Konzerte & Party

„Peaches Christ Superstar“ im HAU

Es gab Proteste, als „Jesus Christ Superstar“ 1970 am Broad­way uraufgeführt wurde. Einige religiöse Gruppen fühlten sich in ihrem sittlichen Empfinden verletzt, mochten den Gedanken nicht, den Messias als Normalsterblichen zu sehen.
40 Jahre später sorgt Andrew Lloyd Webbers Rock-Oper wieder für Erregung. Dabei ist eigentlich noch nicht viel mehr geschehen, als dass Peaches angekündigt hat, ihre eigene Version des Musical-Klassikers vorzubereiten. „Andrew Lloyd Webber war in der Tat nicht begeistert darüber. Ich plane ja keine finanzschwere Sache. Mir geht es darum, Spaß zu haben an der Musik, die Geschichte runterzuschälen aufs Wesentliche, damit Platz bleibt für die Fantasie. Aber an so was ist er nicht interessiert“, erzählt sie im Telefongespräch von Toronto aus. „Was er will, muss vor allem groß sein: eine fette Produktion, Tänzer und so weiter. Aber das geht doch am Punkt vorbei, oder? Ich meine, in der Story geht es immerhin um Jesus und darum, auf all das zu verzichten.“
Die Rechtevertreter von Webber und Librettoschreiber Tim Rice erteilten der Musikerin jedoch rotes Licht – das HAU als koproduzierendes Berliner Thea­ter blies die Show vorerst wieder ab. Eine Absage, die Peaches, bürgerlich Merrill Nisker, nicht so einfach hinnehmen wollte. „PEACHES CHRIST SU­PERSTAR CRUCIFIED BEFORE OPENING NIGHT!“, textete sie via Twitter – und wurde weltweit gehört: Die „New York Times“, der „Guardian“ und andere große Zeitungen griffen die Protestnote auf. Prompt ruderten die Musical-Urheber zurück. Schlechte Presse will schließlich keiner. Die Wahlberlinerin macht sich seither warm als „Peaches Christ Superstar“; für einen Abend, an dem sie alle Solorollen und Chorpartien allein singen wird, nur begleitet durch Gonzales am Flügel. Ob sie vermutet, dass Lloyd Webber mit der Musik der Electro-Rapperin generell vertraut ist? „Keine Ahnung. Aber spätes­tens jetzt weiß er, wer Peaches ist“, lacht sie.
Die pompöse Bühnenmusik als reduziertes Kammerspiel aufzuführen, sei für sie eine „Herzensangelegenheit“, sagt Nisker; die Songs um die moralischen Kontrahenten Judas und Jesus liebt sie seit Teenagerzeiten. „Die Musik ist zeitlos und leicht und fantastisch“, erzählt sie begeistert. „Es ist ein sehr leidenschaftliches Musical, keine Frage. Aber das eigentliche Drama der Story ist überhaupt nicht übertrieben oder fett aufgetragen, finde ich, so wie bei so vielen anderen Musicals. In ‚Jesus Christ Superstar‘ geht es im Wesentlichen um jemanden, der auf ein Level erhoben wird, an dem es nicht mehr gut gehen kann. Mich hat auch immer der Text interessiert. Die Geschichte ist viel menschlicher, als ich damals zuerst dachte. Außerdem ist es die einzige Roc­koper, die ich kenne, die nur mit Musik funktioniert, ohne Schauspiel-Parts dazwischen. Sondern in der alles durch die Songs erzählt wird.“ Darunter finden sich bekanntlich Evergreens wie „I
Don’t Know How To Love Him“
oder „Everything’s Alright“. Songs, die Peaches „auf keinen Fall irgendwie theatralisch oder schauspielerhaft rüberbringen“ wolle. „Es gibt so viele grässliche Versionen, die man sich im Internet anschauen kann, in denen die Sänger alles ganz furchtbar überbetont singen. Ich möch­te, dass es eher beiläufig klingt.“

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