Kommentar

„Notruf“ von Stefan Hochgesand

Stefan Hochgesand

Kürzlich standen zwei Polizisten auf meiner Türschwelle in Neukölln. Aber nicht, weil ich dieses Jahr zu harten Drogen recherchiert habe, sondern weil meine Tanzmusik zu laut lief an diesem Freitagabend. Glühen vor der Disko. Nun gut, wahrscheinlich hätte mich das nicht weiter gewurmt, wenn nicht sieben Tage vorher das passiert wäre: Geburtstagsfete in Mitte, ebenfalls ein Freitagabend. Acht Polizist*innen betreten die Zweiraum-Wohnung eines Freundes wegen der „zu lauten Musik“. Beide Male hatte offenbar jemand aus der Nachbarschaft prompt 110 gerufen, statt einfach zu sagen, dass man doch bitte leiserdrehen solle. Für mich ein Ausdruck des App-Appetits: lieber paar Knöpfe auf dem ach so smarten Fernsprecher drücken, um das Leben zu optimieren – statt das persönliche Gespräch zu suchen.
Hinter all dem steckt aber noch ein zweites Phänomen, das man die Disneylandisierung Berlins nennen könnte: Tagsüber darf der Bär steppen, aber Freitagabend soll in Mitte und Neukölln bitteschön Dorffriedhofsstille einkehren für die wehrte Hauptstadtanwohnerschaft. Man sei ja nicht auf dem Dorfe, sagt der neue Eigentümer des RAW-Geländes in Friedrichshain, meint damit aber leider das Gegenteil: dass er auf dem rauen Gelände lieber Bio-Markt, Design-Laden, Drogerie und Supermarkt sähe. Prima für all jene, die Freitagabend gerne Sandmännchen schauen. Berlin geht den Bach runter. Dagegen hilft uns keine App. Ich fürchte, wir müssten miteinander reden.

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