Konzerte & Party

Noel Gallagher in der Max-Schmeling-Halle

Noel Gallagher

Eine letzte Patrone hatte Liam Gallagher noch im Magazin. Und er brauchte nicht lange, um abzudrücken; vor einem Konzert in London im Juli 2011 gegenüber einem Mitarbeiter des britischen „Q“-Magazins, um genau zu sein. Zielscheibe war natürlich Bruder Noel: „Er sagte, wir hätten ein Jahr lang Zeit gehabt, um uns einen Bandnamen zu überlegen. Am Ende seien wir bloß auf Beady Eye gekommen. Er hatte drei Jahre Zeit und kam auf High Flying Turds.“ Da hatte er die Lacher auf seiner Seite. Eigentlich heißt die Band High Flying Birds, aber für Liam werden daraus die „hochfliegenden Scheißhaufen“. Hochnäsiger geht es nicht. Ein bisschen nervös war der Pop-Lautsprecher in diesem Moment aber schon. Kurz vorher hatte Noel angekündigt, dass auch er bereit sei und im Oktober sein erstes Album seit dem Split von Oasis veröffentlicht werde. Nun konnte der Geschwisterkampf richtig losgehen, dachte man sich da. Nichts liebt man in Großbritannien mehr als ein gepflegtes Duell. 1995 wurde der Konkurrenzkampf zwischen Blur und Oasis mit der Veröffentlichung von neuen Singles in derselben Woche auf die Spitze getrieben, was als „Schlacht des Britpop“ in die Geschichte einging. Zu gerne würden einige es sehen, wenn sich die ungleichen Gallaghers jetzt in ähnlicher Weise bekriegten. Auf der einen Seite der fotogene und grimassenschneidende Sprücheklopfer, auf der anderen der kreative Kopf. Aber Noel machte bei dem Spiel nicht mit. Er ließ Liam den Vortritt und wartete erst einmal ab.  
Noel GallagherInzwischen hört man nur noch wenig von Liam und seinen sich schamlos an der Wiederholung von Rock’n’Roll-Klischees ergötzenden Gefolgsleuten, die alle aus der letzten Besetzung von Oasis stammen. Noel hat sie mit einer bemerkenswerten Zurechtweisung mundtot gemacht. Spät, aber nicht zu spät hat er erkannt, dass er mit noch mehr müdem Gesang, noch mehr uninspiriertem Gitarrenschrammeln und noch mehr zähen Rhythmen bloß sein Lebenswerk zerstört hätte. Es musste etwas geschehen. Natürlich konnte er nicht völlig aus seiner Haut. Aber wo es ging, hat er auf dem Album „Noel Gallagher’s High Flying Birds“ nachgebessert. Sein Gesang lässt eine Leidenschaft erkennen, die man seit den ersten Oasis-Jahren nicht mehr wahrgenommen hat. Die Songs werden von Streicherschwüngen, Chören, Anspielungen auf den Jazz aus New Orleans und vorsichtig dosierten elektronischen Beigaben begleitet und hören sich dadurch wie ein Ereignis und nicht wie eine Routineübung an. Auch textlich sind Verbesserungen zu erkennen. Noel wird nie ein neuer William Blake werden, dafür fehlt ihm die poetische Begabung. Aber man ist froh, wenn er in „Soldier Boys And Jesus Freaks“ politisch wird und sich als Mann mit Meinung präsentiert. Ursache für diese Veränderungen ist eine gehörige Portion Selbstkritik. „Die Leute hatten Oasis einfach nicht mehr zugehört“, sagte Noel dem „New Musical Express“. „Sie sind schon noch zu den Konzerten gekommen, aber sie hatten nicht mehr zugehört. Das passiert einfach, wenn man zu lange weitermacht. Interessiert sich jemand für ein neues Album der Rolling Stones? Man geht nur hin und sieht sie sich an, oder?“
Noel GallagherWie es aussieht, flackert das Feuer der Erneuerung beim ­44-Jährigen nicht nur kurz auf. Neben Auftritten mit den High Flying Birds wird er demnächst in weiteren, zum Teil unerwarteten Konstellationen in Erscheinung treten. Auf „Sonik Kicks“, dem neuen Album des auch abenteuerlustig gewordenen Paul Weller, ist er als Schlagzeuger zu hören. Erste Versuche in diese Richtung hatte Noel mit Tailgunner unternommen, der Band seines Freundes Mark ­Coyle. Deutlichstes Indiz für die groß anlegte musikalische Öffnung ist eine Zusammenarbeit mit Amorphous Androgynous, die zu einer Album-Veröffentlichung in der zweiten Jahreshälfte führen wird. Amorphous Androgynous sind ein Projekt der Techno-Produzenten The Future Sound Of London, die seit geraumer Zeit in einer Art Hippie-Kommune leben und freigeistige Jams zwischen Psychedelia, Prog-Rock, Funk und Krautrock fabrizieren. Nach Aussage von Noel sei diese Zusammenarbeit für ihn eine neue Erfahrung gewesen, sie hätte gar „völlig verändert, wie ich über Musik denke“. Wenn man sich die AA-Compilation mit dem Titel „A Monstrous Psychedelic Bubble Exploding In Your Mind“ anhört, kann man sich ungefähr denken, in welche ausfransende Richtung es geht. Zuerst kommt Noel aber nach Berlin, um Material aus dem High-Flying-Birds-Album und ausgewählte Klassiker von Oasis zu spielen. Zur Band gehören Bassist Russell Pritchard (ehemals The Zutons, Originalinterpreten des durch Amy Winehouse bekannt gewordenen Songs „Valerie“), Keyboarder Mike Rowe (Tourmusiker von Oasis) und Schlagzeuger Jeremy Stacey (früher The Lemon Trees). Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird die Show mit der alten Oasis-B-Seite „(It’s Good) To Be Free“ beginnen. Hinter dieser Wahl steckt eine Botschaft, aber keine allzu laute. Wer auf der Gewinnerseite steht, muss nicht auch noch pöbeln.

Text: Thomas Weiland

Fotos: Lawrence Watson

Noel Gallagher’s High Flying Birds + The Folks, Max-Schmeling-Halle, Fr 9.3., 20 Uhr, VVK: 30 Euro (Stehplatz), 35 Euro (Sitzplatz)

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