Seit über 20 Jahren gehört Megaloh zur deutschen Rap-Szene und hält sich trotzdem fern vom kommerziellen Druck. Für sein neues Album „Schwarzer Lotus“ produzierte er viele Beats selbst. Im Interview spricht er über künstlerische Freiheit, die Schattenseiten der Szene und Berlin.

tipBerlin Wie geht’s dir gerade?
Megaloh Eigentlich gut. Das Album ist fertig, und ich freue mich immer, wenn ich es schaffe, etwas zu vollenden. Ich bin sehr pingelig mit meiner eigenen Kunst, es ist schwer, mich selbst zu begeistern. Deshalb dauert es manchmal lange, und umso schöner ist der Moment, wenn man es geschafft hat.
tipBerlin „Schwarzer Lotus“ ist das erste Album, das du unter deinem eigenen Label Chinonso Records veröffentlichst. Wie fühlt sich das an?
Megaloh Ja, absolut gut. Es fühlt sich großartig an, sagen zu können: Das ist mein eigenes Label. Ich bin mittlerweile durch die Industrie gegangen und habe mir über die Jahre die bestmögliche Vertragsstruktur erarbeitet. Dazu kommt, dass ich inzwischen in der Lage bin, die komplette Musik selbst zu machen. Gleichzeitig kann ich jederzeit Beats oder Musik von anderen nehmen, im Wissen, dass ich es theoretisch auch selbst könnte. Aber natürlich gibt es Produzenten, die etwas Besonderes mitbringen und einen inspirieren. So habe ich für dieses Album zehn Beats selbst gemacht, und vier stammen von unterschiedlichen Produzenten, die mir etwas gegeben haben, das ich in meinen eigenen Beats nicht gefunden habe.
tipBerlin Wie bist du dazu gekommen, selber Beats zu machen?
Megaloh Ich habe während der Pandemie angefangen, Beats zu bauen, unter dem Pseudonym Oga Beats, um es getrennt zu halten und einfach die Freude daran zu entwickeln. Mittlerweile habe ich mir zugetraut, den Großteil der Produktion selbst zu übernehmen. Das hat mir großen Spaß gemacht. Ich war komplett mit mir und meinen Ideen allein, habe gesampelt und Platten durchforstet. Das ist eine andere Art von Freude, als nur zu rappen.
Ich wollte zurück zu diesem ursprünglichen Gefühl der Liebe zum Rap
Megaloh
Inspiration für „Schwarzer Lotus“ fand Megaloh beim Wu-Tang Clan
tipBerlin Durch die Songs und den bereits veröffentlichten Videos des Albums zieht sich eine Samurai-Ästhetik. Woher kommt diese Inspiration?
Megaloh Als Kind, als Rap-Fan, habe ich den Wu-Tang Clan geliebt. Sie haben diese Verbindung zwischen Kung-Fu, chinesischer Kampfkunst und Rap hergestellt. Um in beidem wirklich gut zu werden, muss man sehr viel Arbeit und Geduld investieren. Diese Metapher finde ich spannend, weil Rap für mich eine Kunstform ist, in der man sich immer weiterentwickeln kann, egal wie lange man es schon macht. Ich wollte zurück zu diesem ursprünglichen Gefühl der Liebe zum Rap, bevor die Industrie, Verträge und strategische Entscheidungen das Ganze verfälscht haben. Deshalb habe ich ein Album gemacht, das keinerlei Industriegesetzen folgt. Keine Playlists, keine Hype-Singles, sondern ein Album für den kleinen Rap-Fan in mir.
tipBerlin Du samplest auch Ausschnitte aus Kung-Fu-Filmen. Aus welchen Filmen stammen diese Samples?
Megaloh Aus mehreren. Der Entstehungsprozess des Albums war zweigleisig: Einerseits habe ich sehr viel Musik gehört, alte Musik, auch Genres, die ich sonst nicht gehört hätte, teilweise 50 Jahre alt, aus unterschiedlichsten Regionen der Welt. Andererseits habe ich viele Kung-Fu-Filme geschaut. Dabei sind mir immer wieder Zitate begegnet, die ich eingebaut habe. RZA vom Wu-Tang Clan war dabei ein wichtiger Bezugspunkt. Als Kind habe ich seine Musik einfach gefeiert, heute kann ich sie auch aus der Perspektive eines Rappers und Produzenten analysieren und daraus viel lernen. Beats zu bauen bedeutet für mich, auf eine neue Reise zu gehen. Sich mit Produzenten auseinanderzusetzen, ihre Denkweise, ihre Werkzeuge und Stile nachzuvollziehen. Das hat mein Fan-Herz wiederbelebt. Und für mich ist diese Leidenschaft essenziell.
Dieses Album ist komplett antizyklisch, es widersetzt sich klar kommerziellen Regeln
Megaloh
tipBerlin Du bist bekannt dafür, dich nicht nach Playlists oder Social-Media-Trends zu richten. Gibt es trotzdem manchmal die Versuchung, solche Songs zu machen?
