Rap

Berliner Rapper Grim104: „Imperium“ und Großstadtmoloch

Grim104, ein Teil des Berliner Rap-Duos Zugezogen Maskulin, ist bekannt für abstrakte, wenig zugängliche Musik. Es braucht Zeit, alle Anspielungen in seiner Kunst zu verstehen, manchmal auch etwas Recherchegeschick. Wer Muße mitbringt, wird dafür belohnt. Das gilt wohl auch für sein drittes Solo-Album „Imperium“. Darauf befasst er sich mit historischen Kontinuitäten – und zeichnet Berlin als Weltmetropole der gesellschaftlichen Freiheit und einer bedrückenden Einsamkeit, im Stil der Avantgarde der 1920er-Jahre. Was ist denn da los? Unser Autor fragte Grim104 persönlich.

Nicht grundsätzlich abgefuckt: der Berliner Rapper Grim104. Foto: Luca Godec

Berliner Rapper Grim104 und sein „Imperium“

Auf ihrem vor fast zwei Jahren erschienenen Album „10 Jahre Abfuck“ träumten Grim104 und Testo von der Berliner Band Zugezogen Maskulin noch vom „Exit“. Genervt von der in der Musikindustrie um sich greifenden Verwertungslogik, von anbiedernden PR-Aktionen und kindlichen Twitter-Streitereien spielten sie offen mit dem Gedanken an ein Leben fernab der Musik. Seither treten die beiden Feuilletonlieblinge mit Projekten abseits der Band in Erscheinung. Zusammen moderieren sie den Podcast „Zum Dorfkrug“, in dem sie mit prominenten Gästen über das Aufwachsen in der Provinz sprechen.

Darüber hinaus hat Testo im Frühjahr mit „Nullerjahre“ einen unbedingt lesenswerten Roman über sein Aufwachsen in der Post-Wende-Anarchie in Stralsund geschrieben, der einen der wichtigsten Debattenbeiträge zum Ostdeutschland-Diskurs der letzten Jahre darstellt. Sukzessive erkunden die beiden also Wege, auch außerhalb der Musik künstlerisch wahrgenommen zu werden. Zum Glück kehren sie dem Rap aber nicht komplett den Rücken. Momentan nutzen sie den entspannten Pandemie-Sommer, um ihr Album endlich live zu spielen. Und Grim104 veröffentlicht mit „Imperium“ sogar ein neues Solo-Album, sein nunmehr drittes.

Das Albumcover ziert eine Videothek in 2000er-Ästhetik, die groß mit DVD- und VHS-Logo wirbt. Ihr monumentaler Name „Imperium“ wird durch die kurze Dauer der Videotheken-Ära und ihrer Ablösung durch Streamingdienste konterkariert: Jedes Großreich geht eines Tages unter. Das Motiv der Vergänglichkeit beschäftigte Grim104 bereits auf seinem vorherigen, zweiten Album „Das Grauen, das Grauen“, als er phasenweise in die Haut eines Vampirs schlüpfte; auf „Imperium“ ist das Sujet erneut zentral.

„Als ich eins war, war Hitler hundert“

Passend dazu treffen wir uns für ein Gespräch auf einem Weddinger Friedhof – ein Ort, an dem das Vergangene und das Gegenwärtige zusammenfinden. „Ich bin gerne auf Friedhöfen unterwegs“, sagt Grim104. Hier fand er auch die Inspiration für seinen Song „Komm und Sieh“, dessen Titel an einen sowjetischen Antikriegsfilm des Regisseurs Elem Klimow (1933–2003) angelehnt ist. Im Song entfaltet Grim104 das Bild eines langen und ereignisreichen 20. Jahrhunderts, in dem man unter einem Kaiser geboren werden und dennoch gute siebzig Jahre später im Altersheim von langhaarigen Zivildienstleistenden Nirvana vorgespielt bekommen konnte. Ein Song, der dabei vor allem historische Kontinuitäten betont: „Denn als ich eins war, war Hitler hundert / Spür seine Hände in meinen Haaren / Finger wandern mein Gesicht hinunter“, heißt es in dem Track.

Grim104 kramt auf einer Friedhofsbank sein Smartphone hervor und zeigt ein Bild, auf das er kürzlich im Internet gestoßen ist. Es zeigt eine alte Umspannstation auf dem einstigen Nürnberger Reichsparteitagsgelände der NSDAP, in der heute eine Burger-King-Filiale untergebracht ist. An einer Seite des klassischen NS-Bauwerks lassen sich noch gut die Umrisse eines Reichsadlers ausmachen, der damals das Hakenkreuz in seinen Krallen hielt.

