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Musikfest Berlin

Olivier MessiaenDer Mann hatte nicht einen Vogel, sondern gleich mehrere hundert: Vogelstimmen waren die große Leidenschaft des Komponisten Olivier Messiaen. Unermüdlich lauschte der 1908 geborene Franzose der Natur die Rufe von Mittelmeersteinschmätzer und Kurzzehenlerche, Alpendohle und Teichrohrsänger ab, zeichnete die Tonsignale akribisch auf und verwandelte sie in Grundbausteine seiner Musiksprache. Alle kompositorischen Errungenschaften, auf die der Mensch stolz sei, hätten die Vögel schon abertausend Jahre vorher erfunden, erklärte Messiaen gerne skeptischen Journalisten. Von der Chromatik bis zur kollektiven Improvisation – die Vögel seien für ihn echte Künstler.
Was in den fünfziger Jahren – so wie das aus Tschilpen, Pfeifen und Tirilieren zusammengewebte Klavierkonzert „Oiseaux exotiques“ – noch skandaltauglich war, hat freilich längst die höchsten Weihen der klassischen Musik erhalten: 17 Jahre nach seinem Tod ist Messiaens Rang als einer der größten Komponisten des 20. Jahrhunderts unbestritten und sei­ne Musik nicht nur fest im Repertoire verankert, sondern auch die besondere Leidenschaft von Dirigenten wie Simon Rattle und Ingo Metzmacher.

Sir Simon Rattle
Keine große Überredungskunst dürfte es deshalb Winrich Hopp, den neuen Leiter des Musikfestes, gekostet haben, die Pultstars zur Teilnahme am diesjährigen Messiaen-Schwerpunkt von Berlins prestigeträchtigstem Klassik-Fes­tival zu überreden: Während Rattle und die Philharmoniker in den ekstatischen Liebesgesängen der von altindischen Mythen inspirierten Turangalila-Sinfonie baden, widmet sich der Chef des Deutschen Symphonie-Orchesters dem letzten, posthum uraufgeführten Opus des Meisters, seiner abendfüllenden Sinfonie „Йclairs sur l’Au-delа“ (Blitze über dem Jenseits).
„Ich habe mich Messiaens Musik eigentlich schon immer sehr nahe gefühlt“, erzählt Metzmacher, „auch wenn ich einen quasi natürlichen Zugang hatte, weil meine Mutter Ornithologin war und ich schon als Kind mit dem Fernglas in der Hand Vögel belauert habe. Aber für Dirigenten ist er auch deswegen reizvoll, weil er als einer der ganz wenigen Komponisten nach dem zweiten Weltkrieg nicht vor der großen Form zurückgeschreckt ist.“


Vor allem die späteren, strengeren Werke Messiaens, so Metzmacher, hätten es ihm angetan: die „Йclairs“, die Oper über den Heiligen (und Vogelfreund) Franz von Assisi und der 1974 im Vorgriff auf die 200-Jahr-Feier der USA entstandene Zyklus „Des can­yons aux Йtoiles“, in dem sich Messiaen nicht nur von der Vogelwelt des Wilden Westens, sondern auch von den Farben inspirieren ließ, in denen die Gesteinsmassive der großen Canyons im wechselnden Licht der Tageszeiten leuchten.


Noch vor den Vogelrufen und der harmonischen Komplexität ist es jedoch vor allem die schillernde Farbigkeit von Messiaens Orchestersprache, die Dirigenten und Orchester zu dieser Musik hinzieht – während die Komponisten der Avantgarde in den fünfziger und sechziger Jahren dem großen Orchesterapparat und seinen von der Spätromantik bis zum Exzess ausgekosteten Klangmöglichkeiten misstrauten, schwelgte Messiaen hemmungslos in Klangräuschen. Die „Liebesgesänge“ seiner 1949 uraufgeführten „Turangalila“-Sinfonie hören sich an wie Mahler auf Ecstasy – vollsinfonische Flower-Power, als hätte da einer die 68er-Revolution vorausgeahnt.
Es macht daher durchaus Sinn, wenn das Musikfest, das nach etlichen Jahren der Orientierungsschwäche endlich wieder stärkere programmatische Kontur gewonnen hat, Messiaen in ein Spannungsfeld von Romantik und Moderne stellt. Für Erstere stehen die Sinfonien Anton Bruckners, von denen die fünf wichtigsten auf dem Programm stehen, für Letztere einige zentrale Werke des im vergangenen Jahr verstorbenen Karlheinz Stockhausen. Der Pionier der elektronischen Musik, ohne den auch eine legendäre Krautband wie Can nicht denkbar wäre, war nicht nur kurze Zeit Schüler Messiaens in Paris und wie dieser beinharter Katholik, sondern ebenfalls einer der wenigen Komponisten der Nachkriegsjahrzehnte, die keine Angst vor Monumentalität hatten. Sein siebenteiliger Opernzyklus „Licht“ wartet bis heute auf seine komlette Uraufführung und schon für seine 1957 entstandenen „Gruppen“ fordert er nicht nur volles Sinfonieorchester, sondern auch gleich drei Dirigenten. Beim Musikfest teilen sich Simon Rattle, Michael Boder und Daniel Harding die Aufgabe, das Opus im Hangar des Flughafens Tempelhof aufzuführen.

 

Theatre of Voices / Paul Hillier
St.Johannes-Evangelist-Kirche
20 Uhr

Text: Jörg Königsdorf
Musikfest Berlin 4.-21.9

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