Interview

Keimzeit mit neuem Album: “Ich mag Helden aus der zweiten Reihe”

Die Brandenburger Kultband Keimzeit feiert ihr 40-jähriges Jubiläum mit dem neuen Album „Kein Fiasko“. Sänger Norbert Leisegang erzählt von alltäglichen Katastrophen und Heldentaten, Fontane und Kraftklub, Höhen und Tiefen – und neuen Wünschen, die nach vier Jahrzehnten Bandgeschichte aufkommen.

Mit seiner Band Keimzeit steht Norbert Leisegang seit 40 Jahren auf der Bühne. Foto: Imago/Pop-Eye/Ben Kriemann

Keimzeit-Sänger Norbert Leisegang: “Die Welten von Leuten, die um mich herumkreisen”

tipBerlin Herr Leisegang, die neue Keimzeit-Platte heißt „Kein Fiasko“. Aber befinden wir uns gerade nicht doch in einem Fiasko?

Norbert Leisegang Als ich den Song geschrieben habe, habe ich nicht an die Pandemie gedacht. Wir haben doch alle eh täglich mit eigenen Katastrophen zu kämpfen. Wenn wir dann aber jemanden haben, der uns tröstet, ist schon so viel Kummer weggefegt – wie bei dem kleinen Jungen im Lied. Ich schreibe eigentlich nie mit gesellschaftlich politischem Bezug. Das können andere viel besser. Wenn ich das machen würde, würde das wahrscheinlich wirklich in einem Fiasko enden. Letztendlich kümmere ich mich eher um meine innere Welt und um die Welten von Leuten, die um mich herumkreisen. Manchmal überschneidet sich das mit Weltgeschehen; das ist dann aber wirklich reiner Zufall.

tipBerlin Dieses Jahr gibt es viel zu feiern: 40 Jahre Keimzeit und das neue Album „Kein Fiasko“. Wie fühlt sich das an?

Norbert Leisegang Als inzwischen 13. Studioalbum ist „Kein Fiasko“ schon ein Œuvre geworden. Ich bin dankbar für die vielen Jahre mit Keimzeit und freue mich, dass wir nach all den Höhen und Tiefen hier angelangt sind. Das Album fühlt sich für mich sehr reif und glaubwürdig an. Wir haben ja nie etwas verschwiegen, wir haben das gefeiert, was es zu feiern gab. Mittlerweile bin ich 61 Jahre alt und schaue auf das aktuelle Werk mit einem gewissen Stolz.

Auch nach 40 Jahren noch frisch: die Band Keimzeit um Sänger Norbert Leisegang (Mitte). Foto: Bernd Brundert/Copyright DT-M

tipBerlin Wie schafft man es überhaupt, so lang durchzuhalten?

Norbert Leisegang Es ist eigentlich nicht zu schaffen. (lacht) Es ist immer wieder ein Wunder, dass man 40 Jahre lang als Sänger und Schreiber auf der Bühne stehen darf. Es gibt halt auch einfach keine Alternative für mich. Also: Ich kann nichts anderes mehr tun und konnte es vielleicht auch nie. Es ist ein Wunder und ein Privileg.

tipBerlin In so einer langen Karriere kommt man natürlich nicht an Problemen und Umbrüchen vorbei …

Norbert Leisegang Natürlich ergeben sich über die Zeit Kontroversen und Konflikte. Die gehören nun mal dazu. Zum anderen ist es auch schmerzlich, wenn man sich von Wegbegleitern trennen muss. Die Keimzeit-Familie ist ja auch immer mal wieder geschrumpft, aber dann halt auch wieder gewachsen. Diese Konflikte müssen durchlebt werden um am besten auch in die Musik einfließen zu können.

tipBerlin Klassischer Bluesrock, südamerikanische Rhythmik oder zeitgenössische populäre Einflüsse wie Reggae, Funk und Indie-Rock: Keimzeit experimentiert gerne mit genreübergreifenden Kompositionen. Durch teils radikale Stilwechsel haben sich im Laufe der Jahre aber auch einige Fans von Keimzeit entfernt. Stört Sie das nicht?

