Konzerte & Party

Paul Weller im Huxleys

Paul Weller

Dub-Rhythmen jamaikanischer und motorische Grooves deutscher Bauart? Ein Gastauftritt von Kevin Shields, dem Frontmann von My Bloody Valentine? Eine Widmung an die verstorbene Jazzpianistin Alice Coltrane? Elektronisches Zischen und Zirpen? Auf Alben von Paul Weller? Darauf wäre vorher so leicht keiner gekommen. Die Zeiten, in denen dieser Mann für radikale Veränderungen gut war, liegen lange zurück. Vor dreißig Jahren hat er die Auflösung von The Jam verkündet und sich auf den konträr entgegengesetzten (kosmo-)politischen Kaffeehaus-Soul von The Style Council eingelassen. Das war so ein Fall. Seine Solokarriere, die 1990 begann, verlief dagegen lange in vorhersehbaren Bahnen. Weller orientierte sich an den Zeichen der Zeit und klinkte sich in den Britpop ein. Er war Feuer und Flamme für die einheimische Rock-Tradition, spielte auf The Small Faces, Traffic und Humble Pie an und bekam von der Presse neue Spitznamen zugeteilt. Für zugeneigte Beobachter wurde er zum „Modfather“, die weniger pflegliche Variante davon hieß „Dad-Rocker“.
Mit der Rolle des etablierten Erwachsenen schien er lange keine Probleme zu haben. „Es gibt keine spezifische Definition für das, was ich heute mache. Die Phasen der Findung liegen hinter mir, ich spüre kein Verlangen nach radikaler Veränderung mehr. 1995 hatte ich noch das Gefühl, ich müsse der Welt etwas beweisen. Ich wollte mich nicht auf glorreiche Taten aus der Vergangenheit verlassen. Der Erfolg meines Albums ‚Stanley Road‘ hat mir die gewünschte Bestätigung gegeben. Ich hatte das Gefühl, dass ich angekommen war“, sagte er vor sieben Jahren im Hotel Kempinski. Damals war er in Berlin, um „As Is Now“ vorzustellen. Es war ein gutes, aber auch wieder konservatives Album. Die innere Befriedigung, von der Weller sprach, hatte zu diesem Zeitpunkt zur Stagnation geführt. Natürlich musste man es ihm hoch anrechnen, dass er die ganzen Jahre ohne Unterbrechungen weitermachte. Weller gehört zu den wenigen Musikern aus der Punk-Generation, die nie nachließen. Doch alles, was er zwischen „Stanley Road“ und „As Is Now“ veröffentlichte, drehte sich um dieselbe Achse. Konzerte, auf denen er seine bekanntesten Songs unplugged spielte, und das Cover-Album „Studio 150“ bestätigten die Vermutung, dass Weller mit einer kreativen Krise zu kämpfen hatte. 
Paul WellerDann aber kam der tiefe Einschnitt. Vor vier Jahren, pünktlich zum 50. Geburtstag, änderte sich Wellers Leben von Grund auf. Er hatte den Tod seines Vaters zu verkraften, der seit den Tagen von The Jam sein Manager war und sich immer eine Spur zu sehr um seinen Sohn gekümmert hatte. Einige Mitarbeiter von Plattenfirmen in Deutschland erinnern sich noch mit Grauen daran, wie sie von John Weller mit strengen Auflagen für Interviews geknechtet wurden. Auch ins Beziehungsleben kam Bewegung. Weller verließ seine langjährige Partnerin und zog mit Backingsängerin Hannah Andrews zusammen, die inzwischen seine Frau und Mutter seiner Zwillinge ist. Es sind die Kinder sechs und sieben. Parallel dazu gelang es dem als trinkfreudig bekannten Sänger, sein Alkoholproblem in den Griff zu kriegen. Bei so viel Veränderung im persönlichen Leben versteht es sich fast von selbst, dass auch die Musik einen anderen Verlauf zu nehmen begann. „Ich fühlte mich mit 50 plötzlich befreit“, erklärte Weller gegenüber dem britischen Magazin „Uncut“. „Ich dachte mir: In Ordnung, du hast jetzt ein halbes Jahrhundert hinter dir, jetzt kannst du machen, was du willst. Es gibt noch genug zu lernen.“ Der Veteran verabschiedete sich aus der Wohlfühlzone und begann eine Abenteuerreise. Erster Halt war das eklektische Album „22 Dreams“. Er zitierte die Electric Prunes, holte den Soul in sein Werk zurück und sang Pianoballaden. Das durfte man durchaus erwarten. Genau das Gegenteil galt für das, was es sonst noch zu hören gab. Rückwärts-Loops, psychedelische Effekte, Tango-Grundierungen oder Klassik-Andeutungen etwa. Eine unglaubliche Entwicklung.
Mit „Wake Up The Nation“ versöhnte sich Weller gleich in zweierlei Hinsicht mit dem Sturm und Drang der alten Jam-Tage. Zum ersten Mal seit 1982 waren er und Bassist Bruce Foxton wieder zusammen auf einem Album hören. Und die Gangart geriet härter als auf allen anderen Soloalben. Sie sollte Kollegen aufrütteln. „Zu der Zeit, als ich den Titelsong schrieb, regte ich mich furchtbar darüber auf, dass englische Musik so verdammt lahm geworden ist und dass man im Radio nur noch auf Sicherheit bedachten Dreck hört. Kaum etwas war innovativ oder neu.“ Ein berechtigter Vorwurf. Dem britischen Rock fehlt heute das Gefahrenpotential. Wellers aktuelle Antwort darauf ist das Album „Sonik Kicks“, auf dem sich für ihn typisches Songwriting mit unruhigem, zum Teil elektronisch arrangiertem Indie-Rock mischt. Das hört sich gut an. So gut, dass man sich mehr in dieser Art wünscht. Vielleicht kommt beim nächsten Mal aber auch wieder etwas fundamental Neues auf uns zu, wer weiß. In der derzeitigen Form ist Papa alles zuzutrauen.

Text: Thomas Weiland

Paul Weller, Huxleys, So 16.12., 20 Uhr, VVK: 36 Euro zzgl. Gebühr

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