Auf ihrem neuen, 19 Songs umfassenden Album „Ich lieb mich, ich lieb mich nicht“ setzt Nina Chuba ihre Erfolgsformel fort: extrem eingängige Melodien, Dancehall-Beats und viel Fröhlichkeit. Dafür braucht es Durchhaltevermögen.

Nach Nina Chubas Debütalbum „Glas“ sind die Erwartungen hoch
Nina Chuba mag es sportlich. Das beweist vor allem der Song „Lululemonsqueezy“ auf dem neuen Album: eine Wortneuschöpfung aus der kanadischen Yogamarke Lululemon und und dem Gen Z-Ausdruck „easy peasy lemonsqueezy“. Nina Chubas Stimme hüpft dabei so leichtfüßig auf einem Amapiano-Beat (ebenfalls sportlich), dass man sich auf einer Gartenparty in einem Vorort San Franciscos wähnen könnte. Im Lululemon-Outfit. Musik für Fitnessclubmitglieder, weich und angenehm wie Yogapants. Auf Dauer aber wird auch der Stoff einer Yogahose etwas dünn.
„Ich lieb mich, ich lieb mich nicht” ist Nina Chubas zweites Album nach „Glas“. Das Debüt sorgte 2023 für frischen Wind in der deutschsprachigen Popszene: Plötzlich war mit „Mangos mit Chilis“ wieder der Bläsergetriebene, dubbige Sound von Seeed zurück, mit „Wildberry Lillet“ feierte man nicht nur das Ende der Pandemie, sondern auch die neue weibliche Selbstverständlichkeit im Pop, ohne Kompromisse erfolgreich sein zu wollen.
In der Zwischenzeit hat Nina Chuba als Testimonial für Marken wie Adidas, O2 und Samsung gearbeitet, eine halbe Million Follower bei Instagram angesammelt und es zur meistgestreamten deutschsprachigen Künstlerin gebracht. Die Erwartungen sind ungleich höher als bei „Glas”.

„Ich lieb mich, ich lieb mich nicht“, kurz ILMILMN, startet genauso wie sein Vorgänger: „Nina“ ist der Opener und erinnert an „Mangos mit Chilis“. Auch auf den darauffolgenden Songs bleibt das Energielevel zunächst hoch. „Jung, Dumm und Frei“ ist ein sommerlicher Dancehall-Song, eine Hymne auf das Naivsein als Mittzwanziger. Nina Chuba, das „Sorgenkind“, das auf „die schiefe Bahn rutscht“, rappt auf der Hyperpop-Nummer „Rage Girl“: „Ich bin ein riesen Problemkind / Ich hab heute heute Stress mit jedem“.
Jengaturm aus Wortspielen: Was will Nina Chuba uns sagen?
Auf Instagram kündigte Nina Chuba ihr Album mit exotischen Visuals an. Darin zu sehen: Eine orange Schlange, die sich durch das hohe Gras schleicht, ein von Blumen umranktes Betongebäude im Regenwald, ein verlassener Swimmingpool. Einige Songs saugen die Nähe zum Äquator auf: „Lululemonsqueezy“, „Malediven“, oder „Kilimanjaro“ sind allesamt Dancehall-Nummern, die auch lyrisch auf tropisches Gute-Laune-Wetter setzen. „Mama Shoot“ ist eine Lobeshymne auf starke Mütter, „Kilimanjaro“ zelebriert das Verliebtsein, auch wenn das manchmal toxisch sein kann („Überdosis“).
Diese Songs bilden quasi den ersten Teil des Titels “Ich lieb mich, ich lieb mich nicht”: Chuba feiert sich, ihre Nächte im Kiez, ihre Liebe, ihre Mutter. Nur erschöpft sich das schnell: Wortspiele wie „Eiskalt mein Herz ist die Arktis, so schnell wird Liebe zu gar nichts” („Jeeep“) sind recht einfallslos, andere strotzen vor Zweckreimen: „Scharf wie Katana / du erstarrst als wäre sie Medusa” („Lululemonsqueezy“). Wahllos stapelt Nina Chuba einen semiotischen Jenga-Turm zusammen, der bei genauerem Betrachten zusammenfällt und exotisch klingendes Wortgeröll hinterlässt. Aber wer spielt auf Gartenpartys nicht auch mal gerne Jenga?
Der „Ich lieb mich nicht“-Teil fällt leider deutlich kürzer aus – denn hier findet Nina Chuba zu mehr Bedeutung und Tiefe. Ihre Stimme wirkt natürlicher und nicht so gequetscht wie bei den Uptempo-Songs. Auf „Unsicher“ gewährt die Sängerin Einblicke in eigene Ängste und Unzufriedenheiten, die sie so ungeschönt noch nie musikalisch verarbeitet hat: „Ich schau so lang in den Spiegel, bis mir irgendwas nicht passt / Google “Kollagen” und “Filler” und hass dann, dass ich mich hass.“
Komm, jetzt ruder nicht zurück, wir sitzen doch im selben Boot /
Nina Chuba auf „Fahr zur Hölle“
Pflaster auf die Gewissensbisse und der Himmel färbt sich rot
Der stärkste Moment eines langatmigen und doch kurzweiligen Albums findet sich aber am Ende: Auf „Fahr zur Hölle“ setzt sich Nina Chuba mit ihren eigenen Abgründen auseinander, zunächst auf einem Retro-Garage-Beat, der später in einen technoiden B-Teil bricht. Und der Titeltrack „ILMILMN“, eine Klavierballade, die nach Billie Eilish klingt, wirkt angesichts der zig Sommerhits wie ein erfrischender Nieselregen, der auf die Lululemon-Gartenparty herabfällt.
Ob „ILMILMN“ es in den Deutschen Popkanon schaffen wird? Wohl eher nicht. Dafür traut sich das Album zu wenig, bleibt zu nah am Vorgänger. Kommerziell erfolgreich wird das Album allemal. Und so ist es gut möglich, dass Nina Chuba eines Tages auch noch als Testimonial für Lululemon arbeiten wird – die Yogamarke prognostizierte zuletzt eine schwache wirtschaftliche Entwicklung und dürfte deshalb über Künstlerinnen mit Influencer-Reichweite dankbar sein.
- Nina Chuba „Ich lieb mich, ich lieb mich nicht“ (Jive / Sony Music Germany)
Eine ebenfalls sehr erfolgreiche Popsängerin aus Berlin ist Zsá Zsá. Die Kinderdarstellerin aus dem Film „Wilde Hühner“ ging im Frühjahr mit „bad bunnies“ viral. Außerdem setzt sie sich für mehr Frauen im Songwriting ein. Wir waren beim von Warner Chappell Music organisierten „She Camp“ dabei. Schon deutlich länger im Berliner Musikbusiness: Max Herre und Joy Denalane. Wir haben das Sängerpaar im Interview gesprochen. Neben Zsá Zsá und Ikkimel gibt es noch weitere Musikerinnen, die sexpositiven Rap machen: Das Rap-Duo 6euroneunzig liefert provokante Texte auf tanzbaren Beats. Mehr Interviews, Konzertkritiken und News findet ihr in unser Musik-Rubrik.


