Untergrund bis Mainstream

Moderat: Darum ist die Supergroup ein weltweites Berlin-Phänomen

Das Comeback von Moderat ist ein großes Ereignis in der Welt der elektronischen Musik. Die Songs der Supergroup sind international bekannt, Shows in etlichen Ländern ausverkauft. Am 13. Mai erscheint ihr mit Spannung erwartetes viertes Studioalbum „MORE D4TA“, danach tourt die Gruppe rund um den Globus. Am 3. September findet das Heimspiel in der jetzt schon ausverkauften Wuhlheide statt.

Für die tipBerlin-Ausgabe 10/22 setzte sich unser Musikredakteur Stefan Hochgesand intensiv mit Moderat auseinander. Unter anderem mit diesem Essay über den Einfluss der Techno-Hauptstadt. Denn die Supergroup ist ein Berliner Phänomen, das so nur zu dieser Zeit und in dieser Stadt entstehen konnte.

Berlins Electro-Supergroup Moderat meldet sich mit Album und Tour zurück. Foto: Imago/Pop-Eye/Andreas Wengel

Moderat: Aufnahmen zwischen Tresor und KitKatClub

Der Ort, wo Moderat ihre Musik aufnehmen,  sagt viel darüber aus, woher sie kommen. Brückenstraße, Berlin-Mitte, altes Ost-Berlin. Unweit vom weltberühmten Technoclub Tresor residiert auch der KitKatClub; legendär für seine kinky Sexpartys. Im selben Gebäudekomplex findet man das Studio von Moderat im Obergeschoss eines Hinterhauses. Oder man findet es nicht. Denn kein Türschild weist darauf hin. Doch hier sind die Räume von Monkeytown, dem Indie-Label, das Modeselektor seit 2009 betreiben – und auf dem inzwischen dutzende Acts beheimatet sind, von Mouse On Mars bis Robot Koch. Und natürlich auch Moderat, Berlins Electro-Supergroup, die Modeselektor und Apparat zusammen 2002 auf einer Tischtennisplatte erfunden haben, als sie dort ein paar Laptops verdrahtet hatten, um Musik zusammen zu spielen, als wäre alles ein Computerspiel.

Moderat ist eine Fusion aus dem Musiker Apparat (links) und dem Electro-Duo Modeselektor. Foto: Birgit Kaulfuss

Untermieter bei Monkeytown und Studionachbar von Moderat ist Marcel Dettmann, einer der wichtigsten Resident-DJs im Berghain und auch davor schon beim Ostgut. Dettmann steht für einen antimelodischen Sound, der vielem, sollte man meinen, zuwiderläuft, wofür Moderat doch heute stehen: hymnisch-cineastischer Electro-Pop. Doch man versteht sich prächtig. Tatsächlich haben Moderat ihre Wurzeln tief im Berliner Techno-Underground; die haben sie bis heute nicht verloren. Für eine Band, die kommerziell dermaßen erfolgreich ist (mehr 1,2 Millionen monatliche Spotify-Hörer:innen), haben sich Moderat erstaunlich viele Ecken und Klangkanten bewahrt – und damit auch ein Stückchen Underground-Credibility.

Moderat in der Wuhlheide: Die größte Party der Stadt

Soweit es eben geht, wenn man so groß ist. In Berlin traten Moderat 2017 zuletzt in der Wuhlheide auf, wo sie auch 2022 wieder spielen werden. Mehr zur „More D4ta“-Tour und dem Berliner Konzert lest ihr hier. Das wird die größte Party der Stadt! (Okay, nach dem CSD, für den 2022 in Berlin viel geplant ist.) Dort, wo sonst etwa Arcade Fire spielen. Ihre Tourneen haben Moderat nach Rom, Paris und London geführt. Nach Kyjiw, Tiflis, Tel Aviv und Moskau, Barcelona, Istanbul. Aber auch L.A., New York, Chicago, Montreal, Seattle und Vancouver. Ins kolumbianische Bogota, nach Mexiko-Stadt und ins japanische Kantō. Um nur mal ein paar Destinationen zu nennen.

Moderat bringen Berlins Sound in die Welt

Und wenn sie dort auftreten, rund um den Erdball, werden sie freilich so wahrgenommen: als Klangbotschafter Berlins. Egal, ob sie sich selbst so sehen oder nicht. Vor allem die beiden Modeselektor-Männer sind immer dran an neuen Technotrends: Der neue Moderat-Track „Neon Rats“ wurde etwa stark inspiriert durch einen DJ-Gig der beiden in einem alten Betongebäude im ukrainischen Kyjiw, unlängst vor dem Krieg – wohin auch viele junge Berliner Fans per Flixbus anreisten. Für Techno-Fans sind Kyjiw und Berlin ja eh Schwesterstädte. Die Techno-Hotspots haben sich verlagert, etwa auch nach Tiflis in Georgien. Doch Berlin mischt weiter mit.

