Konzerte & Party

Neuer Sound aus Glasgow im Berliner Berghain

RustieDas Vic Cafй in der Renfrew Street ist nicht gerade das, was man sich unter einem angesagten Club vorstellt. Tagsüber wird es von den Studenten der Glasgow School of Arts als Cafeteria genutzt, seine Räumlichkeiten wirken entsprechend unspektakulär und funktional. Aber was soll’s, heute Abend sind die Leute ja nicht wegen der Inneneinrichtung hier, sondern wegen der Musik.
Es ist Freitag, kurz vor Mitternacht, hinter dem DJ-Pult stehen ein paar Jungs, von denen die Hälfe kaum älter aussieht als zwölf und die als Kollektiv unter dem Namen Hessle Audio Crew auftreten. Sie sind aus London angereist, um eine unerhörte Mischung aus HipHop, Dubstep und Techno aufzulegen. Das Tempo wechselt ständig, rhythmische Muster und melodische Fetzen überlagern sich merkwürdig asynchron, und die Bässe, die sich in ungleichmäßigen Wellenbewegungen über die Tanzfläche schieben, sind so tief, dass man sie mehr spürt als hört. Damit die nied­rigen Frequenzen ihre volle Wirkung entfalten können, haben die Veranstalter vom örtlichen Reggae- und Dubspezialisten Mungo’s Hifi ein Soundsystem ausgeliehen, mit dem man vermutlich auch ein Fußballstadion beschallen könnte. Die Menge lässt sich dankbar durchschütteln. Immer wieder legen DJs kunstvolle Pausen ein, was zu frenetischem Jubel führt. Dann wieder scheinen sie mehrere Platten gleichzeitig laufen zu lassen.

Richard Chater lehnt an der gewaltigen Boxenwand und grinst. „Das ist unsere Musik“, ruft er durch das Bassgewitter. Richard arbeitet tagsüber bei Rubadub, einem Plattenladen, der in den letzten 18 Jahren zum Dreh- und Angelpunkt der Glasgower Clubkultur geworden ist und der sich in Zeiten rückläufiger Vinylumsätze auch auf den Verkauf von Equipment spezialisiert hat. Zusammen mit ein paar Freunden hat er vor Kurzem die kleine, auf Vinylmaxis spezialisierte Plattenfirma Numbers gegründet – der Name ist eine Hommage an Kraftwerk. Schon seit ein paar Jahren organisiert er unter dem gleichen Label Partys, die sich der Technotradition genauso verpflichtet fühlen wie dem musikalischen Erbe des HipHop. „Bei den meisten HipHop-Parties gibt es allerdings zu viele Rumsteher und Kopfnicker“, sagt Richard. „Wir wollen die Leute daran erinnern, dass HipHop Tanzmusik ist. Es ist unsere Mission, alle zum Tanzen zu bringen.“ Diese Mission erfüllt er mit zunehmendem Erfolg. Nach einigen Veranstaltungen in einem Kellergewölbe, dass gerade mal 100 Gäste fasste, ist Richard mit seiner Partyreihe schnell in einen Club mit der sechsfachen Kapazität umgezogen. Im Januar steht ein Gastspiel im Londoner Superclub Fabric auf dem Programm, was für den Partymacher einem Ritterschlag gleichkommt. Ein Stammgast bei Richards Partys ist die Berliner Formation Modeselektor, die für ihren wuchtigen, basslastigen Sound berüchtigt ist. „Es ist immer wieder eine großer Spaß, dort zu spielen,“ sagt Gernot Bronsert von Modeselektor. „Die Jungs haben genauso ein Feuer wie wir. Die brauchen es richtig laut.“

Es ist schon erstaunlich, dass elektronische Musik auch nach über 20 Jahren Techno immer wieder neu und immer wieder frisch klingen kann. Im Umfeld des Rubadub-Stores hat sich ein futuristischer, extrem tanzbarer Cut-Up-Pop entwickelt, der zum Spannendstem gehört, was die britischen Inseln derzeit zu bieten haben. In den Regalen des Platten­ladens gibt es für diese Musik ein Fach mit der Bezeichnung „Wonky HipHop“. Richard Chater mag diesen Begriff nicht besonders, aber als lautmalerische Umschreibung der lang gezogenen Bass­impulse und der hackenden Beats, die für diese Musik charakteristisch sind, funktioniert er eigentlich ganz gut. Chaters Numbers-Partys sind dabei nur die Spitze des Eisbergs: „Glasgow ist auf dem Weg, einer der interessantesten Orte der Welt für urbane Musik zu werden“, jubelte unlängst der Guardian. Rustie und Hudson Mohawke, die beiden wichtigsten Protagonisten des neuen Sounds aus Glasgow, kommen dieser Tage nach Berlin, um gemeinsam im Berghain aufzulegen, einem Club, von dem in Glasgow stets mit größter Ehrfurcht die Rede ist …

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