Konzerte & Party

Gutes Geschäft oder Flop: Musik-Festivals in und um Berlin

Open Air Festival

Profiteure der neuen musikalischen Offenheit sind Acts, die den Veranstaltern eine Zielgruppenerweiterung versprechen, ohne das Kernpublikum abzuschrecken. Künstler wie Lexy & K-Paul, Oliver Koletzki und Fritz Kalkbrenner als Elektronikacts, Kraftklub als Indieact sowie Deichkind und K.I.Z. als Rampensäue mit Crossoverpotenzial sind auf vielen Festivals gebucht. Dabei kommt es manchmal sogar zu Doppelbookings am gleichen Tag, besonders gefragt sind Aka Aka mit ihrem Trompeter Thalstroem, die am 21. Juli nachmittags in Holland, abends beim Berlin Summer Rave und später in der Nacht noch auf einem kleineren Festival vor den Toren Berlins performen.
Die Festivalsaison bedeutet für die Bands wichtige Zahltage und hilft ihnen, weggebrochene Einnahmen aus Tonträgerverkäufen zu kompensieren, was allerdings vor allen Dingen für die großen Acts gilt. Bei Line-ups mit 150 Namen für ein Festival müssen sich die letzten 50 zumeist mit Reise- und Übernachtungskosten und einem Taschengeld zufriedengeben. Es gilt das Motto: Dabeisein ist alles sowie die Hoffnung, durch einen umjubelten Auftritt neue Fans zu gewinnen und im Line-up des nächsten Jahres weiter nach oben auf dem Plakat zu rutschen.

Open Air FestivalDas Phänomen Fusion und die alternativen Festivals
Viele verbinden mit der Festivalsaison nicht nur die Teilnahme an perfekt organisierten Musik- und Entertainmentspektakeln als reine Konsumenten und Zielgruppe von Markenartiklern und Getränkeindustrie. Der Ansatz einiger Traditionsfestivals basiert viel mehr auf der Idee der Zusammenkunft freier Geister für ein paar Tage in einer utopistischen Parallelwelt, in der die normalen Zwänge des Alltags nicht gelten.
Das sagenumwobenste und größte aller alternativen Festivals ist die Fusion. Ein Netzwerk von über einhundert Künstlergruppen – von Lichtperformern bis Theatertruppen, mit circa 4.000 Mitwirkenden, darunter der größte Teil ehrenamtlich – hat das Festival stilbildend und sinnstiftend gemacht. Seit 1997 findet es auf einem verlassenen russischen Militärflugplatz bei Lärz statt. Mit über 20 Bühnen und inzwischen rund 60.000 Teilnehmern genießt es Kultstatus und gilt vielen als Ort der Sehnsucht – gewissermassen als ferienkommunistischer Entwurf einer besseren Welt.
Line-ups werden vorher nicht bekanntgegeben, Mitwirkende in Naturalien bezahlt, Kooperation mit Medienpartnern oder Markenartiklern gibt es nicht, eine klassische Öffentlichkeitsarbeit findet nicht statt. Non-Kommunikation als Marketingstrategie hat in der Musikgeschichte ja auch schon an anderer Stelle allerbestens funktioniert, Kraftwerk als Band sowie das Berghain als Club haben auf ähnliche Weise erstaunlichen Erfolg gehabt. Mundpropaganda ist alles. Bei der gigantischen Größe des Festivals müssen sich die Betreiber dennoch allerlei ulkige Kommentare gefallen lassen. Die Teenager-Fashion-Postille „Jolie“ bewertet die Fusion in ihrem Festivalspecial mit „Extrem. Extremer. Fusion. Der Mix aus Art-People und Hipster ist hervorragendes Fashionkino.“
Die Fusion ist seit Jahren notorisch ausverkauft. Dass die Tickets inzwischen in einem Losverfahren vergeben werden, führte zu einigem Unmut bei den Stammgästen, die jahrelang gemeinsam zu dem Festival gepilgert sind und nun ihre Gruppe zerrissen sehen, da nur einige die begehrten Karten erhalten haben. Ticket-Tauschbörsen im Netz schaffen nur bedingt Abhilfe. Die Nachfrage ist trotz der jährlich steigenden Eintrittspreise (2012: 85 Euro) einfach zu groß.
Open Air FestivalAndere eher spirituell denn kommerziell inspirierte Festivals sind ebenfalls deshalb begehrt, weil sie ihre Zielgruppe nicht um jeden Preis erweitern. Das bei Schwarzlichtfans beliebte Psytrance Festival Antaris, das von Sannyasin gegründete VUUV oder die einstmals von der Künstlergruppe Pyonen als Loveparade Alternative gestartete Na­tion of Gondwana (Eigenwerbung: Die Subversiv-Agrarier Pyonen laden zur Selbstenthemmung auf die Wiese) sind so populär, weil sie ein Event fernab des Kommerzalltags präsentieren, auf die nervigsten Merkmale desselben verzichten und ein entsprechend buntes und individualistisches Publikum haben.

Alles für die Umwelt
Gleich mit welchem Veranstalter man spricht, er wird die Schönheit seiner Open Air Location loben – und ist damit bereits mit seinem Hauptproblem konfrontiert: dass der Andrang der Massen sein idyllisches Gelände in Mitleidenschaft zieht. Hauptthema sind die riesigen Berge von Müll, die Festivalbesucher hinterlassen. Inzwischen haben fast alle Veranstalter diverse Strategien eingeführt, die Menge des Mülls zu reduzieren, nicht nur der Umwelt zuliebe, sondern auch, um Kosten für die Abfallbeseitigung einzusparen.
Die meisten Festivals erheben inzwischen einen Müllpfand. Man zahlt 5 Euro mehr auf den Ticketpreis, die man zurückerhält, sobald man eine volle Tüte Müll an einer Sammelstelle abgibt, wahlweise gibt es auch Getränkegutscheine oder Merchandising-Gimmicks. Das Melt! als Gewinner des brancheneigenen „Green Festival of the Year Awards 2011“ setzt wie andere Festivals auch darüber hinaus auf eine Kombination von Faktoren, die die CO2-Bilanz des Events verbessern sollen. Zugreiseangebote, Zusammenarbeit mit lokalen Caterern, Konzentration auf ein vegetarisches Gastroangebot,  Mülltrennung. Darüber hinaus wurde eine Solaranlage aufgebaut. Dort können Besucher für einen Euro ihr Handy aufladen. Wenn sie sogar selbst in die Pedale eines stromerzeugenden Fahrrads treten, ist der Saft fürs Handys kostenlos. Auf Werbung mit Flyern wird inzwischen komplett verzichtet, auch auf dem Festivalgelände darf nicht mit Druckerzeugnissen aus Papier geworben werden. Dennoch blieben am Ende des letztjährigen Melt! 100 Tonnen Müll übrig.

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