Konzerte & Party

Musikförderung in Berlin

Runder_Tischtip: Demnächst stehen zwei große Events ins Haus – die Berlin Music Week und die Abgeordnetenhauswahlen. Ein guter Zeitpunkt, mit der Kampagne musik 2020 berlin Ansprüche anzumelden.

Gemse Kretschmar (Vorstand Berlin Music Commission):?Das tun wir immer. Es geht dabei übrigens gar nicht darum, dass wir einfach mehr Geld fordern. Sondern wir wollen gerne gemeinsam mit den Politikern ausloten, wie man die Musikstadt Berlin in zehn Jahren positionieren will und was wir jetzt dafür tun müssen, um dahin zu kommen. Wie müssen sich die Netzwerke aufstellen, um etwas bewegen zu können.

tip: Netzwerke sind die Berlin Music Commission, die Club Commission und die Label Commission. Sind das nicht zu viele Kommissionen für ein gemeinsames Anliegen?  

Simone Hofmann (Geschaftsführerin der Fкte de la Musique und Chevalier dans l’ordre des Arts et des Lettres):?Entstanden sind diese Netzwerke aus dem Bedürfnis, sich unter Menschen mit gleichen Problemen und Aufgaben auszutauschen, und da gab es eben sehr viele unterschiedliche Bedürfnisse.

tip: Steve Morell, Sie haben als Labelmacher von Pale Music nun auch noch einen Plattenvertrieb gegründet – haben Ihnen Senat und Netzwerke dabei helfen können?

Steve Morell (Musiker, DJ und Geschäftsführer von Pale Music):?Direkten Nutzen hatte ich daraus nicht gezogen. Vielleicht bin ich ja zu zurückhaltend. Wir hatten damals mit dem „Berlin Insane Festival“ versucht, direkt über den Senat eine Förderung zu bekommen. Das wurde zweimal abgelehnt mit der Begründung, dass es Berlin nicht ausreichend repräsentiert. Immerhin waren da Peaches, Mocky und Maximilian Hecker vertreten.

simone_hoffmannHoffmann:?Das ist die Standardantwort, die habe ich auch schon oft bekommen. Ich habe ja vorwiegend mit den Kulturabteilungen zu tun und nicht mit der Wirtschaftsförderung. Und da finde ich es schon interessant, dass Jazz eine eigene Abteilung hat, auch Stipendien und ein eigenes Studio, und der ganze Rest, also von Punk über Metal bis Weltmusik, muss sich den Mini-Etat für die Abteilung Populäre Musik teilen.

Morell:?Wenn man guckt, wovon die Stadt ab nachmittags lebt, dann sind es doch die Populärmusik und der Underground, die die Leute anziehen. Die ganzen Clubs an der Spree sind doch ständig überfüllt, und die ganzen jungen Touristen, ob die aus Spanien sind oder Amerika, die kommen doch nicht für den Jazz und die Klassik.

tip: Das mag aber Kulturförderer nicht unbedingt beeindrucken. Sie sind ja mit ihren Mitteln zunächst mal für die Berliner da. Für Leute, die Kultur sozusagen nachhaltig konsumieren und produzieren und nicht nur mal so eben auf der Durchreise sind.

Gemse:?Das kann und sollte auch niemand entscheiden, welche Musik wichtig oder unwichtig ist. Dann würde sich der Staat ja in die Branche einmischen, also das stören, was man Marktwirtschaft nennt, das ist nicht gut. Es geht uns ja auch nicht um Zuschüsse, sondern um ein strategisches Investment. Wir sind mit der Musikhauptstadt Berlin bereits ein gutes Stück vorangekommen, aber wir haben riesige Potenziale, die wir überhaupt nicht angefasst haben. Diese Potenziale zu heben, das schafft die Branche aus eigenen Mitteln nicht. Die haben damit zu tun, ihr eigenes Label oder den eigenen Club über Wasser zu halten, und die können nicht mit Nachwuchsförderung anfangen. Die können auch kein internationales Marketing aus eigenen Kräften stemmen. Da muss die Stadt insgesamt sich international positionieren und – was wir gerade mit Pale gehört haben – sie muss sich auch mit ihrem gesamten Spektrum positionieren. Also nicht nur elektronische Musik. Die ist sowieso gesetzt.

tip: Warum so skeptisch, die öffentliche Wahrnehmung und auch Darstellung ist doch eine andere. Muss man wirklich noch nach draußen gehen und sagen, wie toll Berlin ist? Das sagt doch schon die ganze Welt. Auch der Wirtschaftssenator wurde bei der Pressekonferenz zur Berlin Music Week  nicht müde zu erwähnen, wie gut er die Berliner Musikszene fördert.

olaf_kretschmarGemse:?Der Hype von heute ist immer der Hype von gestern. Das, was heute gefeiert wird, rekurriert auf einen Prozess, der fünf, sechs, sieben Jahre in der Vergangenheit stattgefunden hat. Und wenn man sich feiert mit dem, was man jetzt hat, aber nicht das Potenzial anfasst, das man hat, dann wird das auch nicht der Hype von morgen sein.  Dann wird eine andere Stadt cool sein und billigere Mieten haben.

Hofmann:?Wenn Paris mich anruft und fragt: „Wie macht ihr das denn mit der langen Nacht der Clubs?“ Dann sagen sie: „Ach, das geht ja bei uns gar nicht.“ Die haben nur ein paar Clubs, die sind schweineteuer aufgrund der Mieten. Und deswegen kommen die Leute eben hierher nach Berlin, weil es – NOCH – funktioniert. Aber stell dir mal vor, in zehn Jahren hast du hier auch nur noch zwölf Clubs, und die kosten alle 30 Euro Eintritt …

tip: Nun kann man sich aber gar nicht vorstellen, warum es in Berlin plötzlich keine Clubs mehr geben soll, denn für jeden Laden, der hier zumacht, machen doch zwei oder drei neue wieder auf.  

Morell:?Klar schießen die Clubs in Neukölln jetzt wie Pilze aus dem Boden, aber wenn eine Maria oder der Knaack zumacht, dann wiegen zehn neue kleine Bars in Neukölln längst nicht das auf, was an der Maria weggefallen ist.

Hofmann:?Wir haben ja Musikangebote nicht nur für Touristen. Gut, ohne Billigflieger hätten wir vielleicht zehn Clubs weniger, aber wir machen ja auch Programm für die Leute, die hier leben. Und wir bilden Leute aus, die hier arbeiten, Sozialversicherung und Steuern zahlen. Und das ist für mich auch wichtig, dass das respektiert wird. Ich bin jetzt 20 Jahre im Geschäft und arbeite auch 20 Jahre mit dem Senat zusammen, und für mich begann es damit, dass ich das Gefühl hatte, dass die Wahrnehmung der Popularmusik nicht mit Achtung vollzogen worden ist. Man muss das doch auch mal generationsbedingt betrachten. Wer geht in die Oper, wer hört die Popmusik heute? Und da sollte man uns gleichwertig wahrnehmen mit anderen Künsten, mir geht es um die Wertschätzung.

tip: Anerkennung ist wichtig, klar. Aber Punk und Rock haben sich ja vom eigenen Selbstverständnis her lange nicht vom Staat vereinnahmen lassen. Geht es da nicht eher um Berührungsängste?

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