Konzerte & Party

Nach der Selbstgefälligkeit

Christof EllinghausDieser habe „stark an Bedeutung gewonnen, einige Veröffentlichungen werden inzwischen sogar ausschließlich und exklusiv nur digital veröffentlicht. Während die CD-Verkäufe eher rückläufig sind, geht im digitalen Bereich die Kurve nach oben. Bis der Download den physischen Tonträger und dessen wirtschaftliche Bedeutung überholt, wird es zwar noch etwas dauern, jedoch werden über den Online-Vertrieb völlig neue Angebote möglich, um den Bedürfnissen des Musikkonsumenten weiterhin gerecht zu werden.“

Dekaden der Selbstgefälligkeit

Ein anderer Berliner Branchenkenner, der sich seit Jahren unabhängig im Geschäft behaupten kann, ist Christof Ellinghaus (Foto), Chef des Labels City Slang (u.a. Calexico, Get Well Soon, Sophia). Eine Adresse mit internationalem Ruf. Er bringt die Fehler der großen Konzerne rückblickend auf den Punkt. Sie hätten sich damals in „Dekaden der Selbstgefälligkeit“ verloren. Es ist eine Krux, dass sich alle Beteiligten eigentlich einig sind, dass Musik einen großen Wert hat, dass Künstler und Labels für ihre Arbeit selbstverständlich entlohnt werden müssen. Nur wie kann man den Teil der Konsumenten, die intuitiv dazu immer noch nicht bereit sind, davon überzeugen?
„Wenn das Angebot stimmt. Die Mischung aus Preis, Service, Bequemlichkeit und Klangqualität ist hier sicherlich ausschlaggebend“, erklärt Ellinghaus. „Doch es gibt auch Generationsunterschiede. Der ältere Musikliebhaber tendiert eher noch zum tatsächlichen Produkt. Eine LP oder eine schön aufgemachte CD. Die jüngeren Leute setzen nicht so sehr auf den Besitz-Modus, ihnen genügen Dateien auf einer Festplatte. Sie vermitteln ihre musikalische Vorliebe eher durch ein Band-T-Shirt als durch eine Platte im Regal.“ Also alles eine Frage der Anpassung des Angebots an den Kunden. Damit hat sich die Musikindustrie in den letzten Jahren durchaus schwergetan.
Dennoch ist die Branche voran­gekommen. Das sogenannte Digital Rights Management (DRM) – eine Art unsichtbarer digitaler Kopierschutz, der es dem Käufer oftmals versagte, einen Song für seine Freundin zu kopieren oder auf mehreren Computern abzuspielen – ist in den meisten Download-Shops mittlerweile passй. Verkauft wird mittlerweile das freie Format MP3.
Diese Entwicklung hat von Anfang an Udo Raaf verfolgt, Gründer des MP3-Musikmagazins „tonspion.de„, das seinen Sitz in Berlin hat. Als er 1999 begann, auf seiner Website auf gute Musik im Netz hinzuweisen, die kostenlos und legal im Netz angeboten wurde, war das der erste deutsche MP3-Blog – nur gab es diesen Begriff damals noch nicht. Heute bietet der „tonspion“ eines der größten deutschsprachigen Mu­sik­angebote im Netz.
tonspion.deKunden für Musik erreicht man natürlich in erster Linie dort, wo sie auch Musik suchen. Es gibt also viele Chancen, die der Musikbranche heute dank des Internet offenstehen. Statt sich also einfach abzuschotten, sollten die Labels noch viel mehr auf Vernetzung und Offenheit als Prinzip setzen und somit wieder Oberwasser gewinnen gegen die Unmengen illegaler Anbieter. Da draußen schlummert ein riesiges Potenzial, das man nur zu nutzen braucht“, gibt sich Raaf optimis­tisch, kennt aber auch die Realität. „Lange Jahre hat die Musikbranche kein legales Angebot gemacht, um ihr CD-Geschäft am Leben zu erhalten. In der Folge sind die Musikfans in die Tauschbörsen abgewandert. Ganz einfach mangels Alternativen im Netz. Da braucht man sich nicht wundern, dass die Leute heute noch nicht so selbstverständlich Downloads kaufen.“

Musik hat im Internet ein Aufmerksamkeitsdefizit

Mit Sicherheit hängt die aktuelle Situation auch mit der Tatsache zusammen, dass Musik heutzutage im Internet zwar allgegenwärtig ist – aber trotzdem ein Aufmerksamkeitsdefizit hat. Da mag der ein oder andere Hit im Verborgenen schlummern – nur kaum jemand bemerkt es. Ein Überangebot, das Musikschaffende vor eine große Herausforderung stellt: Wie mache ich auf mich aufmerksam? Denn galt vor kurzer Zeit das sogenannte Web 2.0 mit seinen Social Networks und Communitys als ein wichtiges Bindeglied zwischen Produzent und Konsument, ist man diesbezüglich heute eher desillusioniert. Tausende von sogenannten Freunden bei MySpace und Co. verkaufen noch lange kein Album.


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