Konzerte & Party

Palais Schaumburg im HAU 2

Palais Schaumburg

tip Warum gibt es jetzt wieder einen Auftritt von Palais Schaumburg in der Besetzung von 1981?
Holger Hiller Wir waren die Jahre über immer wieder mal sehr lose in Kontakt. In letzter Zeit haben wir uns öfter gesehen, es gab eine Annäherung. Die Idee ist, heute, 30?Jahre nach Veröffentlichung des Debüts, wieder etwas damit zu machen. Ralf (Hertwig, d. Verf.), unser Drummer, hatte das vorgeschlagen.

tip Hatten Sie schon früher die Möglichkeit gesehen, dass es zu so einer Wiedervereinigung kommen könnte?
Holger Hiller Ich glaube, wir sind eine Konstellation von sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten und Karrieren. Uns ist aber jetzt aufgefallen, dass dieses Album für uns wie auch für den damaligen Gesamtkontext der Neuen Deutschen Welle eine starke Bedeutung hatte. Es stellte eine Erweiterung dar. Wir finden es reizvoll, darauf zurückzukommen. Nicht als Epigonen von uns selbst, sondern als Leute, die gucken wollen, wie man damit umgeht. Für uns ist das auch eine Gelegenheit, etwas zu tun, was wir schon lange nicht mehr gemacht haben: Wir können uns auf den Einsatz von analogen Instrumenten reduzieren. Eine schöne Abwechslung. Breite Erfahrung mit digitaler Montage haben wir inzwischen ja genug.

tip Interessant ist, dass Sie den Begriff Neue Deutsche Welle von sich aus verwenden. War Ihnen diese damals nicht suspekt, vor allem in ihrer kommerziellen Ausprägung?
Holger Hiller Ich finde es widersprüchlich, den Begriff Kommerzialisierung zu verwenden, weil natürlich alle Leute, die damals Musik gemacht haben, damit Geld verdienen wollten. Das ist ja immer so. Allerdings stimmt es, dass sich die Dinge durch den Zugriff der Musikindustrie veränderten. Dadurch engte sich die Form der Musik ein.

tip Warum gab es denn aus Ihrer Sicht damals so viele neue gute deutsche Bands? Sie haben vor dem Album einiges auf dem Label ZickZack veröffentlicht, das als Ausgangspunkt für eine Independent-Pop-Kultur in Deutschland angesehen wird.
Holger Hiller Alfred Hilsberg, der Chef des ZickZack-Labels, war tatsächlich Ausgangspunkt für eine bestimmte Independent-Pop-Kultur in Deutschland. Soweit ich weiß, erfand er sogar den Namen „Neue Deutsche Welle“. Er war und ist ein liebenswürdiger Idealist. Man erlebte ihn oft angetrunken, und er nahm Warhols Gedanken „Jeder ein Star für eine Minute“ ganz pragmatisch. Mit dieser Haltung machte er sich wohl zum einzigen wahren genialen Dilettanten der Szene und übt – obwohl er wahrscheinlich bis über beide Ohren in Schulden versunken ist – auch heute noch Einfluss aus. Das wäre doch mal jemand, dem man eine Ehrung zukommen lassen könnte.

Holger Hillertip Und sonst?
Holger Hiller Ich sah und sehe die Szene von 1981 kritisch. Mit den Achtzigern wird heute Ähnliches veranstaltet wie mit den Sechzigern. Diese Zeiträume werden als Fetisch konserviert und mit den Sehnsüchten identifiziert, die Menschen heute haben. Was dabei herauskommt, ist eine super-geilo Version von dem, was tatsächlich abgelaufen ist. Natürlich hatten die Leute damals Träume und drückten diese auch aus. Aber es bringt nichts, nach irgendeiner authentischen Identität zu suchen. Es ist wie mit dem Hurrikan. Im Zentrum ist nichts. Windstille.

tip Sie sind nach dem Ausstieg bei Palais Schaumburg lange als Solokünstler aktiv gewesen. Das Ganze lief bis zum Jahr 2000, dann gab es einen Bruch und lange gar nichts mehr. Warum?
Holger Hiller Ich hatte das Gefühl, dass die Rezepte, mit denen ich von 1980 bis 2000 gelebt hatte, nicht mehr griffen. Es verschlug mich nach Berlin, wo ich das Bedürfnis verspürte, mich von der Idee des Bohemiens zu verabschieden, weil es für mich keine befriedigende Lebensform war. Ich traf mich mit Leuten außerhalb von Künstlerkreisen und fand einen Job als Lehrer für Deutsch als Fremdsprache. Meine intellektuelle Beschäftigung und auch psychoanalytische Therapie halfen mir, irgendwie den großen Bogen wiederzufinden und eine befriedigendere Position zu meiner eigenen Geschichte zu finden.

tip Es war nicht mehr möglich, weiter in der gewohnten Form Musik zu machen?
Holger Hiller Ich hatte Palais Schaumburg nach dem ersten Album verlassen…

tip … warum eigentlich?
Holger Hiller Wahrscheinlich fühle ich mich generell sehr schnell unwohl mit bestimmten Rollen. Ich stand auf der Bühne und kam mir plötzlich vor wie ein Hampelmann, wie eine Kopie meiner selbst. Da hatte ich das Gefühl, ich muss aufhören. Ich bin nach London gegangen und habe dort sehr intensiv das Musikgeschäft erlebt. Es war faszinierend, erzeugte aber auch ein Gefühl von Unwohlsein. Ich habe das zum Beispiel in dem Song „Bacillus Culture“ auf meinem Soloalbum „As Is“ zum Ausdruck gebracht.

tip Was hat man sich unter Palais Schaumburg bezogen auf die Zukunft vorzustellen? Bleibt es bei einem Konzert?
Holger Hiller Das halten wir uns offen. Wir kommen gut miteinander aus. Es macht Spaß, alte Stücke einzuüben und neues Material zu entwickeln. Aber wir haben uns da wirklich nicht festgelegt. Wir müssen weder gnadenlos eine Reunion durchführen, weil wir alle Geld bräuchten, noch haben wir gesagt: Das ist es und nichts mehr danach.

Interview: Thomas Weiland

Foto Holger Hiller: Esther Freund

Palais Schaumburg, HAU 2, Fr 30.12., 20 Uhr, VVK: 22 Euro

„Palais Schaumburg“ – das Album
„Die CDU verpisst sich“, singt Holger Hiller 1981. Sein Wunsch ist nicht in Erfüllung gegangen. Aber es mag ihn trösten, dass Palais Schaumburgs Debüt immerhin ähnlich beständig ist. Andere Alben aus der Zeit der Neuen Deutschen Welle haben an
Bedeutung und Frische eingebüßt, dieses aber nicht. Die Kombination aus treibenden Funk-Rhythmen, Thomas Fehlmanns Störmanövern am Synthesizer und Hillers hysterischem Gesang mitsamt fragmentarischen Texten findet man sonst nirgends. Das gilt auch für Sprachschöpfungen wie „Grünes Winkelkanu“.

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