Megaloh Ehrlich gesagt nicht. Die wenigen Versuche, etwas Schnelles oder Trendiges zu machen, haben nie wirklich gezündet. Das hat mir gezeigt, dass es für mich keinen Sinn ergibt. Was für mich immer funktioniert hat, war, mit den Hörerinnen und Hörern über die Musik zu connecten, die ich selbst wirklich fühle. Wenn ich etwas mache, das ich nicht wirklich fühle, merken sie das sofort.
tipBerlin Früher hast du gesagt, dass du von Musik alleine nicht leben kannst, zum Beispiel nebenher noch im Lager gearbeitet hast. Hast du noch Angst nicht von Musik leben zu können oder hat sich das durch die Sicherheit des eigenen Labels geändert?
Megaloh Der Hustle geht immer weiter. Der einzige Unterschied ist, dass Musik inzwischen mein Vollzeitjob ist. Ich arbeite nicht mehr im Lager, aber nur von Rap könnte ich nicht leben. Ich schreibe Songs, produziere, entwickle mich stetig weiter und stelle mich breiter auf. So kann ich teilweise Musik machen, ohne den Druck, damit unbedingt wirtschaftlich erfolgreich sein zu müssen. Dieses Album ist komplett antizyklisch, es widersetzt sich klar kommerziellen Regeln. Es ist ein Liebhaberprojekt, in das ich sehr viel Mühe und Liebe gesteckt habe. Und ich weiß, dass es da draußen viele Menschen gibt, gerade auch in meiner Hörerschaft, die genau das zu schätzen wissen.
tipBerlin Welcher Song bedeutet dir auf dem Album am meisten?
Megaloh „Der Orden“, die erste Single, fasst die Richtung des Albums am besten zusammen. Trotzdem komme ich aus einer Zeit, in der Alben eine zentrale Rolle gespielt haben. Heute geht es mehr um einzelne Songs für Playlists, aber ich habe mir die Freiheit genommen, ein atmosphärisches Album zu machen. Auch durch die Film-Samples. Das Intro widerspricht allen Regeln. Der Rap setzt erst nach fast einer Minute ein, so etwas würde man heute kaum noch machen. Aber ich wollte ein Album schaffen, hinter dem ich voll und ganz stehen kann, aus der Perspektive meines eigenen Rap-Fanherzens. Aber wenn ich einen Song wählen müsste, wäre es „Der Orden“.
tipBerlin In „Der Orden“ erwähnst du auch den rechtsextremen Rapper Chris Ares. Warum?
Megaloh Ich habe generell ein spezielles Verhältnis zur deutschen Rap-Szene. Dieses kollektive Selbstverständnis, sich selbstverständlich Hip-Hop zu nennen, war mir oft ein Dorn im Auge. Rap ist am Ende Schwarze Kunst, wie Jazz, Blues oder Rock. Menschen haben aus Leid großartige Kunst geschaffen. Das kann man nicht einfach exportieren und unter völlig anderen gesellschaftlichen Bedingungen reproduzieren.
Sie hassen Berlin oder sie lieben Berlin, aber wenn du wirklich Berliner bist, dann hast du gelernt, einfach beides zu akzeptieren
Megaloh
tipBerlin Wenn wir schon über gesellschaftliche Bedingungen sprechen: In „Nichts ist wie bisher“ rappst du: „Berlin ist nicht wie Bel-Air (…) Dahinter läuft zu viel verkehrt.“ Was läuft verkehrt?
Megaloh Einiges. Das Wohnungsangebot, die Mietpreise, die Infrastruktur, die Schulen, das ist alles katastrophal. Bildungseinrichtungen sind über Jahrzehnte kaputtgespart worden. Das ist mittlerweile so dramatisch, dass man nicht einfach Geld hineinstecken und hoffen kann, dass es reicht. Es gibt extrem viel aufzuholen.
tipBerlin Trotz aller Probleme sagst du: „Ich steh für meine Stadt, so wie das Wappen mit diesem Bär.“
Megaloh Natürlich. Ich lasse meine Stadt nicht hängen. Auf keinen Fall. Ich bin hier aufgewachsen, aber ich bin keiner von denen, die, und ich glaube, das kannst du als Berliner auch nicht, das einfach nur so lieben. Eine Berlin-Fan-Liebe, das kannst du als Zugezogene haben. Sie hassen Berlin oder sie lieben Berlin, aber wenn du wirklich Berliner bist, dann hast du gelernt, einfach beides zu akzeptieren. Es gibt Gründe, Berlin zu hassen, es gibt Gründe, Berlin zu lieben und das Gute kommt zusammen mit dem Schlechten, aber es ist halt Heimat.
- Megaloh Schwarzer Lotus (Chinonso Records/Urban), ab 10.10.2025
Haftbefehl: Auf Netflix könnt ihr die drastische Doku über sein Leben sehen. Zsá Zsá, die einstige Kinderdarstellerin aus dem Film „Wilde Hühner“, ging im Frühjahr mit „bad bunnies“ viral. Außerdem setzt sie sich für mehr Frauen im Songwriting ein. Wir waren beim von Warner Chappell Music organisierten „She Camp“ dabei. Schon deutlich länger im Berliner Musikbusiness: Kool Savas im Interview: Auf seinem neuen Album „Lan Juks“ trifft er auf sich selbst. Neben Zsá Zsá und Ikkimel gibt es noch weitere Musikerinnen, die sexpositiven Rap machen: Das Rap-Duo 6euroneunzig liefert provokante Texte auf tanzbaren Beats. Mehr Interviews, Konzertkritiken und News findet ihr in unser Musik-Rubrik. Ausblick aufs Musikjahr 2025 in Berlin – die wichtigsten Konzerte des Jahres.


