Konzerte & Party

Уlafur Arnalds in der Volksbühne

Olafur Arnalds

Gelegentlich kommt es vor, dass Уlafur Arnalds sich merkwürdig heimatlos fühlt. Nicht im wörtlichen Sinn, denn der Musiker lebt und arbeitet nicht weit von dem Ort, an dem er 1986 geboren wurde: vor den Toren Reykjavнks. Das Gefühl, nicht recht dazuzugehören, kennt er eher als Musiker. Das liegt daran, dass Arnalds sich in einem Grenzgebiet eingerichtet hat: mit einer vom Klavier bestimmten Musik, die sich am klassischen Minimalismus Erik Saties oder Steve Reichs anlehnt. Gleichzeitig klingt das Denken eines Menschen an, der in Bands gespielt hat und sich für einen Konzertflügel ebenso begeistern kann wie für einen raren Synthesizer.
Wenn Arnalds sich goldrichtig verstanden fühlt, dann an Abenden wie unlängst im Londoner Barbican. In dem holzvertäfelten Konzertsaal hatte er gerade sein neues, drittes Album vorgespielt, begleitet von einem Orchester mit Dirigent. Später wollte der Beifall kaum enden und als der 26-Jährige schließlich die Zugabe ankündigte, ein zartes Stück für Piano und vier Streicher, versagte ihm gerührt die Stimme.
Auch auf dem Album „For Now I Am Winter“ fügt sich natürlich zusammen, was in den Ohren von Klassik-Puristen oder auch eingeschworenen Elektronikfans nicht zusammengehört: strenge Streicher-Arrangements und romantische Holzbläser, schwebende, langsam anziehende Klaviermelodien, daneben Samples und unheimliche Färbungen und Halleffekte aus dem Synthesizer. Zum ersten Mal taucht in Arnalds anfangs noch eher grauwertigen Traumstücken auch Gesang auf: die fragile, etwas an Antony Hegarty erinnernde Stimme des Isländers Arnуr Dan.
Die Entdeckung des Pop geschah eher zufällig, erzählt Arnalds: „Ich hatte mir für das Album vorgenommen, mehr Elektronik ins Spiel zu bringen. Ich wollte mich weniger auf Klavier und Streicher verlassen, stattdessen den Fokus auf unklassische Instrumente richten. Aber daraus wurde nichts: Jetzt habe ich nicht nur ein ganzes Orchester dabei, plötzlich gab es auch noch Gesang. So ist es bei mir oft: Ich mache mir immer einen Plan, aber ich halte mich nur selten daran.“
Als Minimalist sieht Arnalds sich nur bedingt: „Es kommt darauf an, wie man es auslegt. Ich denke schon, dass ich ein Minimalist bin, im Sinne der Komposition. Ich mag einfache Melodien. Meine Arrangements sind dagegen aufwendig, sie können sehr opulent sein. Ich bin vielleicht beides: minimal und maximal.
Auch die stärkere Einbindung von Pop-Elementen passt für ihn ins Bild. „Popmusik habe ich schon immer geliebt“, sagt er. In seinen Jugendjahren spielte er zudem in verschiedenen Hardcore-Bands: „Fighting Shit“ hieß eine davon; nebenher tüftelte er da schon an instrumentaler Musik. Später dann das Studium der klassischen Komposition. „Das hat mir viel gebracht, besonders was Harmonielehre angeht, etwa die Musik von Bach zu studieren“, sagt er. „Für mich gilt: Man muss die Regeln kennen, um sie zu brechen.“
Auf der anderen Seite begegnete ihm strenges kategorisches Denken, das seinem eigenen Hang zu gefühlsbetonter Musik widerstrebt. Dafür steht ein Studienerlebnis, an das er sich erinnert. Ein Professor hatte als Hausaufgabe drei Miniaturen im seriellen Stil verlangt. „Ich mag das nicht besonders, also erledigte ich die Aufgabe schnell und formelhaft. Die gesparte Zeit investierte ich in ein freies Stück, woran ich lange feilte: ein sehr simples Stück, das sich ganz auf eine schöne Melodie und die Harmoniefolge konzentrierte.“ Das Feedback fiel frustrierend aus. Als der Prof die Partitur des Stücks sah, das Arnalds selbst gefiel, winkte er desinteressiert ab. Bei den halbherzigen Miniaturen aber hob er den Daumen. „Es gibt in der akademischen Welt durchaus einen elitären Zug, sich Dingen nicht zu öffnen, wenn sie zugänglich sind und Menschen über Gefühle berühren“, glaubt er.
In den vergangenen Jahren hat sich das Feld der sanften Grenzgänger merklich gefüllt: mit Nils Frahm, Max Richter oder Ludovico Einaudi. Auch die Kollegen kennen den Vorbehalt, ihre Musik sei „zu simpel“. „Wir sind an dem richtigen Punkt, um diese verschlossene Haltung zu ändern“, sagt Arnalds selbstbewusst. Rückenwind kriegt er durch Abende wie unlängst im Barbican. Auf seiner Facebook-Seite notierte er später stolz: „Das war einer der schönsten Tage meines Lebens.“

Text: Ulrike Rechel

Foto: Marino Thorlacius / Mercury Classics

Уlafur Arnalds & Berlin Music ­Ensemble + Greg Haines, Volksbühne, So 7.4., 20 Uhr, VVK: 28 Euro zzgl. Gebühr

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