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Musikszenen in Film und Buch: „Wir werden immer weitergehen“

Wir werden immer weitergehen

„Solange es Menschen noch hören wollen und Leute zu Konzerten kommen, kann man nicht damit aufhören.“ Christiane Rösinger, Ex-Lassie-Singers- und Britta-Frontfrau, hat sich inzwischen allerdings ein wenig aufs Schriftstellern verlagert. Vielleicht sind ihre Bücher aber auch nur die Fortsetzung der musikalischen Subversion mit anderen Mitteln. In jedem Fall ist Rösinger weitergegangen, irgendwie. Vom Paradox des Sich-treu-Bleibens in der Entwicklung erzählt auch die Dokumentation „Wir werden immer weitergehen“ von George Lindt und Ingolf Rech, in der neben Christiane Rösinger diverse Künstler sowie Plattenladen-, Label- und Clubbesitzer der alternativen Musikszenen Hamburgs und Berlins porträtiert werden; von Rocko Schamoni und Goldene-Zitronen-Sänger Schorsch Kamerun über Atari Teenage Riots Alec Empire bis zum schrulligen Original Uli Rehberg, der in Hamburg den legendären Plattenladen Unterm Durchschnitt betreibt – um nur ein paar zu nennen. Zusammen mit dem Film erscheint ein gleichnamiges, reich bebildertes Buch, das sich in Essays, Erfahrungsberichten und Porträts demselben Thema annimmt.
Wir werden immer weitergehenDer Film ist in zwei Abschnitte gegliedert. Der erste Teil zeigt Interviews und Konzertmitschnitte, die ab dem Jahr 2001 entstanden sind. Der zweite deutlich kürzere Part lässt einige der Protagonisten sehr viel später vom Fortgang oder von neuen Varianten ihrer antibürgerlichen Lebensentwürfe erzählen. Nach zehn Jahren sei es teilweise sehr schwer gewesen, die Künstler überhaupt noch mal zu einem Statement zu bewegen, sagt George Lindt; so sie sich dazu bereit erklärten, ist das Ganze zwischen Tür und Angel in wackeligen Momentaufnahmen entstanden. Der Schlussteil des Films ist daher in Schwarz-Weiß gehalten. Zum einen, um die verschiedenen Handkamera-Bilder ästhetisch einander anzugleichen, zum anderen, um das „historische Moment“ des Films zu ironisieren.
Genau an dieser Stelle aber kommt man über das Konzept der bohemistischen Rand­existenz auch ein wenig ins Grübeln. So ist Christiane Rösinger inzwischen froh darüber, nicht mehr „Musik machen zu müssen“, diverse Protagonisten sind ordentliche Familienväter geworden, wieder andere haben sich – aus welchen Gründen auch immer – nicht mehr vor die Kamera getraut. Vielleicht mal abgesehen vom betont übereifrigen Alec Empire und zwei, drei anderen Personen hat man nicht den Eindruck, dass hier noch wirklich konsequent nach vorn gegangen wird. Eher verspürt man den von der Zeit eingeforderten Tribut. Weitergehen, so George Lindt, impliziert aber nicht notwendig ein Geradeaus; es kann auch ein Abbiegen nach rechts oder links bedeuten.
Wir werden immer weitergehenVielleicht kann man sich ja nur im Wandel treu bleiben. Alles andere wäre kein Weitergehen, sondern völliger Stillstand. Dennoch haftet dem Projekt etwas Nostalgisches an. Das wird auch deutlich, wenn man sich die Untertitel von mehreren der im Buch versammelten Texte anschaut: „Übers Älterwerden mit zu viel Energie …“, „Über Echos voller Vergessenem …“, „Über Pop, der in die Jahre kommt …“. Die Melancholie, welche Film und Buch begleitet, tut dem Ganzen natürlich keinen Abbruch. Nach der Doku „Beijing Bubbles“, die sich mit der Punkszene in der chinesischen Metropole befasst hat, stellt George Lindt (diesmal nicht mit Susanne Messmer, sondern zusammen mit Ingolf Rech) nicht nur die Geschichten mehrerer Alternativ-Größen vor, die ausschließlich in Berlin oder Hamburg denkbar sind. Lindt und Rech beleuchten auch den Apparat, der die Szenen am Laufen hält, und erzählen nebenbei von der Konstanz und vom Wandel der beiden wohl intensivsten Städte des Landes.

Text: Christoph David Piorkowski

Wir werden immer weitergehen (Film), Deutschland 2012; Regie: George Lindt, Ingolf Rech; 95 min; FSK: k.?A., Kinostart: 1. November

Wir werden immer weitergehen (Buch), Hrsg.: George Lindt, Ingolf Rech; Alive; 208 Seiten; 24,90 Euro

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