Norbert Leisegang Mit dem Album „Im elektromagnetischen Feld“ von 1998 haben sich ne ganze Menge naturalistische Keimzeit-Liebhaber verabschiedet. So ist es immer mal wieder passiert. Manchmal braucht man halt ein bisschen Abstand, um dann möglicherweise nach einer Dekade wieder zurückzufinden.

Norbert Leisegang: “Wir versuchen nicht, 30 Jahre alt zu sein”

tipBerlin Wie hat sich das Publikum im Laufe der Jahre verändert?

Norbert Leisegang Ursprünglich kamen unsere Fans ja vor allem aus Studentenkreisen. Irgendwann haben wir gemerkt, dass diese Ära vorbei war, dass das Publikum älter wurde und sich die Jüngeren neue Bands suchten. Das ist zwar schade, aber auch organisch. Als wir anfingen, gab’s ja auch schon alte Barden, die dann wegen uns ihre Fans entbehren mussten. Mittlerweile bringen viele Leute ihre Kinder mit zu unseren Konzerten. Insgesamt findet sich bei Keimzeit ein Publikum, das aufmerksam ist, nostalgisch auch ein wenig, aber aufgeschlossen für neue Songs und Alben. Da spielt das Alter dann keine Rolle mehr.

tipBerlin Was erwartet uns auf dem neuen Album?

Norbert Leisegang Authentizität. Wir versuchen nicht, 30 Jahre alt zu sein und es irgendwem recht machen zu wollen. Die Themen des Albums sind auf mich zugeflogen: Wie bei „Mädchen für alles“ und „Hausmeister“, wo es um Leute geht, die im Hintergrund alles aufrechterhalten und häufig zu wenig wahrgenommen werden, oder „Plastiktütenmann“, wo ich kleine Macken und Marotten verhandle, die wir ja alle in unterschiedlichsten Formen haben. Ich mag Helden aus der zweiten Reihe und rücke sie auf „Kein Fiasko“ in den Vordergrund.

tipBerlin Neben den pointierten Alltagsbeschreibungen liefert auch der Live-Charakter den passenden soundtechnischen Rahmen. Warum haben sie sich gegen das übliche Schichtaufnehmen entschieden?

Norbert Leisegang Wir haben ja früher viel in Schichten gearbeitet und alles einzeln eingespielt. Mittlerweile sind wir dazu übergegangen, die Band so aufzunehmen, wie sie klingt. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass wir alle handwerklich versierter geworden sind und uns nur noch zusammen mit einem guten Produzenten in einen Raum stellen müssen. Den Rest macht dann die Musik.

Keimzeit hat sich während der langen Karriere immer wieder neu erfunden Foto: Bernd Brundert/Copyright DT-M

tipBerlin Gab es konkrete Einflüsse, die „Kein Fiasko“ geprägt haben?

Norbert Leisegang Ich bediene mich insgesamt in der Popmusik und auch im Textlichen und beobachte, was die neuen Generationen so machen. Wie zum Beispiel der Chemnitzer Felix Kummer von Kraftklub oder die grandiose Dota Kehr. Außerdem habe ich immer ein Buch zur Hand und denke oft: Aus dem Gedanken sollte man mal ein Lied machen. Dann kommt noch Kino, Theater dazu. Ich lasse mich einfach gerne inspirieren. Der Katalog ist groß.

Keimzeit und die DDR: “Meine Vergangenheit ist und bleibt immer Teil meiner Identität”

tipBerlin Welche Rolle spielt Brandenburg?

