Konzerte & Party

Nach der Selbstgefälligkeit

Foto: Jens BergerDie Geschichte von Musik im Internet ist nicht nur die von Uploads und Downloads, nicht nur die vom prognostizierten Höhenflug und gefürchteten Niedergang einer ganzen Industrie – sie ist vor allen Dingen eine Geschichte der Zahlen: Laut Statistik des Bundesverbands der Musik­industrie wurden im letzten Jahr etwa 316 Millionen Songs illegal aus dem Netz heruntergeladen. Immerhin rund 55 Millionen weniger als noch 2006, aber wieder etwas mehr als im Jahre 2007. Derzeit kommen auf einen legal gekauften Song ca. 20 illegale Downloads. Insgesamt 26 Milliarden Musikdateien wurden 2008 aus dem Web auf Festplatten geladen, wobei es weltweit derzeit ungefähr 500 legale Download-Shops mit über vier Millionen Titeln gibt. Der Umsatz der deutschen digitalen Musikbranche stieg mit rund 30 Prozent im letzten Jahr überproportional im Vergleich zum internationalen Durchschnitt.
Abstrakte Zahlen zu einem ungemein komplexen Thema, verbunden mit der einen großen Schlüsselfrage seitens der Künstler und der Labels: Wie kann ich die User davon überzeugen, für Musik zu zahlen, die andere mit nur einigen Klicks kostenlos illegal herunterladen?

Konfrontation statt Integration

Dass sich die Musikindustrie heute mit dieser Frage auseinandersetzen muss, hat sie sich zu einem nicht ungewichtigen Teil auch selbst zuzuschreiben. Als Ende des letzten Jahrtausends das File­sharing den Musikkonsum dras­tisch veränderte, als Musik nicht nur noch als Kunst, sondern auch als Datenmenge wahrgenommen wurde, haben die großen Konzerne schlichtweg falsch oder gar nicht reagiert. Anstatt die Chance für neue Verkaufsmodelle zu erkennen, wurden potenzielle Kunden vorschnell kriminalisiert. Konfrontation statt Integration, rückblickend ein Kardinalfehler. Innovativen Modellen wie einer Song-Flatrate zur monatlichen Pauschale oder ähnlichen Ideen wurde sich nicht geöffnet, stattdessen mit allen Mitteln versucht, die technischen Möglichkeiten krampfhaft zu beschränken.
TeloniusJonas Imbery, selbst als Musiker unter dem Pseudonym Telonius (Foto) aktiv, hat sich mit seinem Label Gomma Records seit acht Jahren erfolgreich in der Branche etabliert. Eine Kombination von Re­leases in der Vinyl-Sparte einerseits, aber auch der Anschluss an die großen Download-Shops, wie mit dem aktuellen Album der Band Who Made Who („The Plot“), machten dies möglich. Im Kleinen ist seinem Label also genau das gelungen, woran die Majors gescheitert sind. Imbery spricht nicht gerne über die Fehler der anderen. „Aber sie waren wohl zu träge und haben eine wesentliche Entwicklung im Konsumverhalten verschlafen. Dann sind sie in Panik verfallen und haben mit allerlei Aktionismus falsche Entscheidungen getroffen. Wir bei Gomma versuchen flexibel zu bleiben, die Entwicklungen im besten Falle vorauszusehen, mit ihnen zu experimentieren oder sie vielleicht auch mitzubestimmen.“
Auch renommierte Namen, deren Kerngeschäft insbesondere der Absatz von Vinyl war, sind heute aus Rentabilitätsgründen geradezu gezwungen, massiv ins digitale Geschäft einzusteigen. Ein prominentes Beispiel aus Berlin ist das Label Get Physical. DJ T, einer der Gründer, hat mit Get Digital vor Kurzem ein weiteres Label ins Leben gerufen, das gleichberechtigt neben dem großen Bruder stehen soll. In der Februarausgabe der Zeitschrift „De:Bug“ begründete er diesen Entschluss bei aller Leidenschaft für das Vinyl damit, dass „wir Angestellte haben, da muss man ein Release ganz anders kalkulieren, und plötzlich merkten wir: Das rechnet sich nicht mehr. Jetzt sind wir in der Situation, dass wir einerseits auf Digitalverkäufe nicht verzichten können und trotzdem bestimmte Dinge gar nicht mehr auf Vinyl veröffentlichen, um keinen Verlust zu machen.“
Eine regelrechte neue Dimension sieht Markus Roth, der Director New Media von Four Music in Berlin, in den Möglichkeiten des digitalen Vertriebs.

Foto USB-Kabel: Jens Berger
Foto Telonius: A. Smilovic

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