Konzerte & Party

Neustart: Dimitri Hegemanns Berlin Atonal Festival

Kraftwerk-BerlinEs ist ein klirrend kalter Dezemberabend im Jahr 1983, vor den Pankehallen im Wedding windet sich eine lange Schlange düsterer Gestalten. Keiner will das wichtigste Musik­ereignis Europas verpassen: Berlin Atonal. Den Auftakt hatten im Jahr zuvor Bands wie Einstürzende Neubauten, Die Tödliche Doris und Sprung Aus Den Wolken gesetzt. Davon sprach später die weltweite Underground-Sphäre. Bei der zweiten Runde ist das Line-up, das Organisator Dimitri Hegemann gebucht hat, folglich internationaler: Psychic TV aus London ist die Attraktion, daneben der kalifornische Industrial-König Z’Ev, außerdem Truppen wie Temple Of Psychic Youth, Mannamaschine oder auch Hegemanns eigene Kombo Leningrad Sandwich. Um die Stars und Obskuritäten der Industrial-­Kultur zu hören, finden sich Menschen ein wie John Peel, Blixa Bargeld oder Kassetten-Labelbetreiber Graf Haufen. Norbert Hähnel aka „Der wahre Heino“ sagt die Bands an.

Neue Pläne nach 30 Jahren

30 Jahre später sitzt Dimitri Hegemann auf einer Bank in der Sonne vor dem ausgedienten Heizkraftwerk in der Köpenicker Straße. In einem Teil des Gebäudes ist sein Club zu Hause, der Tresor. Seine Haare sind weiß, er trägt Jeans und ein sommerliches Hemd, in der Hand hält er ein Smartphone und zeigt Impressionen aus dem Inneren des riesigen Kraftwerks, das er seit 2007 bespielt. Neben ihm sitzt Weggefährte Adi Atonal, der Philosoph der damaligen Atonalisten. Von ihm stammte damals eine Art Manifest mit Sätzen wie: „ATONAL ist selber hören. die freiheit, eigene gedanken und urteile zu bilden und nicht in das miese, vorgefertigte system der idioten einzusteigen“ – alles kleingeschrieben, versteht sich.
Paulo Reachi kommt hinzu. Seit ein paar Jahren gehört er zur Booking-Crew des Tresor und hat nun auch das Programm für Hegemanns nächstes Projekt gestaltet: die Neuauflage des Atonal.
Brandt-Brauer-Frick-Ensemble„Die Musik hat damals die Stadt beschrieben“, sagt Hegemann, „und das tut sie heute noch, auch wenn Berlin anders ist als damals, als es eingegrenzt war.“ Inzwischen ist Berlin das Gegenteil von begrenzt – gilt als Lieblingsdestination der Nachtleben-Touristen, die für eine Party im Berghain, Watergate oder Tresor am Wochenende per Billigticket einfliegen. Von den internationalen Nachtleben-Jüngern, die ihren Jahreskalender nach spannenden DJ-Sets organisieren, ist Hegemann gleichwohl fasziniert. Das Kraftwerk sieht er als Schnittstelle zwischen den Generationen, zwischen etablierter Kunst und Off-Kultur. „Die Balance muss in einer Stadt stimmen, die Off-Kultur muss etwas überwiegen, dann strahlt die Stadt“, sagt er. In Berlin haben sich die Dinge seit der Stunde null nach der Wende, als er den Tresorraum unter dem Kaufhaus Wertheim entdeckte, zwar verändert. Aber: „Der Geist ist heute noch immer da.“

Comeback an einem gradiosen Ort

Für das Atonal-Comeback gibt es einen weiteren triftigen Grund: Hegemann hat einen grandiosen Ort, der mit Leben gefüllt werden will. Das Kraftwerk, diese leere Industrie-Kathedrale mit ihrem Innenleben aus Stahl und Beton, Treppchen und obskuren Nebenkammern. „Der Raum, das Unfertige daran, spielt eine zentrale Rolle“, sagt Hegemann. Viele der Künstler, die auf der neuen Atonale gastieren, haben sich vorher genau den Ort angesehen, stimmen ihre Programme darauf ab. Das Erdgeschoss wird zum Kunst- und Installationsort und am Montag, dem Off-Tag, ist dann „Spazierengehen im Kraftwerk“ angesagt, wie der Nachtleben-Pate verschmitzt sagt. Dann kann man den Ort in aller Stille wahrnehmen; wahrscheinlich wird der Berliner Stummfilm „Menschen am Sonntag“ auf den Beton projiziert. „Es ist auch ein Filmfestival“, sagt Hegemann. So war es schließlich auch damals, als etwa zum Auftritt von Psychic TV Filmszenen mit Genitalpiercings flimmerten, als das Wort noch unbekannt war. All das – die Visuals, frisch zubereitetes Essen – Street Food –, Vorträge und Podiumsgespräche – ist Teil eines „halluzinanten Rahmenprogramms“, wie der Festival­leiter es nennt.

Alte und neue Helden

Der Klangraum selbst gehört während der sechs Tage Männern wie New Yorks No-Wave-Pate Glenn Branca, dem Berliner Ur-Atonalisten und „Genialen Dilettanten“ Frieder Butzmann, dem Trompeter und Komponisten Jon Hassell mit seinem Quartett und auch Z’Ev – damals schon in den Pankehallen dabei. Die Riege zählt zum Kanon der Avantgarde, Störpotenzial geht von ihnen heute eher weniger aus. Inspirierend sind Leute wie Hassell oder Branca aber immer geblieben, „immer an der Forefront“, schwärmt Hegemann. „Ich vertraue beim Booking meiner jungen Crew, aber die alten Helden müssen dabei sein, das war meine Bedingung“, sagt er. „Ich will auch, dass Leute kommen, die über 50 sind.“
Zu den Noise-Legenden gesellen sich Techno-Instanzen wie BerlinAtonal_Juan-Atkins-_-Moritz-von-OswaldJuan Atkin und Moritz von Oswald. Ihnen steht die junge Avantgarde gegenüber, deren gemeinsames Vokabular Techno sich verzweigt in Industrial, Ambient und moderne Klassik. Paul Jebanasam und Roly Porter vom Bristoler Electro-Label Subtext stehen dafür, ihre sakral anmutenden Epen sind mehr von lodernden Drones denn von Beats gekennzeichnet. Ähnliche Endzeit-Atmosphäre versprechen Gigs von Vatican Shadow, Cut Hands und Raime vom Londoner Label Blackest Ever Black. Am anderen Ende der Pole Clubmusik und Klassik sind schließlich Francesco Tristano oder Brandt Brauer Frick zu Hause: klassisch studierte Musiker, die inzwischen als Rollen­modelle der produktiven Vermischung von Club- und Klassiksphäre gelten.
Dimitri Hegemann kennt längst nicht alle Künstler persönlich, die auf der neuen Atonale auftreten. Was die Gegenwart und Zukunft angeht, ist er selber neugierig auf die, die kommen. So war das bei ihm eigentlich immer. Und meistens hat die Stadt dabei gewonnen. 

Text: Ulrike Rechel

BERLIN ATONAL
Kraftwerk Berlin,
Do 25.7.–Mi 31.7.,
verschiedene Zeiten, Tagestickets: 18/22 Ђ, Festivalpass: 100 Ђ zzgl. Gebühren,
www.berlin-atonal.com

 

Weitere Tipps der Redaktion:

West-Berlin in den 80ern: das war der wilde Westen

 

Übersichtsseite Musik und Party in Berlin

 

Mehr über Cookies erfahren