Musik

Urteil im Prozess: Das Problem der Musikbranche ist größer als P. Diddy

Missbrauch, Schusswaffen und wohl über 1.000 Flaschen Baby-Öl: Es ging um verstörende Vorwürfe, nun wurde der Rapper und Medienunternehmer Sean „Diddy“ Combs in zwei von fünf Punkten für schuldig befunden. tipBerlin-Autorin Rike van Kleef hat den Prozess verfolgt und aufgeschrieben, warum das Urteil wegweisend für die gesamte Musikbranche sein könnte – auch in Deutschland.

Sean ‚Diddy‘ Combs wurde gestern in zwei von fünf Anklagepunkten schuldig gesprochen. Foto: IMAGO / NurPhoto

Was beinhalteten die Vorwürfe?

Nach sieben Wochen wurde am Mittwoch das Urteil im Strafrechtsprozess „United States of America v. Sean Combs“ gefällt. Insgesamt wurde in fünf Anklagepunkten gegen Combs ermittelt: Bildung einer kriminellen Vereinigung, Sexhandel von Casandra „Cassie“ Ventura, Zuführung zur Prostitution, Sexhandel einer zweiten Person, die vor Gericht als „Jane“ bekannt wurde, Zuführung zur Prostitution in einem zweiten Fall. Sowohl bei Ventura, als auch bei „Jane“ handelt es sich um frühere Partnerinnen von Combs.

Im Laufe des Prozesses zeichnete die Staatsanwaltschaft das Bild eines gewalttätigen Mannes, der seine Position ausgenutzt haben soll, um Menschen in seinem Umfeld, insbesondere zwecks Erfüllung seiner sexuellen Wünsche, zu missbrauchen. Ihm wurde weiterhin vorgeworfen, sein Geschäftsimperium – als Leiter einer kriminellen Vereinigung – und die damit einhergehenden Mitarbeiter:innen und Ressourcen genutzt zu haben, um die Unterdrückung von Frauen wie Casandra Ventura und „Jane“ sicherzustellen. Hierzu soll er Betäubungsmittel besorgt und verabreicht haben. Die Kronzeugin Ventura schilderte im Laufe des Prozesses außerdem, dass Combs ihre Karriere kontrolliert und seine finanzielle Unterstützung ausgenutzt, sowie Gewalt angewendet haben soll.

„Freak-Offs“ und 1000 Flaschen Baby-Öl: Verstörende Details

Eine prominente Rolle nahmen im Prozess die sogenannten Freak-Offs ein. Nach Aussagen Venturas handelte es sich hierbei um tagelange, dramaturgisch umfangreich inszenierte Veranstaltungen zur sexuellen Befriedigung von Combs. Neben Kostümen und Unmengen an Kerzen umfassten sie auch hohen Drogenkonsum. Berühmt wurden in diesem Zusammenhang die über tausend Flaschen Baby-Öl, die laut Anklage bei Hausdurchsuchungen in Miami und Los Angeles gefunden wurden. Laut eigener Aussage habe Ventura erst teilgenommen, um ihren Partner, den sie geliebt hat, nicht zu enttäuschen, später jedoch aus Angst.

Combs habe, so die Klageschrift, Schusswaffen getragen, um seine Opfer und Zeug:innen zu bedrohen und einzuschüchtern. Opfer wurden außerdem mutmaßlich daran gehindert, entsprechende Orte, wie Wohnhäuser oder Hotels, zu verlassen.

Organisierte Kriminalität – ja oder nein?

Auffällig war, dass sich die Staatsanwaltschaft, auf das Bundesgesetzt „RICO“, kurz für „Racketeer Influences and Corrupt Organizations Act“, bezog. Das RICO-Gesetz wurde 1970 verabschiedet, um gegen organisierte Kriminalität vorgehen zu können und weist hohe Hürden in der Verfolgung auf. Bekannt wurde das Gesetz insbesondere im Zusammenhang mit der Verfolgung verschiedener Mafia-Familien in den 1980ern in New York oder auch in der Bekämpfung von Drogenkartellen.

