Interview

Weird Al Yankovic in Berlin: Der Pop-Parodist im Interview

Weird Al Yankovic kommt nach Berlin. Zum ersten Mal in seiner gut 40-jährigen Karriere spielt der wohl berühmteste Musik-Parodist der Welt in der Stadt. In den 1980er- und 1990er-Jahren sorge er mit seinen skurrilen Hit-Adaptionen für Furore und wurde zum Superstar der MTV-Ära. Aus Michael Jacksons „Beat it“ machte er „Eat it“, aus Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“ wurde „Smells Like Nirvana“ und Madonnas „Like a Virgin“ dichtete er in „Like a Surgeon“ um.

Wir sprachen mit dem 63-jährigen US-Amerikaner über seine künstlerischen Anfänge und seinen Mentor Dr. Demento, die Kunst einen geeigneten Song für eine Parodie zu finden, das Verschwinden des Mainstreams, das Berliner Konzert und den Film „Weird: The Al Yankovic Story“, in dem Harry-Potter-Star Daniel Radcliffe in die Rolle von Weird Al Yankovic schlüpft und sich vorher ein Akkordeon kaufte.

Schräg, schräger Weird Al Yankovic. Im März 2023 kommt er erstmals nach Berlin. Foto: Todd Heisler/The New York Times
Schräg, schräger Weird Al Yankovic. Im März 2023 kommt er erstmals nach Berlin. Foto: Todd Heisler/The New York Times

Weird Al Yankovic: „Leider kann ich Ihnen keinen fünf Dollar leihen!“

tipBerlin Weird Al Yankovic, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Bevor wir anfangen muss ich fragen, könnten Sie mir vielleicht fünf Dollar leihen?

Weird Al Yankovic (Lacht sehr lange). Leider kann ich Ihnen keine fünf Dollar leihen! (Lacht wieder sehr lange).

Unter hartgesottenen Weird Al Yankovic-Fans kursiert dieser Fünf-Dollar-Witz, niemand weiß genau, wo er herkommt.

tipBerlin Schade. Dann machen wir eben das Interview. Wie ist es Ihnen in den letzten 30 Jahren ergangen? Hier in Deutschland erinnern wir uns an „Eat it“, „Fat“ und „Smells like Nirvana“, also an die 1980er- und frühen 1990er-Jahre. Dann klafft in der öffentlichen Wahrnehmung eine große Lücke in Bezug auf Ihre Karriere.

Weird Al Yankovic Ich habe weiterhin Platten aufgenommen, bin auf Tour gegangen, war an Fernsehproduktionen beteiligt. In vielen Teilen der Welt bin ich noch nie aufgetreten, auch in Deutschland nicht. Darum kennen mich viele Leute nur wegen der Hits aus den 1980er-Jahren. Aber ich war auch in den Jahrzehnten danach ziemlich aktiv!

tipBerlin Erinnern Sie sich, wie die Sache mit den Parodien angefangen hat, wann haben Sie gedacht, das ist es, was ich gut kann und was ich in meinem Leben tun möchte?

Weird Al Yankovic Eigentlich habe ich nie daran gedacht, Parodien zum Beruf zu machen und irgendwann davon leben zu können. Es war aber etwas, was ich schon als Kind einfach gemacht habe. In meiner Jugend gab es eine Sendung im Radio, die der Moderator und DJ Dr.Demento gemacht hat. In seiner Show spielte er immer sehr bizarre und sehr lustige Musik. Einmal schickte ich ihm eine Kassette mit meinen Songs, die ich im Wohnzimmer aufgenommen habe. Nur ich und mein Akkordeon. Das waren keine sehr guten Songs und die Qualität der Aufnahmen war furchtbar, aber Dr. Demento spielte sie trotzdem. Er fand sie seltsam und interessant und die Leute mochten das.

tipBerlin Wovon handelten Ihre frühen Songs?

Weird Al Yankovic In dem ersten Song, den ich je geschrieben habe, ging es um unseren Familienwagen, einen schwarzen Cadillac Plymouth Belvedere. Noch mal, es war kein guter Song, aber er war blöd genug, als dass Dr. Demento entschied, ihn ins Programm zu nehmen. Mein erster richtiger Hit, der in seiner Show lief und der auch auf Platte rauskam, war „My Bologna“, eine Parodie von „My Sharona“ von The Knack.

Weird Al“ Yankovic – My Bologna

tipBerlin Sie mussten immer sehr zeitgemäß sein, nach neuen Hits und neuen Stars Ausschau halten.

Weird Al Yankovic Das stimmt, „My Sharona“ war im Sommer 1979 ein großer Hit und meine Parodie erschien sehr kurz danach. Es ist ein Teil des Erfolgsgeheimnisses, dass man so zeitgemäß sein muss, wie es nur geht, weil zwischen dem Original und der Parodie nicht zu viel Zeit vergehen darf. Ich beobachtete also immer die Billboard-Charts und suchte nach Songs, die sich als Vorlage eigneten und für die ich eine Idee finden konnte.

tipBerlin Welche Kriterien spielten bei der Auswahl der Songs, die Sie parodieren wollten, eine Rolle, nur der kommerzielle Erfolg oder mussten Sie die Songs auch gut finden?

Weird Al Yankovic Meine Vorlieben spielten keine große Rolle, aber ich mag die meisten Songs, von denen ich Parodien gemacht habe. Eigentlich habe ich mit keiner Musik ein Problem. Irgendwie musste ich den Song schon gut finden, weil ich wusste, ich würde ihn jahrelang mit mir herumtragen und bei Konzerten singen, da ist es besser ihn nicht zu hassen. Wichtiger war aber, dass er erfolgreich war und ich mit ihm etwas Lustiges anstellen konnte.

