Konzerte & Party

Pathos und Klaps auf den Po: Romano

Romano

Im Frühjahr tauchte der seltsame Vogel erstmals im Netz auf. Am Anfang hielt man ihn für einen guten Witz von ein paar Kunststudenten. Oder eine clevere virale Stadtmarketingkampagne. „Schöner Tag / Walkman auf / dunkler Sound / Underground“, begrüßte einen der schmächtige Typ mit dem stechenden Blick, den geflochtenen Wikingerzöpfen und der goldenen Bomberjacke im Video zu „Metalkutte“, während er durch eine Köpenicker Plattenbausiedlung spazierte.
Wenn es ein Witz war, hatte jemand seine Hausaufgaben gemacht: Die Bandnamen, die Romano (so nannte sich der Stadtindianer) über einen trockenen Trap-Beat rappte, bewiesen Fachkenntnis; die Schlagworte in schönster Black-Metal-Kalligrafie zudem Humor. Der Auftritt erinnerte nicht ganz zufällig an Icke & Er und das singende Gesamtkunstwerk an Friedrich Liechtenstein. Produzent und Regisseur Jakob Grunert hatte bei „Metalkutte“ ebenfalls seine Finger im Spiel, womit klar war, dass man nicht zum letzten Mal von Romano gehört hatte.RomanoInzwischen ist Romano auch auf Berliner Konzertbühnen gesichtet worden, auf dem Berlin Festival, im Rahmen der Fкte de la Musique und zusammen mit seinem Produzenten und Kumpel aus Jugendtagen Moritz Friedrich alias Siriusmo. Roman Geike heißt er, geboren in Köpenick, und wenn es für ihn vielleicht auch nicht ganz zum Popstar reichen wird, so ist Romano zumindest die schrägste Type im Berliner Stadtleben seit dem seligen Wolfgang Neuss. Im September erscheint sein Album „Jenseits von Köpenick“, gefolgt von der „Klaps auf den Po“-Tour, auf der er beweisen will, dass er nicht die Kunstfigur ist, für die ihn viele nach seinen Videos zu „Metalkutte“ und dem Agitprop-Stück „Brenn die Bank ab“ gehalten haben. Denn Romano ist ein echter Köpenicker Junge, der Schlag bei den Omis im Kiez hat und dem die boys in the hood Respekt zollen. Wenn er stolz von seinem Bezirk erzählt, spricht der Hip-Hopper in ihm: „Ich fühle mich in Köpenick geborgen. Da komme ich her, da leben meine Leute.“ Zum Interview treffen wir uns trotzdem in Kreuzberg – jenseits von Köpenick. „In die Stadt reinfahren“ sagt Romano, wenn er sein Viertel verlässt.
Roman Geike ist in der Berliner Musikszene kein Unbekannter. In den 1990er-Jahren rappte er in der Crossover-Band Maladment, später tauchte er als MC Ramon im Hip-Hop- und Drum’n’Bass-Kontext auf und machte sich gleichzeitig als Romano in Kiezkreisen einen Namen – als Schlagersänger mit offenen Haaren und weißem Anzug.
Der „Tagesspiegel“ prophezeite schon 2009, Romano werde „der nächste Peter Fox“. Da hatte er gerade sein Schlageralbum „Blumen für dich“ (mit Hilfe des Techno-Produzenten Jan Driver) veröffentlicht. Für Romano kein Widerspruch: „Ich bin mit ‚Yo! MTV Raps‘ und ‚Headbangers Ball‘ aufgewachsen, meine Freunde haben nach der Wende im Bunker und im Walfisch Techno aufgelegt. Diese verschiedenen Stile liefen in meinem Leben immer parallel. Der Schlager war ein Schritt, um die deutsche Sprache zu entdecken. Früher hab ich englisch gesungen, aber ich konnte einige Gefühle gar nicht richtig ausdrücken. Die wurden dann weggeschoben. Auf Deutsch zu singen heißt auch: Man macht sich angreifbar.“
RomanoWas Romano meint, wenn er sagt, dass in allem, was er tut, sein Herzblut stecke, kann man live sehr schön beobachten. Von der Bühne will er am liebsten das ganze Publikum umarmen, er teilt den Catering-Sekt mit der ersten Reihe und verteilt den obligatorischen Klaps auf den Po paritätisch unter Jungs und Mädchen. Machistische Szenecodes sind ihm ein Gräuel. Er wolle sich und sein Publikum „nackig machen“, sagt er. „Abgrenzung ist okay, aber mir ist es wichtiger, Nähe zu erzeugen.“ Die vermeintliche Kunstfigur Romano reißt den Leuten also die falsche Maske der Prätention vom Gesicht. Man nimmt Roman Geike diese Mischung aus Pathos und street smartness, den Schlager-Romano und den Cornerboy, ab. Kein Zweifel, der meint es ernst – ohne Ironie-Sicherheitsnetz und coole Gesten. „Brenn die Bank ab“ war für ihn nach „Metalkutte“ auch ein nötiger Schritt, „um sich von der Klamaukgeschichte wegzubewegen“, wie er meint.
Aber was ist mit seinem Stil, durch den inzwischen sogar Fashion-Blogs auf ihn aufmerksam geworden sind? „Das bin ich“, lacht der erklärte Pediküre-Fan. „Ich habe mich schon als Kind gerne verkleidet, weil mein Vater beim Fernsehen arbeitete und deswegen bei uns zu Hause immer eine große Sammlung an Uniformen rumlag. Die Zöpfe habe ich schon früher getragen. Ich finde ja, dass Männer, wenn sie lange Haare haben, damit öfter was machen sollten, auch mal ’ne Schnecke oder so. Im Metal oder Hip-Hop ist das ganz normal. Style ist mir wichtig, ich kauf mir manchmal auch die ‚Glamour‘.“

Update
Am Dienstag, den 04. August 2015, veröffentlichte Romano ein drittes Video zum Song „Klaps auf den Po“ (siehe unten)

Text: Andreas Busche

Foto oben: Maxim Abrossimow

Foto mittig und unten: Christoph Riccius

Multiple Persönlichkeit
Romano Mit Schlagern wie „Halt mich“ und „SOS ich liebe dich“ betörte Romano jahrelang Köpenicker Witwen und Hochzeitsgesellschaften. Mit „Jenseits von Köpenick“ hat sich Romano jetzt als Homeboy und Kuttenfan neu erfunden.

MC Ramon Unter diesem Pseudonym rappte er Ende der 1990er in der Crossover-Band Maladment. Später schloss er sich der Hitekcrew an, mit der er auf Hip-Hop- und Drum’n’Bass-Partys auftrat. „Ich musste teilweise aufpassen, dass ich die Schleifen nicht verwechsle.“

Cornerboy Der Köpenicker Eckensteher, der zwischen Stehimbiss und Eiscafй Lampe im Forum Köpenick sein Revier markiert. Im Video „Itchy/Cornerboy“ sorgte er erstmals viral für Aufsehen: Kaffeekränzchen mit den Damen, bei der Pediküre, und zum Abschluss ein dreckiger Grime-Rap.

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