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Musik-Blog: Die besten Klänge Berlins und Wunderbares aus der Welt

Egal ob kurz vor der großen Karriere oder schon eine ganz große Nummer: In Berlins Musikszene gibt es einiges zu entdecken. Unser Musik-Experte Stefan Hochgesand und seine Kolleg:innen geben euch Einblicke in wichtige neue Releases von Pop über Techno bis Experimentell, sprechen mit den Personen hinter der Klangkunst – und schauen natürlich auch immer mal wieder über die Stadtgrenzen hinaus. Lesen, hören, lieben.


Pünktlich zum Start der Europameisterschaft: Isolation Berlins „Ich hasse Fußballspielen“

11.06.2021 Heute Abend beginnt die Fußball-EM. Diesen Anlass nutzt die deutsche Rockband Isolation Berlin für die Veröffentlichung ihrer neuen Single „Ich hasse Fußballspielen“. Der Song ist jedoch viel mehr als eine Provokation oder bekennende Antihaltung gegenüber der beliebten Sportart: Eher geht es um die unfreiwillige Konfrontation mit Männlichkeitsstereotypen. So werden aus kindlicher Perspektive die Eltern zitiert: „Papa hat gemeint, ein Junge, der weint, der wird sofort zum Opfer auserkoren.“ Tobias Bamborschkes gebrochene Stimme verhandelt Erwartungshaltungen und Traumata aus der Schulzeit, mit denen sich wohl viele Menschen identifizieren können. Im Sportunterricht soll Fußball gespielt werden, doch „kein Schwein wählt mich in sein Team.“ Die Kritik liegt also nicht am Fußballspielen an sich, sondern am Druck und an der Schmach, die häufig damit einhergeht. Die antreibende Orgel und das dahinplätschernde Rhythmusgruppenspiel erinnern passend dazu an eine musikalische Stadionuntermalung. (Lennart Koch)


Sommerliche 90s-Sounds und sphärischer Sprechgesang auf Peggy Gous „Nabi“

11.06.2021 Die Südkoreanierin Peggy Gou gehört seit Jahren zur Berliner DJ-Elite. Die einzigartige Technoszene führte sie 2014 in die Hauptstadt, nur zwei Jahre später legte sie erstmals im Berghain auf. 2018 gelang ihr mit dem von 80s-Synthesizern, funky Elektro-Bässen und chansonartigen Sprechgesang geprägten „It makes You Forget (Itgehane)“ endgültig der internationale Durchbruch. Es folgten weitere EPs und der Super-Hit „Starry Night“ aus dem Jahr 2019.

Zwei Jahre sind seit Peggy Gous letztem Release vergangen. Umso mehr freuen wir uns über ihre neue Single „Nabi“. Hier treffen sommerliche, nostalgische 90s-Sounds auf melancholische, sphärische Gesangsmelodien. Auch der stilprägende Sprechgesang darf natürlich nicht fehlen. Für „Nabi“ hat sich Peggy Gou Unterstützung von Oh Hyuk, dem Sänger der koreanischen Rockband Hyukoh, geholt, dessen sanfte Stimme perfekt zu der verträumten Stimmung des Songs passt. „Nabi“ lässt von ausgelassenen Sommer-Raves träumen und erinnert gleichzeitig daran, was für schwierige Zeiten hinter uns liegen. (Lennart Koch)


Absichtlich plakativ: Drangsals Selbstermächtigungs-Hymne „Mädchen sind die schönsten Jungs“

11.06.2021 „Ein Song gegen Schwarz-Weiß-Denken, gegen die imaginären Grenzen der anderen & für eine vollkommene Selbstermächtigung.“ So beschreibt Drangsal die zweite Singleauskopplung seines dritten Albums „Exit Strategy“, das am 27. August erscheinen soll. Wie der Titel des Songs bereits vermuten lässt, handelt es sich bei „Mädchen sind die schönsten Jungs“ um eine Hymne für Individualität und Freiheit, unabhängig von Geschlecht, Herkunft und anderen unfreiwilligen Gegebenheiten.