Im Technoclub kamen Moderat 2002 auch zusammen. Beim Oceanclub der Techno-Legenden Thomas Fehlmann und Gudrun Gut, im WMF an der Ziegelstraße. Ohne diese Community-Connection wäre es niemals zu Moderat gekommen. Es war übrigens Ellen Allien, die Moderat zu ihrem ersten Album „Moderat“ (2009), aber auch schon zu ihrer ersten EP „Auf Kosten der Gesundheit“ (2003) auf ihrem Label BPitch Control angestachelt hat.

Techno in Berlin: (Klang-)Räume für Experimentelles

Es war die Zeit, als Techno, durch die damals schon gigantomanische Loveparade und Charts-Kommerz vor dem Ausverkauf seiner Seele zu stehen schien – aber andererseits in den Clubs der Stadt auch ein neuartiger Autor:innen-Techno entstand, bei dem die Gesetze der Charts und der Konsensdorfdisco zu schweigen hatten. Oft runtergekurbeltes Tempo, kein Hands-in-The-Air, sondern ab zurück in den Untergrund. (Klang-)Räume für Experimentelles.

Moderat passen zu Berlin. Stilsicher natürlich besonders in Schwarz. Foto: Birgit Kaulfuss Photography

Moderat waren am richtigen Ort, aber auch zur richtigen Zeit. Zufällig hatte Sascha Ring eine Connection zu Kit Clayton, einem Software-Tüftler im Silicon Valley, der ihn mit der Rohversion einer Sound-Software versorgte, die Sascha Ring dann ganz für die Bedürfnisse von Moderat umstrickte. Ein Nerd-Ding. DJs gibt es viele. Aber eine Electroband, die sich auf eine Weise klangverschachtelt, wie Kraftwerk es sich in den Siebzigern nur hätten erträumen konnten – das wurde technisch eben auch erst um die Jahrtausendwende möglich. Die Voraussetzung dafür, dass Moderat sich gemeinsam austoben konnten, wie Jungs, die Playstation im Multiplayer-Modus zocken.

Moderat ist das Produkt einer kontrastreichen Dreierbeziehung

Dreierbeziehungen können kompliziert sein. Bei Moderat liegt die große, von den dreien auch erstklassig ergriffene Chance aber darin, sich jeweils auf eine Weise austoben zu können, die ein Kontrapunkt zu ihren Einzelprojekten ist: Sascha Ring, der als Apparat eher Arthouse-Ambient komponiert, baut auch gern mal einen Hardcore-Kellerbeat. Und die Modeselektor-Männer Gernot Bronsert und Sebastian Szary lieben auch mal Kuschelgeigen. Heimlich. Bei Moderat können sie all dies tun und notfalls den je anderen in die Schuhe schieben.

Entstanden ist dabei ein Sound, der (wenn auch inzwischen klassischer nach Songstrukturen gestrickt) an seinen rauschigeren, rougheren Stellen durchaus noch dem typischen Berliner Technosound verbunden ist, mit einer Kickdrum, die extratief subbig ist, gefüttert mit Nachhall wie im Keller. Der Sound von Berlin, der natürlich auch im großen Berlin-Film „Victoria“ (2015) von Sebastian Schipper nicht fehlen durfte.

Mittlerweile taucht dieser Track „A New Error“, mit seinen euphancholischen Triolen, allerdings auch in zahlreichen Hollywood-Blockbustern auf. Wie so viele Tracks der Gruppe. Ein bisschen berlinisch-technoider Kellerstaub sei den Leinwänden in aller Welt gegönnt. Großes Kino, meine Herren!

  • Moderat „More D4ta“ (Monkeytown Records), Release-Datum 13.5.22
  • Parkbühne Wuhlheide An der Wuhlheide 187, Oberschöneweide, Sa 3.9.22, 19 Uhr, ausverkauft, weitere Infos hier
  • tipBerlin Ausgabe 10/22, 12.5.22-25.5.22, Moderat-Titelgeschichte mit großem Interview, am Kiosk oder im Online-Shop

Gewinnt Tickets für Moderat

Ihr wollt zum Konzert von Moderat am 3.9. 2022 in der Parkbühne? Tickets könnt ihr bei uns gewinnen. Wir verlosen 10×2 Tickets für das ausverkaufte Event. Schickt einfach eine Mail mit dem Betreff „Moderat“ an [email protected]. Einsendeschluss ist der 25.5.2022, die Gewinner:innen werden von uns per Mail benachrichtigt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.


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