Konzerte & Party

Neuer Sound aus Glasgow im Berliner Berghain – Teil 2

Hudson Mohawkes Debüt-Album „Butter“, das in der britischen Presse als Glasgows Antwort auf den überdrehten Funk von Outkast und die Zukunftsmusik von Timbaland gefeiert wurde, ist soeben auf Warp Records erschienen, dem Label aus Sheffield, das seit 20 Jahren immer wieder ein besonderes Näschen für das nächste große Ding bewiesen hat. „Ich sehe absolut keinen Sinn darin, Sachen zu machen, die vor mir schon jemand anderes gemacht hat“, lautet das Credo von Hudson Mohawke, der schon mit 15 das Finale eines landesweiten DJ-Wettbewerbs erreichte. Rusties Debüt soll im kommenden Jahr folgen. Einen eindrucksvollen Vor­geschmack auf sein Album hat er in diesem Jahr mit der EP „Bad Medicine“ geliefert, die sich ein bisschen sich wie das musikalische Äquivalent eines epileptischen Anfalls anhört. Beide sind gerade mal Anfang 20 und repräsentieren eine Generation von Wohnzimmer-Produzenten, die mit der ständigen Verfügbarkeit allerjemals gemachten Musik aufgewachsen sind und denen es gelingt, aus scheinbar gegensätzlichen Stilmitteln und Versatzstücken etwas Neues zu machen.

Dass ausgerechnet in Glasgow ein so dichter und eindrucksvoller Sound sein begeistertes Publikum gefunden hat, hängt auch damit zusammen, dass die Nächte hier kurz sind. Die Clubs öffnen um elf, und ein paar Minuten vor drei geht im Saal das Licht an, der DJ spielt eine letzte Hymne, und dann ist auch schon Schluss. In diesen vier Stunden, die sich meist mehrere DJs teilen müssen, kann sich keiner erlauben, sinuskurvenartige Spannungsbögen aufzubauen. Da geht es sofort los. Die Energie, die sich in Berlin über ein ganzes Wochenende verteilt, wird hier auf die Zeit zwischen Mitternacht und Sperrstunde kom­primiert. Dass der Sound of Glasgow dabei aber nicht nur auf eine totale Reizüberflutung ausgerichtet ist, sondern klug und eigenständig klingt, liegt wiederum daran, dass hier über die Jahre bei aller Lust am Feiern ein sehr ernsthaftes Interesse an Musik kultiviert wurde. „In Glasgow gibt es eine große Community, die nicht auf Hypes hereinfällt,“ erklärt Gernot Bronsert von Modeselektor. „Da geht es nicht darum, irgendwelchen Mode-Erscheinungen hinterherzulaufen, die stehen einfach auf Musik.“

Dieser Eindruck bestätigt sich im Subclub in der Glasgower Innenstadt. Jeden Sonntag lädt hier das Optimo-Team zur Espacio-Nacht, die weit über die Grenzen Schottlands hinaus für ihr musikalisches Erziehungsprogramm bekannt ist. Die beiden Veranstalter JD Twitch und JG Wilkes haben ein paar Jährchen mehr auf dem Buckel als die meisten Leute im Publikum, und das merkt man auch an ihrer ebenso geschmacksicheren wie geschichtsbewussten Musikauswahl: Bevor sie zum Techno übergehen, spielen sie unter anderem The Fall, Marvin Gaye, MC5 und Anne Clark. Auf der Tanzfläche sind einige Gestalten wiederzuerkennen, die sich zwei Abende zuvor noch zu den Subbässen der Hessle Audio Crew geschüttelt haben. Höhepunkt des Abends ist ein Überraschungskonzert der örtli­chen Indierocklieblinge Sons & Daughters. Das Quartett legt einen fulminanten Auftritt und verlässt nach nur sechs Songs die Bühne. Die Nächte in Glasgow sind kurz, aber heftig.

Text: Heiko Zwirner
Fotos: Niall

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Warp 20 mit Hudson Mohawke vs. Rustie, Plaid (live), Clark (live), Steve Beckett, DJ Maxximus u.a.
im Berghain, Fr 11.12., 23 Uhr

Glasgow: Stadt der Musik
Ein Trip in die schottischen Lowlands lohnt sich nicht nur für Freunde elektronischer Bassgewitter. Glasgow ist eine hochmusikalische Stadt:
Das Angebot reicht von Klassik über Indierock bis hin zu keltischer Folklore, Woche für Woche finden hier rund 130 Musikveranstaltungen statt. Wegen des breiten Spektrums erhielt die Stadt im  August 2008 den Ehrentitel UNESCO City of Music. Zu den interessantesten Locations gehört neben dem Subclub der Rock­schuppen King Tut’s Wah Wah Hut, in dem täglich internationale Bands spielen. Anfang der 90er-Jahre hat Creation-Chef Alan McGee hier eine Band namens Oasis entdeckt und auf der Stelle unter Vertrag genommen. Ab Schönefeld gibt es eine tägliche Flugverbindung nach Glasgow. Information zu Übernachtungsmöglichkeiten und Ausflügen in die Umgebung sind auf der Webseite des schottischen Fremdenverkehrsamtes zu finden:
www.visistscotland.com/de

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