Max Gruber alias Drangsal hat interessante musikalische Entwicklungen durchgemacht: War sein Debütalbum „Harieschaim“, das 2016 erschien, noch stark geprägt durch Einflüsse des Post-Punks und Synthiepops der späten Siebziger und frühen Achtziger, so bewegte er sich auf seinem zweiten Album „Zores“ von 2018 eher in Richtung Indie-Pop-Rock. Die Klangfarben wurden weniger düster, die Melodien verschnörkelter und die meisten Songs sang Max Gruber von nun an auf Deutsch. „Mädchen sind die schönsten Jungs“ knüpft musikalisch an diesen Stilwechsel an. Die Gesangsmelodie und Mehrstimmigkeit erinnern durchaus an die Ärzte, mit denen Drangsal nicht ohne Grund häufig verglichen wird.

Zeilen wie „Aus Ge-schlechter mach Ge-besser“ mögen etwas plakativ sein, jedoch ist das genau, was Drangsal mit seiner neuen Single erreichen will. Um es mit seinen eigenen Worten zu sagen: „Textlich durchaus überspitzt — für mehr Plakativität, denn wenn man flüstert, hört einem ja Niemand zu.“ (Lennart Koch)

Pan Daijing: Vom Neuköllner Kassetten-Label in die Londoner Tate Modern

09.06.2021 Die Synthesizer stoßen tiefe Klänge aus, sie knarzen, rattern und dröhnen, Bulldozer und Dampfwalze scheinen nicht weit, man hört es wummern und hallen, bis alles in einer Kakofonie endet und es sich so anfühlt, als sei man Ohrenzeuge einer Tiefenbohrung. Wir hören das Stück „Ran“, es findet sich auf „Jade 玉观音“,dem euen Album von Pan Daijing. Der Song steht für den Sound der chinesischen Berlinerin: düster-doomige Noise-Techno-Industrial-Klänge; teils kommen unterkühlt vorgetragene Spoken Words dazu.

Pan Daijing ist geboren und aufgewachsen in der 4,5-Millionen-Stadt Guiyang im Südwesten Chinas. Mit 17 ging Daijing zum Studieren nach Peking. Dass sie mal in der Noiseszene landen würde, war zu dieser Zeit wirklich noch nicht abzusehen: Sie studierte Rechnungswesen. Lebensverändernd war dann ein Studienaufenthalt in San Francisco, wo sie begann auf Avantgardekonzerte zu gehen und ein Teil der dortigen Kunstszene wurde. 

Noch ehe sie 2016 selbst nach Berlin zog, veröffentlichte Pan Daijing „Sex & Disease“  (2015) auf dem Berliner Tapelabel Noisekölln. Nach einer weiteren EP  folgte 2017 schließlich das Album-Debüt „Lack 惊蛰“, durch das sie international bekannt wurde. Ihre audiovisiuellen Performances führte sie auch iin der Hamburger Elbphilharmonie, in der Londoner Tate Modern und auf Festivals wie dem Atonal und dem CTM auf. Wer hinhört, merkt schnell, dass eine ihrer Inspirationsquellen durch und durch Berlin ist: Es sind die Einstürzenden Neubauten. (Jens Uthoff)


Der Berliner Drummer Magro und sein schwindelerregendes Debüt „Trippin'“

30.05.2021 Magro zählt zu den spannendsten Drummern Berlins. Was macht der Typ so besonders auf seinem schwindelerregenden Debüt „Trippin“? Aufgewachsen in der Nähe von Stuttgart, entschloss sich Magro nach der musikschulischen Ausbildung an Klavier und Schlagzeug für ein Studium der Jazz-Drums in Mainz. Nachdem er schon zu Jugendzeiten in verschiedenen Bands gespielt hatte, begann für ihn dort die Suche nach dem eigenen Stil, die er nun schon seit einigen Jahren in Berlin fortsetzt.

Mit einem schwindelerregenden Drum-Fill-In eröffnet der 31-Jährige nun sein Debüt-Album „Trippin“, um dann mit synthetisch-waberndem Vibraphon-Sound und gekonnt verstolpertem Hip-Hop-Beat den klanglichen Teppich für U.S.-Rapper TwizzMatic auszurollen. Immer wieder wiegen einen bei Magro Synth-Schichten zunächst durch repetitive Sequenzen in Sicherheit – und dann wird man doch vom akustisch eingespielten Schlagzeug wieder in sphärische Gefilde fortgetragen. Das klingt alles sehr, sehr gut. Wir haben mit Magro gesprochen und „Trippin'“ durchgehört – mehr lest ihr hier.


