Konzerte & Party

Musikfest Berlin 2009

BBC_Symphony_Orchestra

Von Hitler und Stalin will Valery Gergiev nichts wissen. Die Sinfonien seines Landsmannes Dmitri Schostakowitsch, erklärt Russlands berühmtester Dirigent, hätten lange Zeit darunter gelitten, dass man sie nur auf die politischen Ereignisse ihrer Entstehungszeit bezogen hätte. Dabei seien sie in erster Linie große Musik voller wunderbarer, lyrischer Melodien. Und jetzt, so Gergiev, sei es langsam an der Zeit, diese zeitlosen Qualitäten ins rechte Licht zu setzen. Ungewöhnlich direkt formuliert Gergiev die Frage, die derzeit viele große Dirigenten umtreibt: Wurden die 15 Sinfonien des 1906 geborenen Schostakowitsch von Musikern wie Publikum bislang vor allem als das Leidensprotokoll eines Künstlers unter dem Sowjetregime begriffen, interessiert inzwischen, was diese Musik über ihre Zeitzeugenschaft hinaus noch zu sagen hat. Schuf Schostakowitsch etwa nur imposante Soundtracks zur Belagerung Leningrads (7. Sinfonie) oder der Erstarrung der Breschnew-Ära (15. Sinfonie), oder besitzen die Ängste und Sehnsüchte der vereinsamten Komponistenseele auch einen Echoraum in der Welt des 21. Jahrhunderts?

Stockhausen
11 der 15 Sinfonien stehen beim Musikfest Berlin auf dem Programm, und neben den Lokalmatadoren Ingo Metzmacher und Simon Rattle gastieren Pultstars wie Gergiev, Kurt Masur und Bernard Haitink. „Für mich ist Schostakowitsch der erste Komponist, dessen Musik durch das Kino geprägt wurde“, erklärt Festivalchef Winrich Hopp – die Schnitttechniken der vierten Sinfonie etwa seien purer Eisenstein. „Deshalb konfrontieren wir seine Musik mit der avancierten Musiksprache des 20. Jahrhunderts, vor allem mit Schlüsselwerken von Iannis Xenakis“. Die perkussive Musik des 2001 gestorbenen griechischen Avantgardisten werde durch den Kontrast archaischer, die Musik Schostakowitschs dagegen moderner klingen, wünscht sich Hopp.

Nachdem Hopps Programm im vergangenen Jahr auf die mys­tisch-ekstatischen Ausdrucksräume der Musik abzielte, bleibt er 2009 bewusst am Boden: „Im letzten Jahr sind wir abgehoben, jetzt kommen wir aus dem Weltall zurück und landen auf der geschundenen Erde“, beschreibt er blumig seine Grundidee, die er im ersten Konzert sogar ganz direkt in Szene gesetzt hat: Für Stockhausens Hymnen, die am 3. September den Programmfaden des vorangegangenen Jahres aufnehmen, hat er das Publikum auf der Bühne der Philharmonie platziert – wie die Besatzung eines gerade gelandeten Raumschiffs. Hopp verklammert seine Programme gern mit solchen hintersinnigen Ideen und inhaltlichen Verbindungslinien: Neben der dominierenden Gegenüberstellung Schostakowitsch-Xenakis, die das Eröffnungskonzert des BBC Symphony Orchestras am 4.9. beherrscht, lassen sich in den zwanzig Programmen auch die Musik des Jubilars Joseph Haydn (250. Todestag) und das Jubiläum 20 Jahre Mauerfall (etwa mit Hanns Eislers „Deutscher Sinfonie“) ausmachen.

Colin-Currie
Das müsse man natürlich nicht alles verstehen, beschwichtigt der Festivalmacher, aber einen fühlbaren Zusammenhalt auch für den Besucher einzelner Konzerte würden solche Hintergrundideen dennoch geben, glaubt er. Vor allem aber scheint Hopp mit seinem Programm auch diesmal wieder die Quadratur des Kreises zu gelingen, an der sein Vorgänger gescheitert war: einerseits ein intellektuell anspruchsvolles Konzept zu liefern, andererseits die berühmtesten Orchester zu holen, die natürlich am liebsten das traditionelle sinfonische Repertoire spielen wollen. Dass gerade die Starorchester aus London, Chicago und Amsterdam die konservativeren Programme spielen, wäre unter anderen Umständen vielleicht ein Schönheits­fehler, geht aber hier auf, weil Schostakowitschs Sinfonien als Hauptthema nicht nur auf die Moderne voraus-, sondern auch in die Geschichte zurückweisen. Nicht auf Hitler und Stalin, sondern auf Haydn und Mozart.

Text: Jörg Königsdorf
Fotos: Lara Platmann, WDR/Karnine, Chris Dawes

Musikfest Berlin 3.-21.9.,u.a. in der Philharmonie (Adressse/Googlemap)
Eröffnungskonzert: Fr 4.9. u.a. mit Colin Currie
Infos unter www.musikfest-berlin.de
Tickets HIER


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