West-Berliner Stadtmusik – Nachruf auf Sven-Åke Johansson (1943-2025)
Der 1943 in Schweden geborene Avantgardist und Klangforscher, Schlagzeuger und Universalkünstler Sven-Åke Johansson ist tot. Er kam 1967 nach West-Berlin und zählte zu den Pionieren des europäischen Free Jazz. Ein Nachruf von Alexander Meyer.

Einen seiner letzten großen Berlin-Auftritte hatte Sven-Åke Johansson beim Jazzfest 2022: Auf der großen Bühne des Hauses der Berliner Festspiele gab es „MM schäumend“, eine Ouvertüre für 15 Handfeuerlöscher. Aus guten Gründen nur selten aufgeführt, handelt es sich dennoch um ein für sein Schaffen exemplarisches Werk. 15 Performer entleeren, einer Partitur folgend, je einen Feuerlöscher, Johansson agiert als klassischer Dirigent, wie immer akkurat und elegant in Hemd und Anzug, und äußerst präzise in Gestik und Mimik. „Erstmal raucht es natürlich, und dann bildet sich eine große Wolke“, sagte er 2005 in einem Interview mit Thomas Groetz über das Stück. Was ihn interessiere, sei das hohe Zischen der Feuerlöscher und das entstehende visuelle Gebilde.
Sven-Åke Johansson: Ein Universalkünstler, der eigentlich Schlagzeuger war
„MM schäumend“ enthält Vieles von dem, was sein Werk ausmachte: die Aufwertung von Gegenständen des Alltags zu künstlerischen Mitteln, ein szenisches Element neben dem Klang, Präzision in der Ausführung, Witz (aber kein Klamauk) – und eine gewisse Schlitzohrigkeit, die es sicherlich braucht, um mit einer solchen Performance beim altehrwürdigen Jazzfest zu landen. Eine späte Würdigung eines Universalkünstlers, der eigentlich Schlagzeuger war und seit den 1960ern verschiedene (West-)Berliner Musikszenen rezipiert, begleitet und geprägt hat wie kaum ein anderer.
Geboren 1943 in Mariestad in Schweden, machte Johansson sich Mitte der 1960er mit seinem Schlagzeug auf nach Kontinentaleuropa und verdingte sich bei Stationen in Münster und Paris zunächst als Jazz-Drummer in Unterhaltungskapellen. In Wuppertal kam er in Kontakt mit dem westdeutschen Free Jazz in Gestalt von Peter Brötzmann und spielte mit Peter Kowald in dessen frühem Trio und auf den beiden heute legendären LPs „For Adolphe Sax“ und „Machine Gun“.
1967 zog er um nach West-Berlin, wo er, bis auf ein Intermezzo in einer Kommune an der Zonengrenze bei Helmstedt, bleiben sollte. Johansson hatte schnell erkannt, dass der Free Jazz Brötzmann’scher Prägung bald auserzählt sein würde, und suchte nach neuen klanglichen Möglichkeiten. Dies geschah in einem neuen Trio: Moderne Nordeuropäische Dorfmusik (MND) mit Norbert Eisbrenner und Werner Götz. Eisbrenner hatte nebenbei eine eigene Form des Tabletop-Gitarrenspiels entwickelt, Johansson erweiterte sein Schlagzeug durch gesammelten Schrott, der als Perkussionsinstrumente diente, u.a. Verkehrsschilder, die er, von Baustellen geklaut, an spezielle Aufhängungen montierte. All das spielte sich 1968 und 1969 unter anderem im kurzlebigen Zodiak Free Arts Lab ab, das von Conrad Schnitzler und Hans-Joachim Roedelius unter der damaligen Schaubühne am Halleschen Ufer, heute das HAU2, betrieben wurde. Besonders in Erinnerung ist jedoch ein Auftritt von 1967 im Litfaß-Club in Charlottenburg, bei dem der Pianist Beppo de Siati ein altes Klavier mit Zeitungen – Exemplaren der „BZ“ – vollstopfte und anzündete. Die Feuerwehr musste das Instrument auf die Straße ziehen und löschen, alle Beteiligten bekamen Hausverbot.
Fotos aus jener Zeit zeigen Johansson mit zeittypisch langen Haaren und im T-Shirt. Doch im Verlauf der 1970er setzte ein Umdenken ein. Einerseits war es nach dem Neubeginn in der Freien Musik wieder möglich geworden, das Alte hervorzuholen – Tonalität, Melodie, Lyrik –, andererseits erforderten Johanssons Klangforschungen eine neue Haltung, einen neuen Gestus in der Performance, um nicht in Beliebigkeit oder als Gag zu verenden. Er begann, oft ausgehend vom Schlagzeug, Stücke mit Alltagsmaterialien zu entwickeln, an deren Klang er interessiert war. Oft aufgeführt hat er das Telefonbuchstück, bei dem mit Drumsticks auf Telefonbüchern gespielt wird, die je nach Dicke, Öffnungszustand usw. unterschiedliche Timbres erzeugen – die New Yorker seien zu flusig, die West-Berliner lange erprobt und für geeignet befunden, heißt es in der Partitur –, später in „Gesamtkatalog D“ erweitert zu einer Performance mit 8 Spielern und sämtlichen deutschen Telefonbüchern und Gelben Seiten. Zu nennen sind auch das Gurkenstück mit ebensolchen als Drumsticks, daneben diverse Kompositionen für Pappen und andere Kartonagen. All dies adäquat vorzutragen erforderte jedoch eine Rückbesinnung auf den Gestus des Jazz-Schlagzeugers, den Johansson in jungen Jahren verinnerlicht hatte. Das Schlagen der Pappen und Raspeln der Gurken erfolgte also stets in Anzug und Krawatte, oder zumindest in adrettem Hemd, mit Präzision, Eleganz und Swing.