Berliner Vocal-House: „Into The Stars“ von Chris Zippel & Vincent Littlehat

28.05.2021 Beide haben sie sich längst einen Namen gemacht: Electro-Produzent Chris Zippel hat mit den Pet Shop Boys gearbeitet, und Vincent Littlehat ist als Foto-Model gefragt, aber eben auch Songwriterin und Sängerin. Beide leben sie in Berlin. Und nun kommen sie für einen spektakulären, vom Songwriting her geprägten Vocal-House-Track zusammen, dessen Synthie-Riffs schnell in die Blutbahn gehen – ebenso wie Vincent Littlehats Vocals, und zwar auf bestem Wege Richtung Herzkammer. Der Track handelt von überwältigenden Momenten inmitten der sozialisolierten Gesamtgemengelage. Und das Video ist ein Hingucker, samt Ballett-Choreo mit Louis Seriot. (Stefan Hochgesand)


Der Berliner Lukas Akintaya trommelt uns auf „Hues“ frei

28.05.2021 Auf dem Resümee seiner Studienzeit in New York vermengt der Berliner Schlagzeuger Lukas Akintaya Gitarren-Akkorde im Tortoise-Stil mit Improvisationen zwischen Free-Jazz und Ambient. Schlagzeug, Bass und Saxofon erzählen die Geschichten so fließend, dass auch ungerade Rhythmen gut ins Ohr gehen. Akintaya und Co. fühlen sich hörbar wohl in den nachdenklichen Kompositionen und bereichern sie durch ihr musikalisches Gespür für den Moment. (Linus Rogsch)


Mustafa re-definiert Männlichkeit auf „When Smoke Rises“

27.05.2021 War Mustafa ein Wunderkind? Oder ein Kind seiner Wunden? Regent Park heißt die Neighbourhood, in der Mustafa Ahmed, Jahrgang 1996, im kanadischen Toronto aufwuchs. Was wie ein schickes Viertel klingt, ist eine hochgradig kriminalitätsbelastete Sozialbausiedlung – wo Mustafas muslimische Familie aus dem Sudan abermals zu den Underdogs gehörte.

Mustafa wird verhaltensauffällig: Mit zwölf Jahren schreibt er Gedichte – etwa darüber, wie das Fernsehen unsere Schönheitsideale korrumpiert. Er räumt bei Poetry Slams ab. Doch Mustafa beginnt im Lauf der Jahre zu zweifeln: Sind Gedichtwettbewerbe nicht pervers, wo er über seinen erschossenen Kumpel performt und dafür Punkte ergattert? Im Kopf von Mustafa, Teil der islamischen HipHop-Crew Halal Gang, beginnen sich die Grenzen von HipHop und Folk aufzulösen: Stammt die Zeile von Nas oder von Sufjan Stevens? Egal! Bei Mustafa geht’s nicht um Nutten und Mäuse, sondern um Verlust und um das Wiederaufstehen, trotz allem.

Im Opener, der mit einer Joni-Mitchell-zart gezupften Gitarre beginnt, beschwört Mustafa einen Buddy, den er liebevoll „fam“ ansingt, am Leben zu bleiben. Sehr konkret ist „Stay Alive“ ein Flehen, sich den Todesurteilen der Straßen-Clans zu entziehen, aber im weiteren Sinne ist der Song auch der Versuch, einen Ausweg zu schaffen aus den brutalen Konventionen, die Männer vor ihnen abgesteckt haben. Ein neuer Typus Männlichkeit klingt an. Und jetzt haben wir noch gar nicht von der wahnsinnsschönen Samt-Stimme geredet, dieser Ausnahmestimme, die etwa beim Wort „outside“ so schauerlich nach unten sinkt („Air Forces“), dass einem angst und bange wird. Mustafa kann alles von Klavierballade („Come Back“) bis zum Upbeat („What About Heaven“). Er hat den politischen Kampfgeist von Joan Baez und die Stimme von Stevie Wonder. Und ist zugleich der größte Songwriter seiner Generation. (Stefan Hochgesand)


