein Label wie meines davon etwas hätte“, erklärt er.

Edition Telemark: Musikalische Emotionalität und Expressivität spielen keine Rolle

Fünf bis zehn neue Platten erscheinen bei Telemark im Jahr, alles neu, niemals Wiederveröffentlichungen. Aus welcher Generation die Acts stammen, ist Nebensache. Es geht stets um die musikalische Idee, nie darum, ob da ein schönes Stück ist, oder gar, ob jemand „gut spielt“. So viel Freiheit würde man sich auch jenseits der experimentellen Musik wünschen. Hier gilt Meyers Credo: „Musikalische Emotionalität und Expressivität spielen keine Rolle. Ernstalbrecht Stiebler sagte mal, Musik sei zu schade, um sie mit Emotionen zu befrachten.“ Keine Emotionen! Demnächst erscheint bei der Edition Telemark die Platte „Unfamiliar Home“, eine Klangkomposition aus Aufnahmen, die die Künstler während der energetischen Modernisierung ihres Wohnhauses in Prenzlauer Berg gemacht haben.


Weitere Informationen zur Edition Telemark finden sich auf www.edition-telemark.de


Mehr Berlin, mehr Musik

Leb wohl, Bob Rutman. Zum Tod des legendären Berliner Musikers. Die Museen und Galerien in Berlin sind geöffnet – die wichtigsten Ausstellungen. Der Lagebericht zu Berliner Clubs: Wie es um sie steht – und was jetzt nötig ist. Er ist eine Legende: David Bowie in Berlin – 12 Dinge, die man wissen sollte.

Berlin am besten erleben
Dein wöchentlicher Newsletter für Kultur, Genuss und Stadtleben
Newsletter preview on iPad