Konzerte & Party

Musikfest Berlin 2010

Pierre_BoulezSie sind die beiden großen Bs der Musik nach 1945: der heute 85-jährige Pierre Boulez und sein 2003 verstorbener Generationskollege Luciano Berio. Doch während der Komponist und vor allem der Dirigent Boulez in Berlin sehr präsent ist, wird Berios Musik zumindest in den letzten Jahrzehnten viel zu selten gespielt – zu Unrecht. Beider Werke werden nun im Musikfest der Berliner Festspiele konfrontiert, und das ist eine ausgesprochen scharfsinnige dramaturgische Entscheidung des Künstlerischen Leiters Winrich Hopp. Denn Boulez und Berio sind – von durchaus gemeinsamen oder doch vergleichbaren Ausgangspunkten ausgehend – zu so unterschiedlichen musikalischen Poetiken gelangt, dass deren Konfrontation einen Funkenschlag musikalischer Erlebnisse und Einsichten verspricht.

Die gemeinsame Grundlage von Boulez und Berio waren die – längst legendären – Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt. Boulez, Berio und ihre Kollegen wie Karlheinz Stockhausen, Luigi Nono oder Jean BarraquИ waren sich einig in ihrem tiefen Misstrauen gegenüber den von der Tradition bereitgestellten Akkorden, Tonarten, Rhythmen, Ausdrucks- und Formmodellen. Dieses musikalische „Material“ erschien nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs fragwürdig, brüchig, wenn nicht gar vergiftet. Was man „Serialismus“ nannte – also die strikte Neuordnung aller musikalischen Parameter wie Tonhöhe, Rhythmus, Lautstärke – war der heute vielleicht abstrus erscheinende, gleichwohl ungeheuer mutige Versuch, aus den alten und hartnäckigen Gewohnheiten des Musikmachens und -hörens herauszufinden durch eine kalkulierte Verfremdung.

Von diesem Ausgangspunkt aber schlugen Boulez und Berio getrennte Wege ein. Boulez versuchte, durch die „Atomisierung“ der musikalischen Mittel eine neue, kohärente, aller historischen Reminiszenzen ledige Sprache zu konstruieren und schuf so erlesen-künstliche musikalische Paradiese. Dagegen lehnte Berio – und das hatte er mit seinen italienischen Kollegen Maderna und Nono gemeinsam – die Idee einer Tabula rasa, eines Austritts aus dem historischen Zusammenhang, ab. „Es gibt keinen Zweifel“, erklärte er, „dass wir immer unsere eigenen Voraussetzungen mit uns herumtragen – eine Masse von Erfahrungen, der ‚Schlamm auf unseren Schultern’, wie (der Dichter) San­guineti es ausdrückte, und daher Möglichkeiten der Wahl aus dem immerwährenden Rauschen der Geschichte. Und wir können diesem Rauschen nur dadurch Sinn geben, dass wir die Verantwortung übernehmen, bewusst daraus die eine oder andere Sache zu wählen.“

So hat Berio historische Materialien, Zeit­erfahrungen, poetische Ideen zum Gegenstand seiner Musik gemacht und ist dabei in Regionen der Theatralität, der Stimme, der Materialität von Sprache vorgedrungen, die Boulez nie interessiert haben. Berios streng organisierten, nichtsdestoweniger oft spontan und frei klingenden musikalischen „Recherchen“ waren geprägt vom Strukturalismus eines Roman Jakobson und Claude LИvi-Strauss, der Phänomenologie Maurice Merleau-Pontys und Umberto Ecos Theorie des offenen Kunstwerks. All diese Interessen und zugleich das Entstehungsjahr 1968 kann man seinem berühmtesten Werk, der „Sinfonia“, anhören, das auf den ermordeten Prediger und Bürgerrechtler Martin Luther King ebenso Bezug nimmt wie auf das Scherzo der zweiten Symphonie Gustav Mahlers, das ­Berio mit einer bunten Fülle von Zitaten aus der Musikgeschichte kollagiert – ein Verfahren, das Boulez niemals akzeptiert hätte.

Bei allen deutlich hörbaren Unterschieden in Artikulation, Klang, Ausdruck aber bleiben Boulez und Berio doch beide jener heroischen Zeit der Nachkriegsmusik verpflichtet, als man an die völlige Entfaltung von Musik aus einem strukturgebenden „Keim“ glaubte, und insofern ist es durchaus konsequent, dass als Vorabend des Musikfests Bachs „Kunst der Fuge“ erklingen wird, die sich ähnlich aus einem einzigen Thema entfaltet. Der Dialog von Bach, Boulez, Berio verspricht ein faszinierendes Ereignis zu werden – ganz abgesehen davon, was das Musikfest, von der geheimnisvollen Welt spätmittelalterlicher Polyphonie bis zu den „Songlines“ des südafrikanischen Komponisten Kevin Volans, noch so zu bieten hat.

Text: Wolfgang Fuhrmann

Musikfest Berlin
2.–21.9., Philharmonie, Kammermusiksaal, Konzerthaus, Gethsemane– und Parochialkirche
www.musikfest-berlin.de
Karten-Tel. 25 48 91 00

Mehr über Cookies erfahren