Historische Kontinuitäten, die mehr oder weniger im Verborgenen weiterleben, faszinieren Grim104, denn sie bestimmen das Heute. Imperien mögen untergehen, ihre Spuren bleiben. Zumindest solange es Menschen gibt, die durch sie geprägt werden. Sie werden, genauso wie die Welt, in der sie aufwachsen, geformt durch die Ansichten und Taten ihrer Elterngeneration, ganz gleich, ob sie sie denn mögen oder nicht. Das Selbst als Produkt seiner Umwelt. Ein beruhigender wie deprimierender Gedanke, der in unserer auf Produktivität getrimmten Industriegesellschaft therapiewürdig erscheinen kann: „Ich bin der Herrscher dieses Reichs aus Melancholie / Und verlass es nur am Dienstag für die Therapie“, rappt Grim104 auf dem Titeltrack.

Chillen mit Angst-Hemmern

Grim104 zeigt sich auf seinem neuen Album von einer persönlicheren Seite als auf seinen bisherigen Releases. Zwar hat der Rapper immer noch einen Hang zu Metaebenen und verdeckten gesellschaftlichen und popkulturellen Bezügen, greift aber für seine Verhältnisse auf erstaunlich wenige Verfremdungseffekte zurück. Weder rappt er aus der Sicht eines Vampires, noch sucht er die ständige Überspitzung: „Ich muss nicht versuchen, den Berufsjugendlichen zu mimen, der noch unbedingt das coole Wort benutzt oder das tagesaktuelle Avantgarde-Meme reinbringt, sondern finde es inzwischen auch in Ordnung, mich selbst zuzulassen“, sagt er.

Produziert wurde das Album zum einem großen Teil von Kenji451, der schon früher viel mit Grim104 zusammengearbeitet hatte. Er versteht es vorzüglich, einen melancholischen, leicht old-schooligen, aber niemals gestrigen Sound zu kreieren, der die Grundstimmung des Albums prägt und Grim104s Lyrics gelungen untermalt. Lange hatte sich Grim104 gegen gesungene Hooks auf seinen Releases gewehrt, nun lässt er sie auf zwei Songs erstmals zu: „Ich dachte mir, es reicht, wenn ich mit meinen Gedanken schon so viel im Gestern schwelge, dann kann wenigstens die Musik jung und modern sein.“ Und tatsächlich fügen sich die Refrains von LGoony und dem japanisch-deutschen Musiker Kaiii vortrefflich in das melancholische Soundbild des Albums ein.

„Imperium“ ist nicht nur ein Album über Vergänglichkeit, sondern auch eins über Berlin, das die Stadt (wie die Bildenden Künstler der Weimarer Republik) als Großstadtmoloch zeichnet. Anders als Otto Dix oder George Grosz porträtiert Grim104 aber keine verarmten Kriegsveteranen, sondern die resignierten Bewohner einer Stadt, die auf ihren täglichen Arbeitswegen von U-Bahnwerbungen für medizinische Studien, Pfand- und Kreditverleiher in ihren verbliebenen Grundbedürfnissen angesprochen werden und diese Tristesse nur durch die volle Betäubung, zum Beispiel durch Einnahme von Angst-Hemmern wie Benzodiazepinen, für einen Moment stummschalten können: „Krieg keine Luft, ich kann nicht mehr laufen / Ich brauch eine Pause, lass mich kurz chillen“, singt der Cloud-Rapper LGoony in der Hook zu „Numb“.

Auf dem Song „Das Versprechen“ erzählt Grim104 davon, wie er in einer beengten Hinterhauswohnung mit dünnen Wänden seine Nachbarn beim täglichen Streiten hört und stiller Zeuge häuslicher Gewalt wird. Der Track verhandelt auf bedrückende Weise das Thema der Zivilcourgage, die in der Berliner Anonymität oft zu kurz kommt. In einer Weltstadt, in der Menschen schnell aus festen sozialen Strukturen herausfallen können, „koexistieren gesellschaftliche Freiheit und Einsamkeit auch“, sagt Grim104, der aber gerne weiter im Wedding wohnen bleibt, „denn das Leben in der Großstadt ist auch das, was du draus machst.“ Für ihn scheint es wohl gut zu funktionieren, regelmäßige Spaziergänge auf Friedhöfen zu unternehmen und so all der Hektik und Tristesse des Großstadtmolochs für einige ruhige Momente zu entfliehen.


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