Konzerte & Party

Nicolas Jaar im Berghain

Nicolas Jaar

Man muss bei Nicolas Jaar im ersten Moment schon sehr an James Blake denken. Beide Musiker haben erst mit zügig hintereinander veröffentlichten Singles und EPs die Euphorie um ihre Person angeheizt und dann im Vorjahr gefeierte Alben abgeliefert. Beide schreien den Hörer nicht gerade an, bringen akustische und elektronische Instrumente zusammen und haben eine ausgeprägte Schwäche für Piano-Akkorde. Jaar stehen aber mehr Mittel zur Verfügung, er schöpft aus einem größeren Fundus. So etwas wie „El Bandido“ könnte es von Blake nie geben. Der entspannte House-Track mit südamerikanischem Gesang und Disco-Samples lässt erkennen, in welcher Ecke dieser Welt sich der in New York geborene und lebende Produzent auch zu Hause fühlt: In Chile, der Heimat seines Vaters Alfredo, der ein bekannter Installationskünstler ist. Die meisten Jahre seiner Prä-Pubertät hat Jaar im schmalen Land an den Anden verbracht. Eigentlich möchte er das aber nicht groß betonen.
Am liebsten ist es ihm, wenn man Details aus dem persönlichen Leben nicht erkennt und es auch sonst vage bleibt. Deshalb hört sich bei ihm inzwischen nichts mehr geradeaus und glatt produziert an. Er vertraut lieber auf das, was die innere Stimme suggeriert. „Ich versuche etwas zu schaffen, das sich wie rhythmische Melancholie anfühlt. Diese Idee, dass in Traurigkeit ein wirklich schöner Walzer steckt. Man hört das in äthiopischem Jazz, wo der Rhythmus unglaublich treibt, aber das Saxofon bloß jammert“, erklärte Jaar vor zwei Jahren gegenüber der Website Resident Advisor. Damals war er gerade mal 19 und dennoch hatte er schon klare Vorstellungen von seiner Musik. Von daher überrascht es nicht, dass er sich auf seinem famosen Album „Space Is Only Noise“ wie einer anhört, der eigentlich älter sein müsste. In „I Got A Woman“ entführt er uns in eine Welt, die man nicht mal eben schnell beschreiben kann. Ist es Trip-Hop? Dub-Reggae? Oder eine mutierte Version von „Why Can’t We Live Together“? Und was soll dieser Mann darin, der wie ein Tango-Poet französische Texte rezitiert? Diese Konstellation stellt einen vor Rätsel, regt das Interesse an und lässt überdies von der Zukunft der elektronischen Musik träumen.

Text: Thomas Weiland

Nicolas Jaar, Berghain, Mo 16.1. (Zusatzkonzert, VVK: 20 Euro) u. Mi 18.1. (ausverkauft), 21 Uhr

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