Musik

Mein Breakup mit Spotify: The Algo Will Tear Us Apart

Zehn Jahre lang war Spotify der musikalische Begleiter unserer Autorin. Doch schlechte Bezahlung von Künstler:innen, politisch fragwürdige Entscheidungen und seelenloser Algorithmus-Content belasten ihre Beziehung zum Audio-Streamingdienst schon länger. Zeit für einen Abschied.

Mood-Playlists statt Alben, Ghost Artists statt fairer Vergütung für Künstler:innen: Der Audio-Streamingdienst weist ganz schön viele Red Flags auf. Foto: Imago/imagebroker

Zehn Jahre Spotify – eine Liebesgeschichte?

In den letzten Monaten habe ich immer weniger Musik über Spotify gehört. Meine Playlists vernachlässigt. Mich langsam nach Alternativen umgesehen. Mir angeschaut, was sonst noch so da draußen ist. Wie bei einer Langzeitbeziehung, die langsam ihren Spark verloren hat. 

Ich nutze Spotify seit Anfang 2015, seit mehr als zehn Jahren also. Der Streamingdienst war durch meine gesamten Zwanziger ein zuverlässiger Begleiter, der überall mit hinzog: Er lieferte den Soundtrack für meine ersten Wochen in Berlin, begleitete mich nach Brooklyn oder Phnom Penh, spendete emotionalen Support auf S-Bahnfahrten nach durchfeierten Nächten, während der Pandemie oder inmitten einer fiesen Trennung. Die kleine grüne App auf meinem Smartphone war in diesem turbulenten Jahrzehnt eine Konstante, so verlässlich wie kaum etwas anderes.

Die Jahre haben sich in meine selbst erstellten Playlists eingeschrieben, die ich lange Zeit mit größter Hingabe kuratierte. Eine Playlist für jeden Monat, eine für jede Party, eine für jede Lebensphase. Meine Spotify-Playlists sind quasi eine Audio-Version von Tagebüchern oder Fotoalben, und den gleichen sentimentalen Wert messe ich ihnen bei. An Silvester 2019 bastelten meine Freund:innen und ich gemeinsam Top-Playlists unserer 2010er-Jahre – kleine geteilte Zeitkapseln, die existierten, weil Spotify sie möglich machte.

Vom Mixtape zur Plattformlogik

Die Playlist, wie wir sie heute kennen, hat dabei natürlich ihren Ursprung in einer etwas älteren Kulturtechnik: dem Mixtape. Bevor Playlists zum Instrument globaler Streaming-Konzerne wurden, waren sie eine Form persönlichen Ausdrucks, eine ästhetische, ja liebevolle Geste. Schließlich musste man die Songs damals noch ganz umständlich aus dem Radio oder von Schallplatten aufnehmen, bevor die Kassette nicht selten dem oder der Angebeteten übergeben wurde. Ein Mixtape war keine bloße Songsammlung, sondern eher wie ein handgeschriebener Liebesbrief, eine verschlüsselte Botschaft. „Die Erstellung eines guten Compilation-Tapes ist eine sehr subtile Kunst. Viele Do’s und Don’ts“, erklärte der Plattenladenbesitzer Rob so altklug im abgekulteten Popmusikroman „High Fidelity“, und eine ganze Generation von Tumblr-Girls verlor sich noch in den 2010er Jahren in Neunziger-Nostalgie. 

Klar, die physischen Begrenzungen der Kassette machten einen Teil der Romantik aus. Trotzdem fand ich meine 2020er-Jahre-Variante des Mixtapes noch immer sehr romantisch: Bei Spotify können mehrere Nutzer:innen gleichzeitig an einer Playlist basteln – die gemeinsame Couple-Playlist wirkt wie eine zeitgemäße Weiterentwicklung des Mixtapes, und statt rauschiger Audioqualität und Bandsalat steht plötzlich ein nahezu grenzenloses Repertoire zur Verfügung.

Das Zeitalter der Mood Playlists

Dieser Überfluss an musikalischem Angebot war kaum vorstellbar, bevor Spotify 2008 an den Start ging. Anfangs verweigerten einige große Künstler:innen dem Streaming-Anbieter sogar ihre Musik: Die Beatles etwa waren erst ab 2015 verfügbar, und ausgerechnet Taylor Swift entfernte ihren Katalog 2014 aus Protest gegen die Vergütungspolitik von der Plattform – kehrte jedoch 2017 zurück.

Im Jahr 2015, als ich mein Premium-Abo abschloss, zählte Spotify bereits 60 Millionen monatlich aktive Nutzer:innen – nur ein Jahr später waren es 90 Millionen. Heute hat sich die Zahl auf 713 Millionen erhöht. Während ich meine persönlichen Playlists pflegte, wuchs die schwedische Plattform zu einem globalen Megaplayer, zum unangefochtenen Marktführer im Musikstreaming.

