HipHop

Berliner Instrumental-Hip-Hopper V.Raeter: Kater-Beats ohne Rap

V.Raeter, Berliner Urgestein und Multitool, produziert instrumentalen Hip-Hop mit viel Romantik, Melancholie und dem staubigen Knistern von Vinyl. Sein neues Album „Sunday On A Monday“ ist ein Soundtrack für den zögerlichen Frühlingseinbruch und gemütliche Katertage. Unser Autor und Fotograf Till Wilhelm hat den Berliner Instrumental-Hip-Hopper V.Raeter getroffen.

Der Berliner Instrumental-Hip-Hopper V.Raeter geht gern in Prenzlauer Berg flanieren. Foto: Till Wilhelm

Instrumentaler Hip-Hop, also Beats ohne Rap, waren in Deutschland lange ein abseitiges Thema für Aficionados der musikalischen Bastelei. Für ein kleines Publikum wurden noch kleinere Auflagen netter Alben und EPs auf Vinyl gepresst; für die Producer galten jeder Drumloop und jedes klimpernde Pianosample als Liebeserklärung an die Historie. Doch das Streamingzeitalter kam und drehte gewaltig an den Stellschrauben der Rezeption.

Berliner Instrumental-Hip-Hopper V.Raeter profitiert von Playlists, aber liebt die Platte

Nur wenige stehen noch zur Halbzeit eines Albums auf, um das schwarze Gold auf die B-Seite zu drehen; Instrumental- Hip-Hop wird über kuratierte Playlisten mit großem Following vermarktet. Sie tragen Namen wie „Homeoffice Concentration“, „Lofi Beats To Study To“ oder, besonders ehrlich, „Background Music“. Die Kunst der Beatbauer wandelt sich zur zweckgerichteten Gebrauchsmusik. In all diesen Listen findet sich auch die Musik von V.Raeter. Und doch wartet die Veröffentlichung seines neuen Albums „Sunday On A Monday“ auf die Lieferung aus dem Plattenpresswerk.

„Ich hoffe wirklich, dass diese Platte ihre Hörerschaft findet“, sagt V.Raeter und meint damit wohl ein Publikum, das nicht nur die Vinylversion samt exklusiver Espresso-Röstung und wiederverwendbarem Kaffeebecher kauft, sondern sich auch Zeit nimmt für „Sunday On A Monday“, das zweite Soloalbum des P-Berger Multitools. Fast gänzlich ohne Worte, aber doch mit Stimme erzählt er von späten Stunden und frühen Heimwegen in den überraschend warmen Tagen des letztjährigen Februars, als (fürs Erste) das Ende des Lockdowns nahte und der graue Monolith des Berliner Winters den ersten Sonnenstrahlen wich.

V.Raeter klingt nach Frühlingseinbruch

„Das war für alle ein kleiner Frühling. Weil aus den völlig ausgestorbenen Straßen, einer ausgestorbenen Stadt, eine lebendige Stadt wurde.“ Der Frühlingseinbruch riss V.Raeter mit, nach Monaten des Herumdümpelns im Homeoffice entstanden gleich vier Stücke an einem Tag, nur dem Gefühl folgend. Kurz zuvor schon, als im Januar und Februar das Licht so schön flach stand, begannen die Spaziergänge des DJs und Produzenten, der neue Zugänge zur Fotografie fand. „Man nimmt die Stadt ganz anders wahr als im grauen Einheitsbrei des Winters.“ Zurzeit fühlen wir es wieder.

Und manchmal ist der Frühling von so unverhoffter Schönheit, dass man stehen bleibt und all die gewohnte Umgebung durch neue Augen sieht. Die alten, abgenutzten Ecken der Spree-Metropole blühen auf, rufen Erinnerungen wach und erscheinen in neuem Licht. Vogelzwitschern sorgt in „Dimsum“ für Frühlingsgefühle, das Räuspern inmitten eines leichtfüßigen Vocalsamples befreit im Titeltrack die Kehle vom tristen Staub der kalten Jahreszeit. „Das ist mein Signature-Sound“, sagt V. Raeter. „Going Home“ fängt die nächtliche Reminiszenz alter Zeiten mithilfe eines Group Home-Samples aus dem Jahr 1995 ein: „I’m on my way going home drinking a Heineken/Back to the destination where it all began“. Leicht alkoholisierte, schlingernde Drums und Samples, an denen noch das Staubkorn der Schallplatte hängt, laden ein zum Schlendern auf der Memory Lane. Doch Leitmotiv ist nicht die Nostalgie, sondern der Aufbruch.

