Festival

Musikfestspiele Potsdam Sanssouci 2018

Wollust für die Ohren: Die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci feiern Europa – und lassen eine Ära zu Ende gehen

Stefan Gloede

Potsdam ist grün, Potsdam ist schön. Noch mehr dann, wenn man das mit einem kulturellen Alibi, einer musikalischen Beilage, versüßen kann. Das geht so seit 1954 alljährlich bei den Musikfestspielen Potsdam Sanssouci. Sagenhafte 27 Jahre davon stand – in diesem Jahr letztmalig – das Festival unter Leitung der rührigen Musikwissenschaftlerin Andrea Palent. Sie schwärmte vor allem für Barock-Musik. Und kannte vom riesigen Schlösserareal jedes Teekesselchen von innen, jeden Kachelofen und jeden Rosen­pavillon. Und hinter dem, zumindest ein Mal, konnte man wundervoll ein kleines Konzert veranstalten.

Mit Gartenkonzerten, musikalischen Séan­cen, Schnitzeljagden und Fahrradtouren beweisen die Festspiele bis heute ungeahnten Sinn fürs Pittoreske, Entdeckerhafte – ebenso wie fürs große Feuerwerk und für die musikalische Gulaschkanone. Auch gab es hier die spannendsten Opern-Wiederausgrabungen der Region (von Lully, Philip Glass und Antonio de Literes – alles Namen, von denen sich in Berlin kein Mensch etwas träumen ließ).

Kein anderes Festival zeigte, wie gut sich Publikumswirksamkeit mit Connaisseur-Vorlieben verträgt. Die Musikfestspiele stehen in puncto Kleinteiligkeit, Ehrpusseligkeit und Liebe zum Detail einmalig in Deutschland da. Und siehe: In Berlin hat’s wirklich kaum jemand mitgekriegt.

„Europa“ wurde als Thema dieses Jahres ein wenig großkariert gewählt (8.-24.6.). Im Mittelpunkt steht Alessandro Melanis Barock­opern-Prolog „L’Europa“ nebst szenischen Auszügen aus Georg Muffats „Florilegium Secundum“. Fragen Sie sich nicht, was sich dahinter verbergen mag, sondern sperren Sie gern die Ohren auf! Die drei Sänger sind jung, die beteiligte Neue Hofkapelle Graz ist ein eher unbeschriebenes Blatt.

Außerdem präsentiert Lauten-Dame Christina Pluhar ihr neues Balkan-Projekt (Orangerie-Terrassen, 16.6.). Es gibt „Wollust für die Ohren“ mit spanischen Fandangos und Follias (Marmorpalais, 14.6.), außerdem Konzerte „für Babys bis 12 Monate“ (Schloss Babelsberg, 17.6.) sowie eine politische „Cecilienhofnacht 1945“ (Cecilienhof, 15.6.). Wer’s kulinarischer braucht, kriegt ein „Europäisches Picknick“ im Park Sanssouci serviert (23.6.). Es ist unmöglich, den Reichtum des Angebots in fünf Sätze zu fassen. Doch: Zu viel von allem ist in der Summe nur umso besser.

Woraus folgt, was Stammbesucher ohnehin wissen: Potsdamer Schlösser und Gärten lassen sich bei keiner Gelegenheit so mannigfaltig, hinterrücks und intim erleben wie hier. Wenn die große Schluss-Sause von besagter Andrea Palent vorüber gerauscht sein wird, übernimmt ab nächstem Jahr die Blockflötistin Dorothee Oberlinger wunschgemäß das Ruder (schon in diesem Jahr als Interpretin: 10.6., Friedenskirche). Für sie liegt die Latte hoch. Verstiegenheit und Vielfalt fanden nirgendwo je besser zusammen. Wer hier nicht war, weiß nicht, was Festspiele vermögen.

Potsdamer Schlösser Termine in der Orangerie: Do 14.6., Fr 15.6., So 17.6., Mo 18.6., 20 Uhr, Eintritt 50–65 €

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