Anstatt den Fall als Summe vieler einzelner Straftaten zu betrachten, wurde er so, von Seiten der Staatsanwaltschaft, als zusammenhängende Machenschaften einer kriminellen Organisation interpretiert, dessen Anführer Sean „Diddy“ Combs sein sollte. Der Angeklagte und seine Verteidigung bestritten alle Vorwürfe.

Von diesem ersten Vorwurf, der gleichwohl der schwerste war, wurde Combs nun freigesprochen. Ebenfalls von den zwei Vorwürfen des Sex-Handels von Cassie Ventura und „Jane“. Lediglich in den zwei Fällen von Zuführung zur Prostitution wurde er für Schuldig befunden. Das Strafmaß steht noch aus, für beide Verurteilungen könnten jeweils maximal 10 Jahre Haft, also insgesamt 20 Jahre Haft, verhängt werden. Laut Berichten der BBC ist die Verhängung des Höchst-Strafmaß unwahrscheinlich. Der Rechtsexperte Mitchell Epner äußerte sogar, dass es ihn „überhaupt nicht überraschen würde“, wenn „Combs das Gerichtsgebäude heute als freier Mann verlässt“.

Öffentliche Diskussion und Vorwürfe durch R&B-Sängerin und Ex-Freundin Cassie

Der Strafrechtsprozess war nicht das erste Mal, dass Vorwürfe gegen den US-Rapper laut wurden. Schon 2022 berichtete eine nach eigenen Angaben Betroffene, Tanea Wallace, von ihren Erfahrungen mit Sean Combs. Dennoch ging es für ihn weiter: Ein Album-Release 2023, Nominierungen für Preise, darunter sogar eine Grammy-Nominierung (die Teilnahme an der Preisverleihung lehnte er jedoch ab) sowie drei Auszeichnungen in den Jahren 2022 und 2023. Es gab sogar eine Ehrung durch den Bürgermeister der Stadt New York City, Eric Adams, die inzwischen jedoch wieder zurück genommen wurde.

Ausgangspunkt der öffentlichen Eskalation waren insbesondere Vorwürfe seiner 18 Jahre jüngeren Ex-Freundin, der R&B-Sängerin Casandra „Cassie“ Ventura. Sie hatte Combs Ende 2023 wegen jahrelanger Vergewaltigung, Menschenhandel zur sexualisierten Ausbeutung und physischer Misshandlung angezeigt. Laut der Klageschrift, die dem Bezirksgericht in Manhattan vorgelegt wurde, soll der Missbrauch schon 2005 begonnen haben. Da war Ventura gerade einmal 19 Jahre alt und frisch bei Combs‘ Bad Boy Record Label gesigned – das gleiche Label, das auch das Debütalbum der Rap-Legende Notorious B.I.G. veröffentlicht hat.

Combs soll seine Machtposition in der Industrie ausgenutzt haben

Die Anklageschrift, sowie Statements von Ventura und ihren Verteidigern beschrieben Combs als kontrollsüchtigen, gewalttätigen Mann, befähigt durch seine mächtige Position in der Musikindustrie. Ventura habe daher zwischenzeitlich nicht nur um ihre Familie, Freunde und Karriere, sondern auch um ihr Leben gebangt. Ben Brafman, einer von Combs‘ Anwälten im Rahmen der Zivilklage, verneinte alle Anschuldigungen und warf Ventura finanzielle Gier als Motivation für die Anklage vor. Venturas Anwalt Douglas H. Wigdor wiederum erwiderte, dass Herr Combs der Klägerin eine achtstellige Summe geboten hätte, um die Klage zu verhindern. Nur einen Tag später hatten sich beide Parteien auf einen Vergleich in Höhe von 20 Millionen US-Dollar geeinigt.

Erst 2024 kippte Sean Combs öffentliches Image, in Folge der Veröffentlichung eines verstörenden Videos aus dem Jahr 2016, das CNN zugespielt wurde und nun im Prozess als Beweismaterial verwendet wurde. Die Bilder einer Überwachungskamera zeigen Combs dabei, wie er seiner damalige Partnerin Ventura nur in einem Handtuch bekleidet durch einen Hotelflur in Los Angeles folgt, sie erst niederreißt, auf sie eintritt und sie anschließend über den Boden schleift. Zuvor habe er ihr laut Anklageschrift schon ein blaues Auge verpasst, was die Sängerin dazu veranlasst hatte, das Hotelzimmer zu verlassen, als Combs schlief. Auf Seiten des Rappers mutmaßte die Verteidigung, das Video sei bearbeitet und „irreführend“.

