Konzerte & Party

Nneka im Kesselhaus der Kulturbrauerei

Nneka

Ein trügerischer Titel. „My Fairy Tales“ lässt auf eine romantische, friedliche Platte schließen. Eine mit Weltflucht-Charakter und Happy Endings. Stattdessen ist Nnekas neuer Longplayer der politischste, den sie je gemacht hat. Bei genauerer Draufsicht hat der Name aber durchaus seine Berechtigung, veranschaulicht er doch die ganz eigene Herangehensweise der Deutsch-Nigerianerin an das Produzieren von Musik mit Message. Statt mit harten Worten und schonungsloser Direktheit Ungerechtigkeiten in ihrem Heimatland Nigeria anzuprangern, verpackt sie ihre Beobachtungen in Parabeln und Gleichnisse. Sie spricht mit dem Rezipienten also quasi auf dieselbe Art und Weise, wie Eltern es mit ihren Kindern tun, wenn sie ihnen Dinge erzählen müssen, die nicht angenehm sind.
Der Albumtitel passt Nneka zufolge aber noch aus einem anderen, ja fast zynischen Grund gut zu den Inhalten der Platte: „Die Geschichten, die ich erzähle, sind zwar allesamt wahr, manche von ihnen sind aber leider so furchtbar, dass man sie kaum glauben mag“, sagt sie. Allen voran jene von der Terrormiliz Boko Haram, die eben gar kein Hirngespinst ist, sondern grausame Wirklichkeit. Um das globale ­Bewusstsein für die radikale Gruppierung zu schärfen, hat Nneka ihr auf „My Fairy Tales“ einen ganzen Song gewidmet. Dieser ist aber wider Erwarten nicht aggressiv oder düster. Er mutet vielmehr versöhnlich und sonnig an. Eine klassische Uptempo-Ska-Nummer mit einer Botschaft, die einen in Anbetracht der harten Thematik kurz stutzen lässt: „Ihr habt mein Zuhause zerstört, trotzdem bete ich für euch.“ In einem anderen Track bietet Nneka allen Boko-Haram-Mitgliedern und korrupten Politikern ihres Landes sogar an, sie in die Kirche oder in die Moschee zu begleiten, um ihnen zu zeigen, wie man richtig betet. „Ich versuche, größer zu sein als sie“, erklärt die Sängerin. „Mein Leitbild ist nicht ‚Auge um Auge, Zahn um Zahn‘. Wenn mich jemand schlägt, werde ich nicht zurückschlagen, sondern ihm mit Liebe begegnen.“ Ihr unerschütterliches Vertrauen in Gott und die friedenstiftende Kraft der Liebe erinnern an den biblischen Charakter Hiob, den sie im Song „Book of Job“ auch besingt. „When we suffer, we love“, heißt hier die zentrale Zeile. Gerade in schwierigen Zeiten dürfe man den Glauben nicht verlieren, betont sie.
NnekaUntermalt werden diese schwerwiegenden Lyrics erneut von einem Sound, der angesichts der ernsten Thematik fast ein wenig zu unbekümmert daherkommt. Doch Nneka hat die sonst für sie so typischen HipHop-, Soul- und Dub-Elemente nicht ohne Grund aus dem Stil-Repertoire geschmissen. Mit ihrem neuen Fokus auf Reggae, Afrobeat und Roots Music verfolgt sie ein klares Ziel: „Mein neues Album handelt größtenteils von Afrikanern, die ihre Heimat verlassen mussten. Deshalb habe ich einen Sound gewählt, mit dem sich viele Afrikaner in der Diaspora identifizieren können. Und das ist nun mal Reggae“, erklärt Nneka. Passenderweise sind die neuen Songs auch nicht in Nigeria entstanden, sondern während eines längeren Auslandsaufenthalts in Frankreich. Die Erfahrungen jener Zeit spiegeln sich zum Beispiel im Track „Believe System“ wider. Nneka zeigt darin auf, wie sich ihre Landsleute in Europa ein neues Leben aufgebaut haben. „Meine Reise nach Frankreich hat mich dazu gebracht, ein Album zu schreiben, das nicht nur die Leiden der Afrikaner behandelt, sondern auch von Ausdauer, Beharrlichkeit und Dankbarkeit erzählt“, erläutert die Sängerin, „und von der positiven Seite der Diaspora: der farbenfrohen Schönheit kulturellen Austauschs.“

Text: Henrike Möller

Fotos: Patrice Bart-Williams

Nneka, Kulturbrauerei/Kesselhaus, Knaackstraße 97, Prenzlauer Berg, Do 26.3., 20 Uhr, ?VVK: 25 Euro zzgl. Gebühr

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