Neue Wege erforderten neue Kollaborationen, und allein schon, um sich selbst nicht zu langweilen, wurde Sven-Åke Johansson zum genauen Beobachter West-Berliner und später ganz Berliner aktueller Musik. Sein Gespür für interessante Künstlerinnen und Künstler brachte ihn in der Stadt stets dorthin, wo es spannend war oder gerade wurde, und wo er neue Duos, Trios und Ensembles gründen konnte. Nach Free Jazz und Zodiak kam er Ende der 1970er in Kontakt mit Martin Kippenberger, was zu Auftritten im SO36 führte. Ab 1983 gab es eine Zusammenarbeit mit den neu gegründeten Freunden Guter Musik e.V., eine Freundschaft verband ihn mit Monika Döring, die damals das Loft am Nollendorfplatz betrieb. In dieser Zeit setzte eine erstaunliche Erweiterung seiner Interessen und seines Repertoires ein. Vor allen Dingen begann er, sich vom Schlagzeug zu erheben und Texte vorzutragen – eigene und fremde –, gerne z.B. im Duo mit den Free-Jazzern Alexander von Schlippenbach bzw. Rüdiger Carl, aber auch im Trio mit Frieder Butzmann und Thomas Kapielski. Sein schwedischer Akzent funktioniere dabei als „hermeneutische Schaufel“, die „aus den Schächten verschwommener Hotelnächte“ die tatsächlichen Lyrics heraushole, schrieb Diedrich Diedrichsen 2003 dazu. Johanssons Interesse an der Verschränkung der Kunstformen kulminierte in den 1980ern in einigen Musiktheaterstücken, u.a. „Die Harke und der Spaten“ (über das Liebesleben der Gartengeräte, die im Sommer getrennt voneinander in Benutzung sind und im Winter zusammen im Schuppen stehen) und „… über Ursache und Wirkung der Meinungsverschiedenheiten beim Turmbau zu Babel“ (über eine Baustelle, auf der nie gebaut wird), beide in Berlin aufgeführt im HAU bzw. im Podewil.
Doch die Tradition ließ Sven-Åke Johansson nie los, und immer wieder stellte er Tanzkapellen zusammen, um mit Spaß und Verve Jazz-Standards zu spielen
Eine enge Verbindung entstand ab den 1990ern zu der sich damals in Berlin formierenden Echtzeitmusik-Szene, deren improvisierte Musik stark reduktionistisch war und sich vom expressiven Free Jazz abgrenzen wollte, was in Johanssons präzisem Spiel eine natürliche Parallele hatte. Ebenso wie er interessierten sich die Echtzeitmusikerinnen und Echtzeitmusiker für den Verzicht, für das Weglassen anstatt das Ausfüllen, dafür, jeden Ton und jeden Klang sorgfältig zu setzen. Eine über Jahrzehnte andauernde Zusammenarbeit folgte unter anderem mit Andrea Neumann, Burkhard Beins, Axel Dörner und Werner Dafeldecker. In den letzten Jahren entwickelte Johansson mit dem Kontrabassisten Joel Grip und dem Saxophonisten Bertrand Denzler ein wieder figurativeres Spiel unter dem Titel „Neuköllner Modelle“. („Nicht nur Kölln, sondern Neukölln“, schreibt er in den Liner Notes.) Doch die Tradition ließ ihn nie los, und immer wieder stellte er Tanzkapellen zusammen, um mit Spaß und Verve Jazz-Standards zu spielen. Zu nennen ist insbesondere die Gruppe „Night & Day“ mit Rüdiger Carl, Alexander von Schlippenbach und Jay Oliver, die einst sogar Uschi Brüning begleiten durfte. Zu einem Konzert in einem Essener Club wurden manche seiner Free-Jazz-Kollegen nicht eingelassen, da sie „keinen Schlips oder etwas Entsprechendes“ hatten, wie Johansson süffisant bemerkte.
Kein Text über Sven-Åke Johansson könnte komplett sein ohne eine Erwähnung seiner bildnerischen Arbeit. Als genauer Alltagsbeobachter agierte er über die Jahrzehnte immer wieder auch als Zeichner, daneben als Fotograf, der in den 1970ern seine Kamera immer griffbereit hatte, um Szenen des Alltags festzuhalten. Seine Fotografien zierten viele seiner Plattencover und sind 2021 endlich gesammelt im Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König erschienen unter dem Titel „Versuch der Rekonstruktion einer vergangenen Zeit (photographisch)“, darunter einige wunderbare Bilder aus Berlin.
In den letzten Jahren war Johansson schwer krank, erhielt sich jedoch seine Neugierde und Kreativität und stellte sein Schlagzeugspiel immer so um, wie es ihm sein Körper noch erlaubte. Bei seinem letzten Auftritt gab er sein altes Stück „Erbsen aus Blasrohr“, bei dem er Erbsen aus einem Blasrohr auf ein Drumset schießt.
Sven-Åke Johansson ist am 15. Juni 2025 in Berlin verstorben. 2024 hatte ihn die Königlich Schwedische Musikakademie als Mitglied aufgenommen.
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