Berliner Instrumental-Hip-Hopper V.Raeter: Ein Fuck You an dich und die City

Als Fotograf und Illustrator erzählt V.Raeter naturgemäß in visuellen Begriffen von der Atmosphäre seines Albums: „Ich drehe mich um und schaue zur Balkontür. Die Vorhänge wehen im Wind, und die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings bleiben glänzend an aufgewirbelten Staubkörnen hängen.“ Die Temperaturen steigen auf „19 Grados“, es folgt ein tiefes Luftholen im Angesicht des erblühenden Lebens. „Wenn du an einem Sommerabend bei geöffnetem Fenster in den letzten Sonnenstrahlen auf dem Bett liegst und das gemurmelte Grundrauschen wieder in die Straße und seine Cafés einzieht – das ist das Feeling.“ Das Stadtleben erwacht und steht in einem so ganz anderen Licht als zuvor, es präsentiert sich selbst dem routinierten Beobachter plötzlich als so unbekannt und aufregend, dass sich jenes angenehme Gefühl von Urlaub einstellt, das „Sunday On A Monday“ über 25 Minuten hinweg transportiert.

Besser vor als hinter Gittern: Der Berliner Instrumental-Hip-Hopper V.Raeter hat seine neue Platte „Sunday On A Monday“ am Start. Foto: Till Wilhelm

Wobei, eher 24½. Denn zum blühenden Tagtraum des Frühlings gehört auch das Aufwachen, hinein in eine Gegenwart, die immer unversöhnlicher erscheint. „Fuck you and this whole city“ heißt es kurz vor Ende des letzten Tracks, bevor noch einmal die harmonisierte und verfremdete Stimme V.Raeters mit einer Liebeserklärung ertönt. Noch ein Bild: „Die schöne Nacht ist zu Ende. Und du stehst wieder um 6:30 Uhr mit einem Kaffee auf dem Balkon und musst zur Maloche.“ Der als verkaterter Sonntag ausgelebte Montag endet auf einer ambivalenten Note, altbekannte Hassliebe. Und dann denkt V.Raeter wieder an die Nostalgie: „Wenn man das weiterspinnt, kann man sagen: Ich vermisse die alten Zeiten. Aber ich liebe auch die neuen Zeiten. Es ist ein ständiges Widersprechen.“

Ein Blumenstrauß für diesen bitterkalten Tag

Als wir das Café verlassen, in dem unser Interview eben noch stattfand, blicken wir blauem Himmel über Kreuzberg entgegen. Es ist bitterkalt, aber wenigstens das flache Licht durchdringt bereits die winterlichen Graustufen und lässt uns ahnen, wie farbenfroh und murmelnd das Leben hier in einigen Wochen wieder erblühen wird. Ein paar Fotos werden geschossen, ein grotesker Blumenstrauß findet für einen grotesken Preis seinen Weg in die Hände des Produzenten. Als wir um die Ecke biegen, weicht der blaue Himmel plötzlich dunkelgrauer Wolkendecke, und Väterchen Frost lässt einen kurzen Hagelschauer herunterprasseln.

Auf Spaziergängen könne man „Sunday On A Monday“ gut hören, sagt V.Raeter, aber noch ist dafür wohl nicht die Zeit. Vielleicht zum Aufräumen, Kochen oder Lesen, vielleicht auf einer Autofahrt oder doch beim Arbeiten. Vielleicht auf Vinyl, sofern die seit Monaten dank Pandemie und Major-Labels völlig überlasteten Plattenpresswerke wirklich pünktlich liefern. Oder in einer der Playlisten, deren anonyme Funktionalität durch die tiefe Melancholie und die Liebe zum Detail von „Sunday On A Monday“ ebenso bereichert wie gestört wird. Erste Sonnenstrahlen und frische Windstöße werden den grauen Staub glitzernd emporwirbeln – und der Frühling erblüht.

V.Raeter: „Sunday On A Monday“ (Kabul Fire Records), veröffentlicht am 04.03.2022


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