Macht, Abhängigkeit – ein Erdrutsch-Sieg für die Verteidigung

Nun wurde Sean Combs zur Überraschung vieler in beträchtlichen Teilen also freigesprochen, Journalist:innen und Jurist:innen sprechen von einem Erdrutsch-Sieg für die Verteidigung. US-Jurist Mitchell Epner äußerte in CBS News beispielsweise, dass es ein „großer Sieg“ für seine Verteidigung und eine „große Niederlage“ für die Staatsanwaltschaft sei. Für viele, die den Prozess die letzten sieben Wochen verfolgt und Teile des Beweismaterials gesichtet haben, ist wohl schwer nachvollziehbar bis schockierend, weshalb nicht zumindest der Vorwurf des Sexhandels von Casandra Ventura zu einem Schuldspruch geführt hat. Die Verteidigungsstrategie von Combs‘ Team, darauf hinzuweisen, dass es sich bei dem Prozess nicht um eine Anklage häuslicher Gewalt, sondern um andere Vorwürfe handelte, scheint aufgegangen zu sein.

Nun, da die Jury entschieden hat, dass größte Teile von Combs‘ Sexleben als „kinky not criminal“, wie es die BBC-Reporterin Anoushka Mutanda-Dougherty zusammenfasste, einzustufen sind, ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bevor Folgedebatten über die Einmischung des Staats in vermeintliche Privatangelegenheiten beginnen werden. Auch im Berliner Nachtleben wird die Frage, wo Kink anfängt und aufhört, immer wieder neu debattiert, etwa nach Berichten von sexuellen Übergriffen im KitKat.

Rike van Kleef

Das Problem ist größer als der Fall Diddy – und betrifft auch die deutsche Musikbranche

Es bleibt abzuwarten, was dieses Urteil für die weiteren Debatten rund um Machtstrukturen und Machtmissbrauch in der Musikindustrie bedeutet. Einerseits könnte Casandra Venturas Mut zur Aussage und Anklage, sowie die Teilverurteilung, Betroffene in Zukunft bekräftigen ebenfalls auszusagen. Ihr Anwalt Douglas H. Wigdor kommentierte inzwischen: „Indem sie sich mit ihren Erfahrungen an die Öffentlichkeit wandte, hat Cassie einen unauslöschlichen Eindruck sowohl in der Unterhaltungsindustrie als auch im Kampf für Gerechtigkeit hinterlassen“.

Andererseits könnten die Teilfreisprüche Combs‘ Position als Medien Mogul und Unternehmer – seine wirtschaftlichen Tätigkeiten umfassen unter anderem Record Label, ein Aufnahmestudio, eine Kleidungsmarke, ein Spirituosen-Business, eine Marketing- Agentur und ein Fernsehsender und Medienunternehmen – noch weiter stärken. Schon bei Bekanntgabe des Urteils änderte sich seine Haltung, die Stimmung von Sean Combs und seiner Familie kann nur als triumphal beschrieben werden.

„Kinky not criminal“? Auch im Berliner Nachtleben wird Kink und Consent heiß diskutiert

Auch außerhalb des Gerichtssaals kann mitnichten von der vom Richter erwünschten Contenance gesprochen werden. Wie schlimm muss es für Betroffene sexualisierter Gewalt sein, das teils würdelose Schauspiel vor dem Haupteingang zu beobachten; Fans, die T-Shirts mit „Freako not a RICO“-Aufdrucken tragen und dabei „Lasst ihn gehen!“ und “Free Puff! Free Puff! Free Puff!” skandieren, bei Urteilsverkündung laut johlten und feierten. Fraglich ist auch, inwiefern das Urteil künftig in den Medien verzerrt werden wird. Nun, da die Jury entschieden hat, dass größte Teile von Combs‘ Sexleben als „kinky not criminal“, wie es die BBC-Reporterin Anoushka Mutanda-Dougherty zusammenfasste, einzustufen sind, ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bevor Folgedebatten über die Einmischung des Staats in vermeintliche Privatangelegenheiten beginnen werden. Debatten, die auch vor dem Hintergrund zunehmenden rechten Backlashs, sowohl in den USA als auch in Deutschland, und höchstwahrscheinlich wiederum zu Lasten Betroffener von häuslicher und sexualisierter Gewalt geführt werden. Im Berliner Nachtleben wird die Frage, wo Kink anfängt und aufhört, immer wieder neu debattiert, etwa nach Berichten von sexuellen Übergriffen im KitKat.

