Konzerte & Party

Patti Smith im Tempodrom

Patti Smith

Manchmal möchte man schon gerne Mäuschen spielen, hinter die Kulissen der Musikindustrie schauen und erleben, wie dort Beschäftigte reagieren, wenn etwas nicht nach Plan verläuft. So wie 1978 in New York, als der zuständige A&R von Arista Records zum ersten Mal das fertige Album „Easter“ von der Patti Smith Group hörte. Der arme Kerl hatte zuvor alles versucht und den bekannten Produzenten Jimmy Iovine engagiert, der zu der Zeit gerade mit Aufnahmen von Bruce Springsteen beschäftigt war. Iovine ließ sich breitschlagen, für zwei Klienten gleichzeitig zu arbeiten. Er quartierte Smith und ihre Band im selben Studio ein und spielte ihnen einen Song vor, mit dem Springsteen nichts anfangen konnte. Smith änderte ihn sogleich ab und machte daraus die Version von „Because The Night“, die wir alle kennen. Natürlich war der A&R begeistert über diesen Coup. Doch er musste seinem Chef später auch erklären, dass es da einen Track namens „Ghost Dance“ gibt, in dem Smith auf amerikanische Ureinwohner eingeht, auf ein Tabuthema also. Noch viel schlimmer: „Rock’n’Roll Nigger“. Nicht nur wegen des drastischen Titels, sondern vor allem wegen der Ansage, wie sich Smith ihr Leben so vorstellt: „Outside of society that’s where I want to be.“ Außerhalb der Gesellschaft, bei Künstlern, Gestrandeten, Minderheiten, Chancenlosen wolle sie sein und mit ihnen gegen den Strom schwimmen. Bekenntnisse dieser Art können bei einem Major-Label zum Eklat oder Rauswurf führen. Aber man ließ Smith gewähren. Ende der Siebziger wütete der Punk, Rebellion lag im Trend. So konnte sich Smith ungestört entfalten und für immer in die Männerdomäne Rock’n’Roll eindringen.
Patti SmithPatti Smith wird gerne als „Mutter des Punk“ bezeichnet. Es ist aber besser, wenn man sie als Wanderin zwischen Welten versteht. In ihrem vor zwei Jahren veröffentlichten Buch „Just Kids“ erzählt sie davon, wie sie sich schon in jungen Jahren lieber in die Poesie eines Arthur Rimbaud oder die Musik eines Bob Dylan vertieft hatte, anstatt sich endlos vor den Schminktisch zu setzen und an ihrem Erscheinungsbild zu feilen. Später fühlte sie sich zu Künstlern aller Art hingezogen. Eine besondere Rolle spielte der Fotograf Robert Mapplethorpe, von dem sie in „Just Kids“ ausgiebig erzählt. Auch Maler, Bildhauer und Regisseure weckten ihr Interesse. Am Ende entschied sich Smith für die Verknüpfung von räudigem Rock und Worten mit literarischem Inhalt. In welche Richtung es gehen würde, zeigte der Song „Piss Factory“ auf ihrer ersten Single aus dem Jahr 1974. Es war eine Beschwerde über eine frühere Arbeit am Fließband und zugleich eine Liebeserklärung an Rimbaud. Die Grundlage für die ersten Alben „Horses“ und „Radio Ethiopia“ war geschaffen. Smith ist aber nicht Musikerin geworden, um sich auf diese Weise den Lebensunterhalt zu finanzieren. Es ging ihr nicht um Ruhm oder selbstzerstörerische Rituale. Nach ihrem vierten Album „Wave“ machte sie einfach so Schluss mit der Musik, obwohl alles bestens lief. Sie hatte sich in Fred „Sonic“ Smith verguckt und dem Gitarristen der MC5 die Songs „Frederick“ und „Dancing Barefoot“ gewidmet. Danach zog sie sich ins Privatleben zurück und bekam Kinder von ihm. Unterbrochen wurde die Pause im Jahr 1988 durch das Album „Dream Of Life“, aber das war ein einmaliger Akt. Ihre Abstinenz endete erst nach einer Häufung von Schicksalsschlägen. Ende 1994 verstarb Fred Smith, ein Monat später ihr Bruder Todd. Zuvor hatte sie schon den Verlust des engen Freundes Robert Mapplethorpe und ihres langjährigen Keyboarders Richard Sohl verkraften müssen. Im Zustand tiefer Trauer sinnierte sie 1996 auf dem Album „Gone Again“ über Leben und Tod und fand so wieder zurück. 
Heute macht Smith einen noch kompromissloseren Eindruck als in den Siebzigern. Sie ist politischer geworden, hat die gesamte Welt im Blick, arbeitet konzeptioneller und bleibt auch im Alter von 65 Jahren nicht stehen. Sie hat Chrissie Hynde, Kim Gordon von Sonic Youth, Polly Jean Harvey oder Karen O beeinflusst. Das sind alles gute Frauen. Aber wäre eine von ihnen in der Lage, ein Album wie „Banga“ zu machen? Smiths neuestes Werk ist eines ihrer besten. Es beginnt mit einer Meditation über den Entdecker Amerigo Vespucci, führt über ein Stück, das nach einem Erdbeben in Japan entstanden ist, und endet mit einer Version von Neil Youngs „After The Gold Rush“, in der Kinder ihrer Sorge mit der Zeile „Look at Mother Nature on the run in the 21st century“ Ausdruck verleihen. Das Album ist von gleich drei russischen Künstlern inspiriert, von den Schriftstellern Michail Bulgakow (Banga ist der Hund in „Der Meister und Margarita“), Nikolai Gogol und Filmemacher Andrei Tarkowski. Es enthält friedliche Lieder für Amy Winehouse, Maria Schneider und Johnny Depp, aber auch eine zehnminütige Improvisation, die alles grandios zersaust. So einen wilden Ritt gibt es nur bei Patti Smith, der eigenen Herrin außerhalb der Gesellschaft des Mittelmaßes.

Text: Thomas Weiland

Foto oben: Steven Sebring

Foto links: Sony Music

Patti Smith, Tempodrom, Mi 11.7., 21 Uhr, VVK: 35 Euro zzgl. Gebühr

Mehr über Cookies erfahren