Norbert Leisegang Also der Volksmusik, die hier traditionell gemacht wird, bin ich nicht so verbunden. Ich schaue halt eher auf Musik als auf meine Heimat – höchstens vielleicht auf Fontane. Ich war in den letzten Jahren sehr viel auf den Spuren des Schriftstellers unterwegs und der war ja auch Brandenburger. Das ist aber vielleicht etwas zu weit hergeholt, dass mich Fontane in meinen Songs inspiriert. Zumindest nicht direkt.

tipBerlin Wie äußert sich Ihre DDR-Vergangenheit in den Songs?

Norbert Leisegang Meine Vergangenheit ist und bleibt für immer Teil meiner Identität. Ich bin 1960 in Brandenburg geboren und habe die 70er und 80er in der DDR miterlebt. Das hat mich natürlich geprägt. Die Wende und die Neunziger habe ich dadurch umso bewusster wahrgenommen. Insofern wäre es Quatsch, zu sagen, die vielen Jahre in der DDR hätten bei mir gar keine Rolle gespielt. Der Unterschied ist halt, dass ich früher so ein junger Typ war. Mittlerweile bin ich ins reife Alter gekommen, sodass ich gesellschaftliche und politische Ereignisse anders einschätze und erlebe, als ich es mit 25 in der DDR getan habe.

Keimzeit in Kesselhaus. Seit Jahrzehnten bleibt die Band der Kulturbrauerei treu. Foto: Imago/Pop-Eye/Ben Kriemann

tipBerlin Die Berliner Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg gehört zu euren absoluten Lieblingsauftrittsorten. Verkörpert die Location ein gewisses Ost-West-Gefühl?

Norbert Leisegang Die deutsch-deutsche-Geschichte ist natürlich auch in diesem Raum zu spüren, für alle, die sie wahrnehmen wollen. Aber insgesamt geht es mir eher um die aktuelle Rolle, die ein bestimmter Ort während eines Auftritts einnimmt. Ob dann die Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg liegt oder in Moabit, ist mir dann in dem Moment Stulle. Ich sehe ja Berlin als historisch einheitliche Stadt. Abgesehen von diesem Fiasko, dass so ein Machtwettstreit Berlin irgendwann mal getrennt hat, funktioniert das ja hier alles als Einheit und nicht als Ost und West.

tipBerlin Welche Ziele gilt es nach 40 Jahren Keimzeit noch zu erreichen?

Norbert Leisegang Inzwischen empfinde ich eher eine Art Demut für alles, was passiert ist. Wenn ich in die Zukunft schaue, wünsche ich mir natürlich, dass die schönen Künste wieder auf die Bühne können. Ich wünsche mir, dass wir das Album dieses Jahr auch noch auf die Bühne bringen und unser Publikum mitfeiert. Wenn wir dann am Ende von 2022 sagen können, es war ein gutes Jahr, wir fühlen uns gesellschaftlich wieder gesund, dann ist mein Wunsch in Erfüllung gegangen.

  • Keimzeit „Kein Fiasko“ (Indigo)
  • Konzert in Berlin am 23.11. und 15.12. im Kesselhaus, Tickets und Infos hier

Mehr Musik

Noch nicht 40 Jahre dabei, aber jetzt schon eine Legende: Casper mit neuem Album: “Seit XOXO laufe ich Ehrenrunden”. Wenn schon Musealisierung, dann bitte aus Lego: Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow sprach mit uns über „Nie wieder Krieg“. Unser Autor fand erst spät zur Band: Seinen langen Weg zum Tocotronic-Fan lest ihr hier nach. „Ich war ein Zombie“, sagt uns Zach Cordon alias Beirut im Gespräch über Musik und seelische Gesundheit. Ihr interessiert euch für Musikgeschichte? Dann besucht unbedingt mal die Pilgerstätten für Musikfans in Berlin. Immer neue Texte über Musik findet ihr hier.

Berlin am besten erleben
Dein wöchentlicher Newsletter für Kultur, Genuss und Stadtleben
Newsletter preview on iPad