Non-Disclosure-Agreements: So funktioniert Machtmissbrauch auf struktureller Ebene

Die konkreten strukturellen Probleme rund um Machtmissbrauch in der Musikbranche, die in diesem Fall zweifelsohne eine Rolle spielten, wurden durch den Investigativ-Journalisten Geoff Edgers in einem am 1. Mai 2025 in der Washington Post erschienenen Artikel besonders anschaulich beschrieben. So hätten Combs und sein Team breit Nutzen von sogenannten Non-Disclosure-Agreements, also Geheimhaltungsverträgen, gemacht, die mutmaßlich Betroffene zur Verschwiegenheit zwingen. Auch der verurteile Sexualstraftäter R. Kelly hatte breiten Gebrauch von NDAs gemacht, um seine Stellung zu schützen, wie die Washington Post berichtete.

Unabhängig des Urteils muss festgehalten werden, das Problem ist größer als der Fall Diddy. Dies zeigt sich unter anderem daran, dass laut der Washington Post beispielsweise das Label Atlantic Records in der Vergangenheit Firmengelder dazu genutzt hat, Sex-Spielzeuge und Porno-Zeitschriften zu finanzieren, aber auch um Frauen davon abzuhalten Vorwürfe gegenüber den Co-Gründer und Label-Präsidenten Ahmet Ertegun, der im Jahr 2006 starb, zu veröffentlichen. Atlantic hat die Vorwürfe der Post gegenüber nicht kommentiert, aber ein Anwalt rund um Erteguns Nachlass bestreitet diese. Auch der Universal Music Group wird vorgeworfen, Betroffenen Geld gezahlt zu haben, bislang weigert sich das Unternehmen jedoch Stellung zu beziehen. Nicht nur im Ausland gibt es Kritik an Universal und dem Umgang mit hauseigenen Künstler:innen, gegen die Vorwürfe publik werden: In Deutschland gab es nicht zuletzt die breite Debatte um die Causa Lindemann und den Umgang mit der Band Rammstein, worüber der tip unter anderem hier berichtete.

Ein großes Netz von Kompliz:innen

Auch wenn Combs nun nicht wegen organisierter Kriminalität verurteilt wurde, kann davon ausgegangen werden, dass er bei der, polemisch formuliert, Erfüllung seiner Wünsche ebenfalls Unterstützung hatte. Eine weitere ausführliche Analyse durch die Washington Post weist auf das große Netzwerk von Combs und dessen mutmaßliche Beteiligung hin und spricht von einem „weitreichende[n] Netzwerk der Komplizenschaft […], in das Prominente, Familienmitglieder, Mitarbeiter und mächtige Führungskräfte in seinem Umfeld verwickelt sind. […] Die Liste wirft die Frage auf, inwieweit Combs‘ angebliche Missetaten in elitären Kreisen bekannt sind […]“. In diesem Sinne muss die Signalkraft des P. Diddy-Prozesses, sowie des R. Kelly-Prozesses, verstanden werden.

Mit Blick auf den kompletten Fall Sean „Diddy“ Combs geht die Washington Post davon aus, dass es „Jahre dauern könnte, die mehr als 70 weiteren Klagen wegen sexueller Übergriffe zu klären, die von mutmaßlichen Opfern eingereicht wurden, sowohl von Männern als auch von Frauen, einschließlich Sexarbeiter:innen und solchen, die einen Fuß in die Musik- und Fashion-Industrie bekommen wollten“. Ob Combs diese Jahre hinter Gittern oder in Freiheit verbringen wird, liegt nun in den Händen des Richters.

Rike van Kleef

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