„Heute ist es wesentlich schwieriger herauszufinden, was wirklich erfolgreich ist“

tipBerlin Wie nehmen Sie heute das Musikgeschäft wahr? Sie haben mal gesagt, es gibt keinen richtigen Mainstream mehr und deshalb funktionieren solche Parodien nicht mehr so wie in den 1980er- oder 1990er-Jahren.

Weird Al Yankovic In gewisser Weise stimmt das, der Mainstream lässt sich nicht mehr so klar fassen wie früher. Damals war es fast eine Monokultur, heute ist es wesentlich schwieriger herauszufinden, was wirklich erfolgreich ist, weil alle in ihren eigenen Szenen, Genres und Subgenres stecken. Es ist toll, dass man jetzt mehr Auswahl hat, aber einen richtigen „Mainstream-Hit“ herauszupicken, ist nicht so leicht. Es gibt immer noch Superstars wie Taylor Swift, Adele oder Beyoncé, aber die Imagination der Fans einzufangen ist im Vergleich zu der Ära als alle vor MTV saßen und die gleichen Songs sahen, nicht einfach.

tipBerlin Sie sind 63, ist es jetzt an der Zeit, zurückzublicken?

Weird Al Yankovic Auch das. Ich versuche zwar immer noch zeitgemäß zu sein, aber es ist ein guter Moment für eine Reflektion dessen was passiert ist. Es fühlt sich nicht so an, aber immerhin mache ich das was ich mache seit gut 40 Jahren. Deshalb habe ich einige retrospektive Alben herausgebracht, eine Graphic Novel mit Comic-Adaptionen meiner größten Hits und das Biopic ist in der Hinsicht wohl die größte Sache.

tipBerlin Sie sprechen den Film „Weird: The Al Yankovic Story“ an, in dem Daniel Radcliffe sie spielt. Haben Sie sich jemals diese Yankovic-Harry-Potter-Verbindung vorgestellt?

Weird Al Yankovic Mit meinem Freund Eric Appel, der bei dem Film Regie führte und mit dem ich zusammen das Drehbuch geschrieben habe, setzten wir einige Namen auf die Liste von Schauspielern, die mich spielen könnten. Daniel Radcliffe stand ganz oben. Wir mochten seine Energie, er passte auch zu dem Film, der zwar eine Komödie ist aber zugleich ist es ein Film, der sich wie ein ernsthafter Hollywood-Oscar-Biopic anfühlen sollte. Wir wollten keinen Blödelfilm machen. Daniel Radcliffe sollte diese ganzen sonderbaren Dinge tun, dies aber mit der größtmöglichen Ernsthaftigkeit. Er hat das perfekt umgesetzt.

tipBerlin Hat er sofort zugesagt?

Weird Al Yankovic Ja, Eric und ich haben ihn auf Zoom getroffen und er war gleich begeistert. Seine einzige Frage war, welches Akkordeon er kaufen soll, denn er wollte sich auf die Rolle richtig vorbereiten und das Instrument lernen. Als er nach Los Angeles kam, lieh ich ihm mein Akkordeon und er hatte einige Unterrichtsstunden mit mir.

tipBerlin Soweit ich weiß, haben Sie kaum in nicht-englischsprachigen Ländern gespielt. Hatten Sie Angst vor der Sprachbarriere?

Weird Al Yankovic Es lag nicht an mir, ich gehe überallhin, wo man mich hören will. Bis jetzt hatte ich einfach nie einen Promoter, der mich zum Beispiel nach Deutschland bringen wollte. Jetzt ist es soweit und ich bin sehr gespannt auf das, was passieren wird.

„Vorerst muss ich mich bei den Fans entschuldigen, die „Eat it“ sehen wollten“

tipBerlin Sie kommen im Rahmen ihrer sehr schön betitelten „The Unfortunate Return of the Ridiculously Self-Indulgent, Ill-Advised Vanity“-Tour erstmals nach Deutschland. Wie man hört, werden Sie dabei aber hauptsächlich eigene Originalsongs spielen und nicht die Parodie-Hits wie „Smells Like Nirvana“ oder „Like a Surgeon“. Warum?

Weird Al Yankovic Die normalen Tourneen in den USA bestehen genau aus diesem Material. Es sind aufwendige Produktionen mit Kostümwechseln, Requisiten und Videoeinspielungen, eine sehr theatralische Multimedia-Show. Leider ist es sehr schwierig, das außerhalb von Nordamerika zu zeigen, aufgrund der hohen Kosten. Ich wünschte, wir würden das volle Programm nach Europa bringen, vielleicht passiert das auch eines Tages. Aber vorerst muss ich mich bei den Fans entschuldigen, die „Eat it“ sehen wollten. Jetzt konzentrieren wir uns auf meine eigenen Songs und es wird sehr lustig, das kann ich versprechen!

tipBerlin Haben Sie Pläne für die Zukunft, wird es weird?

Weird Al Yankovic Wenn die Tour in Europa und Australien vorüber ist, habe ich noch nichts konkret geplant. Vielleicht nehme ich mir etwas frei und verbringe Zeit mit meiner Familie. Der Film läuft sehr gut, ich würde gern mehr Filme machen. Vielleicht ein Sequel zu dem Biopic? Wer hat schon mal etwas von einem Biopic-Sequel gehört? Das wäre doch großartig!


Weird Al Yankovic – Live in Berlin

Adimralspalast Friedrichstraße 101, Mitte, 5.3., 20 Uhr, VVK ab 59 Euro, weitere Infos hier


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