Konzerte & Party

Oasis live in der Arena

oasis_1Das Bild ging um die Welt: Noel Gallagher im Gespräch mit Tony Blair anlässlich einer Soiree in No. 10 Downing Street. Pop und Politik nicht im Gleichklang, aber doch entschieden konvergierend. Dank eines Gitarre spielenden Premierministers, der in BBC-Programmen begeistert seine Lieblingsplatten vorstellte und gestand, Mick Jagger mehr zu verehren als jeden Parteigenossen. Und dank Oasis. Nicht etwa, weil die Radaubrüder aus Manchester an schnöder Tagespolitik Gefallen gefunden hätten, sondern weil sich Mitte der 90er die Labour Party einen neuen, jugendlicheren Anstrich gegeben hatte. „Blair’s Sexy Politics„, schlagzeilte die New-Labour-freundliche „Times“ erotisiert, andernorts fand man eine Wortkombination, die den gesellschaftlichen Aufbruch in Gänze erfasste: „Cool Britannia“.
Das gemahnte an das „Swinging London“ der 60er, jene Ära, als Britanniens Hauptstadt das Epizentrum eines gewaltigeren kulturellen Bebens war. Mit globalen Folgen, freilich befeuert von einem ausgeprägten Antagonis­mus zwischen Pop und Politik. Harold Wilson, Blairs sozialdemokratischer Ahn im Amt, verbot die Pirate Stations und unterwarf die Ätherwellen staatlicher Kontrolle, die maßgeblichen Musiker rieben sich an Machtinstanzen oder gingen wenigstens auf Distanz. Eine gute Tradition, die durch Blairs Umarmungsstrategie für kurze Zeit gefährdet schien, unter den überaus günstigen Bedingungen wirtschaftlicher Prosperität und vollmundiger Versprechungen. Noel Gallagher möchte heute nicht mehr daran erinnert werden und ventiliert seine Verachtung für die Regierungsfiguren der letzten zehn Jahre in gewohnt unzweideutiger Manier. „Cunts“ und „Fuckers“ allesamt, dem späteren Kriegsherren Blair habe er schon damals „nicht über den Weg getraut“.

Haltung war von jeher wichtiger für die Gallaghers als alles andere, identitätsstiftender noch als Musik. Es waren die Rituale der Abgrenzung und Ausgrenzung, die Oasis anfänglich definierten, das mediale Dissen und Drohen, nicht zuletzt in Richtung der Vorbilder. George Harrison und Keith Richards wurden schon mal Prügel angedroht, von „our kid“ Liam, weil die sich despektierlich, ja abfällig über die upstarts geäußert hatten. Das tat weh, denn immerhin orientierten sich Oasis an den Antipoden der 60er, an den Beatles mehr musikalisch, an den Stones in Sachen Renegatentum. Was Außenstehenden wie eine gesteuerte Marketing-Kampagne vorkommen musste, war nur übersteigertes Selbstwertgefühl, was nach Hype klang, war schlichte Hybris. An diesen Großmäulern war nichts aufgesetzt, und wenn Noel verkündete, Oasis sei „die Band, auf die ihr alle gewartet habt“, dann war er davon völlig überzeugt. Schon nach der ersten Single, deren Titel die kollektive Gemütsverfassung dieser Band auf den Nenner brachte: „Supersonic„.

oasis_2Keine drei Jahre später stand das Album „(What’s The Story) Morning Glory“ in jedem achten britischen Haushalt, und als die Live-Platte „Familiar To Millions“ in die Läden kam, hielt das niemand mehr für größenwahnsinnig. Oasis-Songs waren tatsächlich Gemeingut geworden in Großbritannien und darüber hinaus, Gassenhauer nicht nur einer Generation, sondern jedermann geläufig. Doch je sicherer ihr Platz in der Ruhmeshalle des Pop wurde, desto bescheidener gaben sich die Gallaghers. „Wir haben nie mit den Beatles und Stones in der Champions League gespielt“, so Noel nach dem dritten Album „Be Here Now„, durchaus entgegen früheren Bekundungen. Er sähe seine Band vielmehr „im unteren Mittelfeld der Premier League“, nicht unmittelbar abstiegsgefährdet, indes ohne realistische Chance auf die Spitzenplätze. „Wenn wir unsere kreativen Kräfte bündeln und uns nicht gegenseitig den Garaus machen“, verlautbarte er neulich noch grinsend, „dürften wir konkurrenzfähig bleiben und dieses Level noch einige Jahre halten können“.

Dig Out Your Soul„, die siebte Studio-LP, lässt daran keine Zweifel aufkommen, auch wenn die Gleichberechtigung von Songs und Sound hier aufgegeben wurde zugunsten eines Primats des Letzteren. Für drei, vier tolle Songs hat es trotzdem gereicht, und selbst die weniger memorablen werden mächtig Eindruck schinden, wenn sie live abgefeiert werden. Oasis-Gigs überzeugen ja nicht zuletzt durch die schiere Präsenz der Protagonisten, insbesondere durch Liams patentierte Feldherrenpose. Wie eine Statue steht er minutenlang am Bühnenrand, was ausgerechnet Francis Rossi, seines Zeichens breitbeiniger Sänger der Dumpfbacken-Combo Status Quo, jüngst dazu verleitete, öffentlich Kritik anzumelden. Oasis seien ja „beileibe keine schlechte Band“, so der One-Trick-Rockveteran, dessen Büh­nenshow vornehmlich zu Lasten der Halsmuskulatur geht, „aber mit Rock’n’Roll“ hätten „Oasis-Konzerte nicht viel zu tun“. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wurde Oasis doch früher oft nachgesagt, eigentlich nichts weiter zu praktizieren als Quo-Boogie. Bezichtigungen, die allerdings meist aus dem Blur-Camp kamen, gespeist von Nerdigkeit und reinem Neid. Da steht man drüber als Oasis-Fan, auf den Schultern von Giganten.

Text: Wolfgang Doebeling

Oasis Arena, So 18.1., 20 Uhr, VVK: 36 Ђ

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