Konzert-Review

OTR II: Beyoncé & Jay-Z Live in Berlin

Liebe in Zeiten der Follower: Beyoncé und Jay-Z haben am Donnerstagabend im Olympiastadion gespielt – mit ihren Identitäten und dem Kult um sie. Musik gab’s auch

Beyoncé und Jay-Z am 28. Juni im Olympiastadion
Foto: Raven B. Varona/Parkwood/PictureGroup

In Zeiten des Hasses und seiner Follower sehnen sich andere umso mehr nach Liebe. Und weil diese Zeit so turbulent und das nächste Date nur einen Tinder-Klick entfernt ist, sehnen sie sich umso mehr nach Konstanten, die Halt geben oder zumindest versprechen. Wie die Royals. Die rhythmischsten Royals des Planeten sind selbstredend Beyoncé und ihr Göttergatte Jay-Z. Am Donnerstagabend, 28. Juni, haben sie im Rahmen ihrer „On the Run II“-Tour Station im Berliner Olympiastadion gemacht und drei Dutzend Hohelieder auf die Liebe heilsversprechend in diese laue Sommernacht gerappt und powerballadiert.

Schon wie bei Beyoncés voriger Tour „Formation“ vor zwei Jahren tummelten sich vor dem Auftritt in den S-Bahnen gen Stadion auffällig viele junge Frauen-Cliquen, Teenager, Twens, auch viele mit anderen Hautfarben als weiß. Beyoncé ist ein Role-Model, spätestens seit dem Film zum letzten Album „Lemonade“, wo sie sich als wütende Black-Lives-Matter-Aktivistin zeigt und sicher zur prominentesten Stimme dieses bitter notwendigen Movements aus der Popkultur avancierte. Als Frau ist Beyoncé Leitsubjekt statt Lustobjekt. Das macht sie zu einer Ikone, übrigens auch für zahllose Queers, wie die brasilianische Dokumentation „Waiting for B.“ unlängst zeigte. Vielen Queers dürfte es zusätzlich imponiert haben, dass Jay-Z kürzlich so sweet mit dem späten lesbischen Coming-Out seiner Mutter umging.

Musikalisch macht den beiden sowieso kaum jemand was vor, wie sie gerade auf ihrem Gemeinschaftsalbum „Everything is Love“ unter dem gemeinsamen Monicker The Carters wieder bewiesen. Nicht ganz so genial zwar wie die beiden Solo-Alben von Beyoncé und Jay-Z zuvor, doch diese ließen sich auch nicht mehr toppen. Stranger Thing: dass die beiden keinen einzigen der neuen neun Tracks in Berlin spielten, nicht mal die Superhit-Single „Apeshit“.

Wenn rund 60.000 Fans in ein nicht ganz ausverkauftes, aber doch sehr gut gefülltes Stadion pilgern, geht es natürlich auch um die Show! Und die ist dann, gemessen an dem, was man von Beyoncés letzter Tour kannte mit ihren High-End-Bühnen und den krassesten Choreographien, doch eher schlicht. Zwei parallele Catwalks ermöglichen den Gang tief in die Crowd hinein. Im Laufe des Abends, der um 20 Uhr zu früh, weil kaum beleuchtbar, begann, wird ein gigantischer Lovetruck, der Form einem Flügel nachempfunden, über die Stege rollen, mit dem Regentenpaar obenauf. Das war dann doch ein Hingucker!

Eine dreiteilige Mega-Videowand zeigte visuell wenig ambitionierte Live-Close-Ups der Stars und immer mal wieder private oder zumindest pseudo-private Aufnamen der Familie Carter, in bestens gebleichter oder farbgesättigter Instagram-Optik, die maximale Authentizität dahinbehauptet, aber letztlich kaum einlöst. Der mittlere Teil der Wand ließ sich wegfahren, um Blick auf die Band freizumachen, bei der man eigentlich nur rätseln konnte, ob sie wirklich live spielte. Egal. Der Fokus lag ohnehin auf dem beneidenswerten, milliardenschweren Traumpaar. Und das zelebrierte, ziemlich ausgeglichen, Songs beider Karrieren, die sich ohnehin mittlerweile kaum noch getrennt voneinander betrachten lassen.

Die Rollenverteilung: Jay-Z ließ sich zwar in Sachen Kostümwechsel auch nach seinem weißen Anzug zu Beginn nicht lumpen, war sicher während der Interludes so oft in der Garderobe wie Beyoncé. Trotzdem ist er eben eher der Typ für Schlabberjacken und krachkumpelige Ansagen („Macht Lärm, Berlin“), während Beyoncé, perfekte Stimme, perfekter Look, die unnahbare Survivor-Imperatorin gibt, der man sich freilich gerne unterwirft. Auf der Videowand steht mal „Love is Universal“, mal „Feminist“ – wer würde widersprechen?

Erstaunlich, dass das Love-Duo nach drei Dutzend eigener Hits dann ausgerechnet Coverversionen von Chartsüberflieger Ed Sheeran („Perfect“) und der Disco-Kuschelnummer „Forever Young“ (die Jay 2009 auf seinem „Blueprint 3“ tatsächlich coverte, produziert von Kanye West) aus dem Hut zauberten, statt eigene Hyperhits wie „Survivor“ oder „Single Ladies“ auch nur anzudroppen. „Forever Young“ ist freilich eine schöne Hommage an Berlin, wo Alphaville das Original im August 1983 im Studio 54 am Hohenzollerndamm aufnahmen. Ein ewig junger Song, indeed. „So many adventures couldn’t happen today / So many songs we forgot to play.“ Ein Meer aus smarten Lichtern. Liebe in Zeiten der Follower.

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