Masayoshi Fujita sagt Berlin Goodbye mit „Bird Ambience“

26.05.2021 Masayoshi Fujita, der vom Schlagzeug kommt, hat die Marimba für sich entdeckt – oberflächlich ein seinem geliebten Vibrafon nicht ganz unähnliches Gerät, aber mit spürbar wärmerem, nämlich hölzernem Klang ohne die komplexe Metallmotorik. Das passt zu seinem Wegzug von Berlin ins japanische Bergdorf, auch wenn die Platte gerade noch so in Berlin entstanden ist. Ein Nachklang davon sind womöglich die Electronica-Noises, von
Fujita selbst produziert. We will miss you, Masayoshi! (Stefan Hochgesand)


Berliner 80s-Band Alphaville im Interview

23.05.2021 Kaum eine Berliner Band hatte jemals so gigantische internationale Charts-Erfolge wie Alphaville einst mit „Big In Japan“ und natürlich „Forever Young“, den sogar Beyoncé und ihr Gatte Jay-Z auf ihrer letzten Stadiontour gecovert haben – und zwar nicht nur im Berliner Olympiastadion, sondern weltweit. Bei uns im Interview haben Alphaville Tacheles geredet: Wie war das mit Drogen und dem Geist von David Bowie? Und welchen einfachen aber effektiven Trick haben sie benutzt, mit dem „Big In Japan“ ein Welthit wurde?


St. Vincent überzeugt mit „Daddy’s Home“

14.05.2021 Die Heimkehr von Papa beginnt mit einem betrunken stolpernden Kneipenklavier. Aber dann setzt schnell der pumpende Beat ein, aus dem Pub geht es auf den Dancefloor. In wenigen Sekunden hat St. Vincent musikalisch den Schock nachvollzogen, der ihren Vater ereilt haben könnte, als er nach neun Jahren aus dem Gefängnis entlassen wurde in eine veränderte Welt.

Denn „Daddy’s Home“ (Loma Vista/Virgin/Universal), der Titel dieses sechsten Albums der amerikanischen Musikerin, ist nicht bloß allegorisch gemeint. Annie Clarks Vater saß tatsächlich ein: Der ehemalige Börsenmakler war involviert in einen millionenschweren Börsenbetrug und kam erst 2019 frei. Im Titelsong erzählt Clark alias St. Vincent davon, wie sie ihn vom Gefängnis abholt; in Interviews spricht sie über die Ungerechtigkeiten des US-Vollzugssystems – jedenfalls, solange die legendär launische Künstlerin dazu Lust hat: Zuletzt gab es einen kleinen Skandal, weil sie die Veröffentlichung eines Interviews verhinderte.

Tatsächlich hat „Daddy’s Home“ auch keine explizite politische Botschaft, sondern ist St. Vincent vor allem Anlass, abzutauchen in die Vergangenheit. Die Songs, so sagt die 38-Jährige, sollen in ihrer Gesamtheit den Soundtrack bilden zu einer im New York der Siebzigerjahre verbrachten Nacht. Folgerichtig gibt es wollüstig zuckenden Funk-Rock, möglichst künstlich klingende Synthies, auch mal ein breitbeiniges Gitarren-Solo, gemütliche Disco-Rhythmen, watteweiche Bläser-Arrangements oder zum Drinversinken plüschigen Soft-Rock – und generell einen warmen, retrospektiven Sound, der klingt, als wäre früher tatsächlich alles besser gewesen.

Es ist eine Neuerfindung für St. Vincent. Das überkandidelte Drama, das man von ihr kennt, ist nicht verschwunden, aber doch zurückgefahren zugunsten einer souligen Stimmung. Statt einen bloß staunen zu lassen, nimmt einen diese Musik an die Hand, führt durch die Clubs und Kneipen und sitzt schließlich morgens neben einem in der U-Bahn, wenn die Nacht geht und das Grau des Tages einen wieder ankriecht auf dem Weg nach Hause. (Thomas Winkler)


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