Konzerte & Party

Paul Kalkbrenner in der Wuhlheide

Paul Kalkbrenner

Soll ja keiner sagen, er sei nicht rechtzeitig gewarnt worden. 1997, als Techno unter dem Druck zu großer Massenbegeisterung die kreative Luft ausging, veröffentlichte Westbam ein Album mit dem trotzigen Titel „We’ll Never Stop Living This Way“. Das hat er nicht einfach bloß so dahin gesagt. Das hat er wirklich so gemeint. Und er hat Wort gehalten. Mittlerweile schreiben wir das Jahr 2011 und Westbam ist mitsamt dem von ihm propagierten Techno als Mega-Rave-Spektakel immer noch da. Bei der jüngsten Auflage der Mayday-Party in Dortmund vor wenigen Wochen war der Gründervater mit von der Partie und jetzt wird er mit Kollegin Marusha wieder auf dem A&P-Rave am Flughafen Tempelhof auflegen. Jubel ist ihm gewiss. Aber ist so eine Dauerdröhnung überhaupt noch zeitgemäß? Westbam versucht sich dem Vorwurf der Gestrigkeit zu widersetzen, indem er darauf verweist, dass er ja nicht als lebende Jukebox durch die Lande reise und bloß landläufig bekannte Hymnen oder eigene Hits aus der Vergangenheit spiele. „Die letzten zehn Jahre waren geprägt durch das Cocooning, den romantischen Rückzug ins Private und ins Kleine. In den Neunzigern war’s eben der große Aufbruch, der Größenwahn, die Naivität, aber auch der Traum, mal eine Ansage zu machen. Ich denke, das ist keine Frage des Rückschritts oder des Fortschritts, aber ich denke und ich hoffe, dass das nächste Jahrzehnt eher dadurch geprägt wird, dass es wieder abenteuerlicher wird“, erklärte er vor einem Jahr gegenüber Techno-Berichterstatter Jürgen Laarmann.  
WestbamEines ist indes klar: Bestimmte Ideen und Impulse aus der frühen Zeit des Techno werden nicht mehr wie früher die Oberhand gewinnen. Allen voran ist hier der Begriff der raving society zu nennen. Der Traum vom alternativen Lebensmodell funktioniert nur in Zeiten der Sorglosigkeit, die bekanntlich vorbei sind, allemal nach dem Desaster mit den Todesfällen der letztjährigen Love Parade in Duisburg, deren Aufarbeitung nach monatelanger Beweisaufnahme gerade wieder ins Licht der Öffentlichkeit gerät. Aber auch Techno als Glaubensgemeinschaft ist ein Anachronismus. Produzenten der jüngeren Generation spielen ebenfalls vor vielen Leuten, sind im Geiste aber eher eigen und überhaupt nicht pompös veranlagt.
Ein bekannter Vertreter dieser Schule ist Paul Kalkbrenner. Er hat in diesem Jahr einen Auftritt hingelegt, den sich nicht jeder traut: Er hat vor Bundeswehrsoldaten in Afghanistan gespielt. Das ist deshalb bemerkenswert, weil die ursprüngliche Lehre des Techno eine komplett apolitische Haltung vorsah. Kalkbrenner dagegen beschreibt sich als politisch interessiert und als Person, die sich nicht scheut, dahin zu gehen, wo es wehtut. Er zweifelt nicht an der Richtigkeit seiner Mission. „Ich muss lesen, der Kalkbrenner werde vereinnahmt und handle auf Weisung des Kanzleramts, damit der Bundeswehr ein cooles Image verliehen werde. Das ist doch Quatsch! 93 Prozent der gewählten Volksvertreter verlängern den Einsatz jedes Jahr, obwohl viele Leute auf der Straße dagegen sind. Ich halte den Einsatz auch für sehr fragwürdig, wollte aber nach Afghanistan, um den Soldaten zu zeigen, dass sie nicht vergessen werden.“ Offenkundig gibt es echte Kalkbrenner-Fans am Hindukusch. Sie hatten sich beim Management des Musikers gemeldet und gefragt, ob er nicht mal zu ihnen kommen könne.
Paul KalkbrennerEs gibt aber noch genügend Leute, denen der Name Paul Kalkbrenner nicht so viel sagt. Zu ihnen gehören die Vertreter der Deutschen Phono-Akademie, die den bald 34-Jährigen in diesem Jahr bei der alljährlichen Echo-Verleihung allen Ernstes als nationalen Newcomer des Jahres nominiert haben. Darüber kann man nur schmunzeln. Kalkbrenner feiert, wie er im Gespräch bekräftigt, bald sein „20-jähriges Dienstjubiläum“. In den ersten Jahren seiner Tätigkeit als Produzent hörte man allerdings noch nicht viel von ihm. Das änderte sich nach Erscheinen seiner ersten EP „Largesse“ im Jahr 1999 und erst recht nach Veröffentlichung des von ihm geschriebenen Soundtracks zum Film „Berlin Calling“, in dem er selbst die Rolle eines Techno-Produzenten spielt, der dem Tod und Wahnsinn nur knapp entrinnt. Das Schauspieldebüt und die dazugehörige Musik haben ihm den Durchbruch verschafft und sind hauptsächlich dafür verantwortlich, dass er nun an zwei Tagen vor mehr als 30?000 Zuschauern in der Wuhlheide spielen kann. Bei dieser Gelegenheit wird er unter anderem die Songs seines neuen Albums „Icke Wieder“ vorstellen, die im Zustand völliger innerer Emigration entstanden sind. „Ich höre kaum Musik. Höchstens mal Klassikradio oder mein eigenes Zeug. Wenn ich ein Album mache, bleibt alles ausgeschaltet, auch der Fernseher. Ich bin immer dann am besten, wenn ich alles um mich herum ausblende. Ich bin ja kein DJ, ich muss mich also nicht auf dem Laufenden halten.“ Nach Beendigung der Zusammenarbeit mit Ellen Alliens Label Bpitch Control erscheint das neue Kalkbrenner-Album nun bei seiner eigenen Firma. Sogar eine eigene Sprache hat er entwickelt – die Songs heißen zum Beispiel „Schnakeln“, „Schmökelung“ oder „Der Breuzen“. Kalkbrenner betreibt Techno eben als Individualsport.

Text: Thomas Weiland

Paul Kalkbrenner, Wuhlheide, Sa 4.6. (ausverkauft) + So 5.6., 16.30 Uhr, VVK: 32 Euro

A&P Summer Rave mit Westbam, Marusha u.a., Flughafen Tempelhof, Sa 4.6., 21 Uhr, VVK: 24,99 Euro

Mehr über Cookies erfahren