Konzerte & Party

Neko Case im Roten Salon der Volksbühne

Neko CaseStrophe, Refrain, Strophe, Refrain. Dieses Gesetz des Songwritings kennt man in- und auswendig, es ist redundant, berechenbar und formal schrecklich langweilig, aber es funktioniert unerschütterbar – als Hymne, als Ohrwurm oder auch als letzter Halt in epischen Erzählungen. Neko Case mag das nicht. „Meine Musik ist nicht auf den Chorus aufgebaut. Ich muss nichts wiederholen. Ich komme zum Punkt und gehe wieder raus.“ Eher zwei als drei Minuten sind ihre Stücke fast ausnahmslos kurz, Wiederholungen und wohliges Rumgejamme gibt es nicht. „Das ist ein Freddie-Mercury-Ding: Mit Queen hat er Songs geschrieben, in denen er die Melodie nur ein einziges Mal hat stehen lassen. Du musst den Song schon noch einmal hören.“
Dieses Prinzip der süßen Folter funktioniert auch auf „Middle Cyc­lone„, dem neuen, fünften Album von Neko Case. Eingespielt in einer windigen Scheune mit sechs artig hintereinander aufgestellten Klavieren, die sie von der Müllhalde holte. Eine schöne Vorstellung, denn der Klang ist ein wenig gebrechlich, hat den Charme von tapferen Überlebenskämpfern und bildet den perfekten Rahmen für ihre Geschichten.
Seit über zehn Jahren veröffentlicht die mal hier, mal dort lebende Neko Case atmosphärische, melancholische, oft dunkle und doch von übergroßem Lebenswil­len geprägte Songs. Inzwischen hat sie sich auf einer Farm in Vermont niedergelassen, möchte Tiere, vor allem neckische, eingebildete Ziegen, halten, und erst vor Kurzem fiel ihr auf, dass sie, die eigentlich keine Liebeslieder mag, von Anfang an nichts anderes geschrieben hat. Keine herkömmli­chen Lovesongs, versteht sich, keine Offenbarungen, die einem später peinlich sein könnten. Immer sind es Allegorien, die sie findet, die am Ende jedoch weit weniger bildhaft-symbolisch gemeint sind als vermutet. „This Tornado Loves You“, heißt es gleich zu Beginn des neuen Albums, und sofort sieht man die schöne Sängerin mit der üppigen roten Mähne, die auf dem Cover schwert­schwin­gend auf der Kühlerhaube eines Straßenkreuzers herandüst, damit identifiziert. Weit gefehlt: Hier geht es tatsächlich und wortwörtlich um einen Tornado, der zu einem Menschen spricht, der sich sogar in ihn verliebt. Verkehrte Welt: Metaphern funktionieren nicht aus der Sicht von Menschen, sondern Menschen wer­den zu Metaphern von Naturwesen. Hier spricht der Tiger, hier spricht der Killerwal – Mensch nennt sie auch gerne Menschenfresser, worüber sie nur lachen können, denn so ist nun mal die Natur eines Raubtiers. Jedes Tier ist für Neko Case eine eigene Persönlichkeit. Sie haben ihre Kindheit bevölkert, waren Bezugspunkte, Schutz und Gegenüber, und sind es bis heute geblieben.
Kaum aber hatte sie erkannt, dass sie unbewusst ja doch Liebeslieder schreibt, klappte es auch gewollt und direkt. Das längs­te der neuen Stücke, „Prison Girls“, ist ein fünf Minuten dauernder psychedelischer Traum vom Geliebtwerden. Ist sie aber zu Gast als Sängerin bei Carl Newmans Band The New Pornographers, läuft alles wie von selber, dann fühlt sie sich wie eine Königin, die eine ganze Fabrik exzellenter Songschreiber hinter sich hat und nur noch singen muss.
So mag es auch ihrer eigenen Band und den Gästen mit ihr gehen, der klangverliebte Gitarrist M. Ward, der mächtige, Saxofon spielende Steve Berlin von Los Lobos, der ergebene Garth Hudson von The Band an den Tasten, Howe Gelb, Calexico, Sarah Harmer – alle eint die Liebe zur fantasiegeladenen Welt ihrer Songs, und alle wissen zugleich, dass es hier nicht um harmlose Märchen geht. Sondern um Emotionen von Kreaturen, von Mitgeschöpfen, die wie ein Seismograf die Befindlichkeit der Welt erfassen und denen sie zu einer Stimme verhelfen.

Text: Christine Heise

Neko Case, Volksbühne/Roter Salon, Mi 18.2., 22 Uhr, VVK: 12 Euro.
Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

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