Ab Ende 2012 rückte das Format der Playlist so richtig ins Rampenlicht: Das Kuratieren lag nun nicht mehr allein in den Händen der Nutzer:innen, nein, die Playlist selbst wurde zum Produkt von Spotify. Über die Jahre entstanden immer mehr Listen – mit Namen wie „Chill Mood“, „Soft Evening“, „Be Productive“ oder „Focus Flow“. Musik, die keine Geschichten mehr erzählt, sondern Situationen bedient – Stimmungen wurden zu Kategorien, die sich vermarkten lassen. Mittlerweile bestimmt die Playlist alles. Nutzer:innen entdecken und hören neue Songs überwiegend über Playlists, statt aktiv ganze Alben aufzurufen. Für Künstler:innen bedeutet das: Ein Song auf einer populären Playlist erreicht deutlich mehr Hörer:innen als ein Album.

Du trägst keine Liebe in dir

Im vergangenen Jahr besuchte ich mit einem Kollegen das Berliner Spotify-Büro. Die hypermoderne Tech-Ästhetik, die digitale Zugangsschleuse, die makellosen Konferenzräume – all das wirkte auf mich wie ein Ort, an dem Musik vollständig in Kennzahlen übersetzt wurde. Conny Zhang, die Spotify-Chefin für die DACH-Region, sprach routiniert über Vergütungsmodelle, die Unterscheidung zwischen von Menschen kuratierten und algorithmischen Playlists und die Relevanz von KI, die in den kommenden Jahren sicher immer größer werden würde. 

Im 2025 erschienenen Buch „Mood Machine: The Rise of Spotify and the Costs of the Perfect Playlist“ beschreibt die amerikanische Journalistin Liz Pelly unter anderem, wie Spotify schon vor Jahren damit begonnen hat, vor allem die stimmungsbasierten Playlists (auch „Perfect Fit Content“ genannt) mit Stock Music zu füllen: Musik, die nicht von individuellen Künstler:innen für sich selbst, sondern gezielt im Auftrag für die Streaming-Plattform produziert und unter Pseudonym veröffentlicht wird. Mittlerweile gesellen sich immer mehr KI-generierte Songs dazu. Das Ergebnis dieses „Ghost Artist“-Phänomens: Musik wird zu einem austauschbaren Produkt, optimiert für Algorithmen und Einnahmen, und Kunstschaffende, die vom Auftauchen in Spotify-Playlists abhängig sind, bleiben unsichtbar – in einem System, das ihnen im Durchschnitt ohnehin nur einen Bruchteil eines Cents pro Stream zahlt.

Die moralische Grenze überschritten

Ich will echte Musik von echten Künstler:innen hören, ist das nicht verrückt? Die miese Vergütung dieser Künstler:innen ist ein weiterer Grund, warum ich Spotify in den letzten Jahren mehr und mehr mit schlechtem Gewissen genutzt habe, und den meisten musikbegeisterten Menschen in meinem Umfeld ging es ähnlich. Seit Spotify-Gründer und CEO Daniel Ek jüngst in militärische KI-Technologien investierte, wurden die Boykott-Aufrufe lauter. Und als dann im Oktober auch noch bekannt wurde, dass Spotify in den USA Werbung für ICE ausspielt – jene Behörde, die Menschen auf grausame Weise und ohne jede legale Grundlage verschwinden lässt –, war für viele eine Grenze überschritten. Auch für mich.

Beziehungen können erstaunlich lange halten, wenn man die Augen vor der Realität verschließt. Aus Gewöhnung. Ich musste feststellen: Spotify ist schon lange nicht mehr die Plattform, in die ich mich vor zehn Jahren verliebt hatte. 

Spotify und ich: We Are Never Getting Back Together

Nach zehn Jahren Langzeitbeziehung bin ich also wieder auf dem Markt – ein komisches Gefühl. Wohin zieht es mich jetzt? Apple Music wirkt wie der nächstbeste stabile Partner: verlässlich, etwas spießig, aber um die eigene Audioqualität bemüht. Tidal wäre der moralischere Rebound, idealistisch, aber weniger Community-Gefühl. Deezer die freundliche, unterschätzte Option, die man lange ignoriert hat, obwohl man sich eigentlich gut versteht. Der radikalste Weg, zurück zu physischen Medien, zu CDs, Vinyl, MP3s auf einer externen Festplatte, Musik, die mir wirklich gehört – aber: in this economy?

Wo ich am Ende bleiben werde, wird die Zeit zeigen. Wer nach einer langen Beziehung plötzlich wieder Single ist, darf sich schließlich ein wenig orientierungsloses Umherstreifen erlauben, statt aus reiner Bequemlichkeit direkt in die nächste Bindung zu rutschen. Vielleicht ist genau das der eigentliche Kern dieser Trennung: Ich möchte wieder eine Beziehung zur Musik aufbauen – nicht zu einem Algorithmus. Und meine eigenen Playlists, in denen Roadtrips durch Kalifornien, neue Freundschaften und all die anderen Kapitel dieses Jahrzehnts stecken, nehme ich sicher mit.


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