Konzerte & Party

Nena in der O2-World

NenaNena-Fans mit kompletter Devotionalien-Sammlung müssten auf rund 80 Poster und zwei lebensgroße Starschnitte kommen, allein aus der „Bravo“ der Achtzigerjahre. Keine andere deutsche Sängerin hat es damals auf eine derartige Bilderflut in der Teenie-Gazette gebracht. Selbst in den USA begrüßten schwärmende Fans das Pop-Girlie seinerzeit mit unvergesslichen Sprüchen wie „Nena, we love your Achselhaar!“ Zum Kichern verleiten heute auch alte Konzertkritiken; etwa wenn der „Spiegel“ in seinem Live-Bericht 1984 beeindruckt von „computergesteuerten Scheinwerfern“ schreibt und ein potenzielles Star-Vehikel ausmacht in dem „24-Stunden-Musikvideokanal“ namens MTV.
Rund 25 Jahre liegt das alles zurück; und klingt dabei doch so fern, als wäre es 100 Jahre her. Nena selbst aber zeigt keine Alterserscheinungen. Sie ist fünfzig – doch das tut nichts zur Sache. Nur insofern, dass es für die Jubilarin ein günstiger Anlass ist, um ihre Rückkehr als Deutschlands größter Popstar weiter anzukurbeln. Ihr bemerkenswertes Comeback rollte im Jahr 2002 an, als Nena sich annähernd aus der Vergessenheit zurückmeldete: mit ihren alten Hits in neuer Soundhülle. Nena ist seither wieder überall dort, wo man sie seit den Hochzeiten der Achselhaar-Ära nicht mehr finden konnte: in den Charts, in Magazinen und Fernsehshows sowie in Werbespots für Waschmittel, Schuhe, Autos und den Otto-Katalog.
Wenn sie dieser Tage durch Deutschlands größte Hallen tourt, hat sie ihr neues Album „Made in Germany“ dabei. Es ist ein unverfängliches Album, das so klingt, wie Pop dieser Tage häufig klingt: mit einem cleanen Klangbild, in dem Rockgitarren und digitale Tricks Hand in Hand gehen, gespickt mit synthetischen Chören und digitalem Schliff.
Nena„Made in Germany“ – hausgemacht – klingt an der Musik, die Nena mit alten Stammkräften wie Uwe Fahrenkrog-Petersen zurechtschneiderte, jedoch nicht allzu viel; sie könnte ebenso gut die Kulisse für Britney Spears oder sonst wen abgeben. Doch spätestens wenn dieser unausgeschlafene Mädchengesang einstimmt, der die Silben von „Leben“, „schweben“ oder „Himmel“ so herrlich schluderig verschluckt – dann ist man unverkennbar bei Nena angelangt. Sie hat diese Art zu singen gewissermaßen erfunden; und außer den „Autotune“-Effekten aus Fahrenkrog-Petersens Computern klingt sie dabei verblüffend unverändert.
Mit dem Geheimnis ewiger Jugendlichkeit ist Nena nicht allein. Auch Madonna scheint es rauszuhaben, oder Inga Humpe. Über deren neuestes Album mit 2raumwohnung notierte ein Kritiker fasziniert, zu hören sei da „eine Frau Anfang 50 im Körper einer Frau Ende 30 mit der Stimme einer Frau Anfang 20.“ Das gilt auch für Nena. Wer die Wahlhamburgerin dieser Tage nach Rezepten befragt, dem Alter zu trotzen, erfährt lediglich, dass die Familienmutter täglich einen Zaubertrunk namens Mondwasser trinkt, außerdem viel Algen isst. Auch die Songtexte des neuen Albums helfen nur bedingt weiter. Nenas Lebensweisheiten sind zwar wortreich. Doch erschöpfen sie sich in Aussagen wie „Ich hab’ gegeben und ich hab’ genommen“ oder „Freiheit tut mir gut“ oder auch „Manchmal ist Leben schwer“. Es sind auffallend nichtssagende Erkenntnisse. Sie könnten Ansichten einer 50-Jährigen sein oder einer 20-Jährigen. Im Falle ihrer Ode ans Heimatland Germany klingt Nena gleich noch mal zehn Jahre jünger: „Germany, hier gehör’ ich hin, weil ich hier am allerliebsten bin“, singt sie fröhlich. Zumindest hier gerät Nenas sonst so geschmeidiges Spiel mit gedanklichen Leerplätzen dann doch auf dünnes Eis.

Text: Ulrike Rechel
Fotos: Esther Haase, Frank Lammers

Nena, O2 World, Sa 24.4., 20 Uhr, VVK: ab 25 Euro

Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

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