Klassik

Paavo Järvi: „Nach der Eroica bin ich tot“

Dirigent Paavo Järvi über sein Gastspiel mit dem Estonian Festival Orchestra – und über Werke, die zu schwer für ihn sind

Foto: Ixi Chen

tip Herr Järvi, der von Ihnen dirigierte, neu­tonale Arvo Pärt wird von Einigen verehrt, von Anderen verachtet. Ist er wichtig?
Paavo Järvi Ja, und zwar nicht nur für uns Esten, für die er eine lebende Legende ist. Musikalisch polarisiert Arvo Pärt ganz ähnlich wie die meisten zeitgenössischen Komponisten. Oder glauben Sie etwa, dass über György Ligeti, Karol Szymanowski und John Adams stets Einigkeit bestand? Bei Pärts Werken wie etwa „Fratres“ oder „Cantus“, die wir in Berlin spielen, finden Sie im Publikum, was es nur bei den größten Komponisten gibt: Totenstille.

tip Ist das etwas Gutes?
Paavo Järvi Unbedingt, denn es zeigt, dass die Musik angekommen ist. Das gibt es nur, wenn die Handschrift unverkennbar ist. Und das, meine ich, sollte das Ziel neuer Werke sein.

tip Fürs Sibelius-Violinkonzert steht Ihnen mit Viktoria Mullova eine der besten Geigerinnen überhaupt zur Verfügung. Eben deswegen?
Paavo Järvi Ja, sie ist zweifellos eine der besten Geigerinnen der Gegenwart. Aber sie ist außerdem eine gute Freundin. Mir werden private Verbindungen in der Kunst immer wichtiger. Früher wollte ich mit allen zusammen spielen, die ich noch nicht kannte. Aber erst mit denen, die man sehr gut kennt, passiert das Unerwartete.

tip Dmitri Schostakowitsch, den Sie gleichfalls aufführen, ist ein großer Komponist, bei dessen 15 Symphonien die meisten hoffnungslos durcheinander geraten. Gehört die Sechste zu seinen Besten?
Paavo Järvi Die besten drei Symphonien von Schostakowitsch sind, würde ich sagen, Nr. 4, 6 und 15. Danach kommen 5, 9 und 10. Etwas schwieriger sieht es mit den Werken aus, für die man Chor und Vokalsolisten braucht. Das ist ganz anders als bei Mahler, wo diese Frage fast überhaupt keine Rolle spielt.

tip Schostakowitsch, so heißt es, ist leicht zu dirigieren.
Paavo Järvi Das stimmt nicht. Die Siebte zum Beispiel, die ich kürzlich in Paris dirigiert habe, ist oberflächlich völliges Chaos. Da Richtung reinzubringen, ist schwere Arbeit. Ich kannte ihn ja noch flüchtig durch meinen Vater (Anm.: den Dirigenten Neeme Järvi). Ein sehr zurückhaltender Mann, woraus sich erklärt, dass in den Noten oft etwas anderes steht als man in den Aufführungen hörte, bei denen Schostakowitsch selber anwesend war. Seine Werke sind nur aus der Praxis zu gewinnen.

tip Welche Komponisten sind leicht zu dirigieren?
Paavo Järvi Ich persönlich finde, dass Igor Strawinsky, bei dem alles genau in den Noten steht, viel leichter zu dirigieren ist als Joseph Haydn. Ein Symphoniker wie Schubert ist fast unmöglich gut aufzuführen.

tip Was ist zu schwer für Sie?
Paavo Järvi Brahms. Und Beethovens Siebte. Ich mache sie aber trotzdem. Bruckner und Mahler sind nicht allzu schlimm, denn man kriegt genug zurück. Aber eine „Eroica“? Ich bin tot danach.

tip Werden Dirigenten überschätzt?
Paavo Järvi Es gibt Orchester, die keinen Dirigenten brauchen, das stimmt. Zum Beispiel die Wiener Philharmoniker. Nur: Egal, wie gut die Orchester sind, ohne Dirigenten interessiert sich kaum jemand für sie. Wir repräsentieren eine Meinung, einen Gesichtspunkt. Mit anderen Worten: Dirigenten sind für das Publikum da. Und vielleicht für das Orchester.

Philharmonie Herbert-von-Karajan-Str. 1, Tiergarten, Mo 22.1., 20 Uhr; Karten 35–75 €

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