Konzerte & Party

Gutes Geschäft oder Flop: Musik-Festivals in und um Berlin

Open Air Festival

Das Hurricane Festival geht mit seinem Service-Approach für ältere und umweltbewusstere Gäste neue Wege und bietet dieser Klientel unter dem Namen „Grüner Wohnen“ einen abgetrennten Bereich, in dem zumindest nachts Ruhe herrscht, das Abspielen wattstarker Musikgeräte verboten ist. Und wo derjenige, der sich nicht daran hält, aus dieser Area auf den normalen Campingplatz verwiesen wird.

„Die Rückfahrt war der Horror. Das Pärchen, mit dem ich gekommen bin, hatte sich schon am ersten Abend verkracht. Er hat mit einer anderen geknutscht, sie ist mit dem Auto weg, er mit seiner neuen Braut. So war ich froh, als ich durch Rumfragen eine Mitfahrgelegenheit organisieren konnte. Das Glück währte allerdings nur kurz. Die Fahrerin entpuppte sich als ziemlich durchgeknallte Frau, die fing dann am Steuer an, Trips zu fressen. Als ich sie davon abhalten wollte, hat sie mich mitsamt dem Zelt rausgeschmissen. Da stand ich da in der Pampa. Das Zelt habe ich zuerst getragen, als es mir zu schwer wurde, habe ich es weggeschmissen. Trotzdem hat es Stunden gedauert, bis ich eine Bimmelbahn gefunden habe, die mit drei Mal Umsteigen zurück nach Berlin gefahren ist …“ (Anke, 24)

Open Air FestivalFestival Innercity – der Kampf um Tempelhof
Nicht jeder hat Lust auf Camping, was zu einem Festivalbesuch auf der grünen Wiese nunmal dazugehört. Tatsächlich gibt es in der Innenstadt von Berlin nur eine Location, in der Festivals mit über 20.000 Gästen stattfinden können – die Hangars des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Hier war ausgerechnet die Supermarktkette Kaiser’s im Jahr 2010 Pionier, als dessen Regionalleiter Tobias Tuchlenski die Idee hatte, für die jüngere Kundschaft einen One-Nighter im Stil der alten Loveparade-Partys zu organisieren.
Zunächst von den Wettbewerbern belächelt, konnte der Kaiser’s A&P Berlin Summer Rave 2010 mit seiner Mischung aus alten Technogrößen wie Westbam und Marusha und neuen Berliner Acts des Ostfunk Labels in zwei Hangars mit 12.000 Gästen total ausverkaufen. In der 2. Auflage zog man in drei Hangars dann bereits 20.000 Gäste an, was auch am vergleichsweise moderaten Eintrittspreis von nur 25 Euro liegt, der als Alleinstellungsmerkmal der Veranstaltung gilt. Für die 3. Auflage 2012 hat man zwei zusätzliche Dancefloors dazugebucht.
Mit dem Erfolg des ersten Berlin Summer Raves verlegten andere Veranstalter ihre Events nach Tempelhof oder ließen sich von dem Ort zu neuen Eventserien inspirieren. In der direkten Folge zum ersten Berlin Summer Rave gab es mit dem Dream Festival jedoch erstmal eine Art von Veranstaltung, die fast überall auf der Welt, nur in Berlin nicht wie von den Machern gewünscht funktionierte. Die Berliner waren nicht bereit, für den DJ Gigantenkampf David Guetta vs. Tiesto mit ein paar anderen DJs drumherum über 100 Euro auszugeben. Ein Großteil der Tickets musste über Groupon verramscht werden, um den Vollflop zu vermeiden.
Open Air FestivalStattdessen etablierten sich mit dem FLY BerMuDa und dem Berlin Festival zwei weitere Großveranstaltungen in Tempelhof, die einige Ähnlichkeiten miteinander aufweisen. FLY BerMuDa ist der Höhepunkt der Berlin Music Days (BerMuDa), in den Tagen zuvor finden zahlreiche kleinere Veranstaltungen, aber auch Symposien zur Lage der Club- und Musiklandschaft statt. Das Berlin Festival, das über mehrere Tage geht, ist der Höhepunkt der Berlin Music Week. Sie hat ein ähnliches Rahmenprogramm und über die Fläche auf dem Flughafen Tempelhof hinaus mit dem Club XBerg in der Arena eine zweite Eventlocation.
Schon im Vorfeld werden die Veranstaltungen beworben. BerMuDa stimmt seine Gäste bereits im August mit einem Open Air in der Rummelsburger Bucht auf das Event im November ein. Den Trend zum Pre-Event hatte Melt! mit Vorabfestivals angefangen.
FLY BerMuDa und das Berlin Festival sind prägend für das Bild der Hauptstadt als Musikmetropole. Und bei beiden Festivals ist der hohe Anteil ausländischer Gäste (bis zu 45 Prozent) auffällig. Das Berlin Festival hat eine internationale PR- und Vermarktungsagentur mit dem bezeichnenden Namen Global Publicity. Auch inhaltlich wird immer mehr geboten. So soll der Kunstbereich „Art Village“ beim Berlin Festival ausgebaut werden, denn, so Stephan Velten, die Rahmenprogramme würden als Qualitätskriterien für die Gäste neben den Acts immer wichtiger.  
Die einzige Steigerung wäre etwas, das derzeit nur in den Träumen der Tempelhof-Veranstalter existiert: ein Event mit sechsstelliger Besucherzahl, bei der neben allen Hangars auch die Freifläche auf dem Flughafengelände genutzt wird. Nur der Lärmschutz verhindert eine solche Veranstaltung, das Potenzial dafür wäre sicher da.

Text: Rock Davis

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