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Neurosis

Neurosis

Der Begriff „Band“ reicht im Fall von Neurosis nicht aus. Findet jedenfalls Steve Von Till. Neurosis, das sei „eine Macht, die von etwas Unbekanntem angetrieben wird“, so gab es der Gitarrist und Sänger des aus Oak­land stammenden Sechsers vor einiger Zeit zu Protokoll. „Es scheint, als ob diese Musik, dieses Ding, einfach irgendwo im Universum existieren würde. Und irgendwie haben wir es gefunden. Wir müssen es durch uns hindurchfließen lassen, als wären wir ein Medium oder so etwas in der Art.“ Nach dem zu urteilen, was Von Till und seine Mitstreiter dabei seit mehr als zwei Dekaden zu Tage fördern, ist dieses Ding etwas Unheimliches, Dunkles, geradezu Prähistorisches. Ihr aktuelles Album „Honor Found In Decay“ macht da keine Ausnahme: Erneut meditieren Neurosis vermittels Hardcore, Doom und Folk über Essenz und Ewigkeit, über Sinn und Unsinn menschlicher Existenz.

Bedrückend ist das, zugleich aber auch hochinteressant, was erklärt, warum die Band Zeit ihres Bestehens unzählige Künstler von Isis über Mastodon bis hin zu Baroness beeinflusst hat. Allerdings: Ihr spiritualistischer und auf diverse Nebenprojekte ausgedehnter Ansatz hat die Neurosis-Protagonisten zuweilen in zweifelhafte Gefilde getrieben. So arbeitete beispielsweise der an Erblinien und Mythologie interessierte Von Till solo mit Vertretern des Neo-Folk zusammen, einer Szene, in der sich okkulte und faschistische Symbolik munter vermischen. Eine merkwürdige Kollaboration ist dies angesichts des Umstandes, dass er und Neurosis sich bis heute eigentlich dem Punk und Anarchismus verpflichtet zeigen. Letztlich, so ein möglicher Erklärungsversuch, geht es ihnen aber nicht um politische Feinheiten, sondern einzig um Transzendenz und Katharsis: Im Idealfall, erklärte Von Till einst, bringe die Musik ihn an einen Ort, „an dem es scheint, als würde der Sound aus dem Mittelpunkt der Erde sprudeln und durch die Wirbelsäule direkt in deinen Kopf fahren. Du bist dann ein Teil des Ganzen. Du bist die Musik. Du bist kein Mensch, du bist Klang.“

Text: Roy Fabian

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