Konzerte & Party

Phoebe Legere im BKA

Phoebe Legere

tip Rosa von Praunheim hat Sie zu seinem 70. Geburtstag eingeladen. Was verbindet Sie mit Rosa von Praunheim?
Phoebe Legere
Rosa und ich sind wie zwei Schwestern. Wie Gertrude Stein so schön sagte, „When I meet a genius a bell goes off in my head.“ Rosa und ich haben uns sofort verstanden. Wir wurden einander vom Freund meines großartigen Freundes und Lehrers vorgestellt, dem überragenden Filmregisseur Jack Smith. Rosa ist ein entzückendes Genie. Er rief mich eines Tages an und sagte, dass er einen Film über Kannibalismus machen möchte. „Kann ich dich filmen und dabei das Thema improvisieren?“ Meine Antwort war: „Na klar!“ Ich sah dies als Gelegenheit, ein Statement abzugeben über die Wichtigkeit, ein Vegetarier zu sein.
Als ich dieses Jahr in Mexiko auftrat, erhielt ich einen Anruf von Rosa. Er wollte mich in seinem neuen Film „New York Sisters“.
Ich habe ihn nicht gefragt, worum es ging, denn ich wusste, alles würde sich auf sagenhafte Weise ergeben. Aufgrund meines vollen Terminkalenders hab ich es nicht zu den ersten beiden Tagen des Shootings geschafft. Als ich ankam, hatte die Story schon Form angenommen. Rosa ist genial. Er versteht, dass Phantasie Realität ist. Er reitet auf dem Puls des kreativen Moments und seiner Transmission und gibt sich diesem ganz und gar hin.
Gerade habe ich „New York Sisters“ zusammen mit Rosa in seinem Appartment angeschaut und von A bis Z genossen! Ein ausgesprochen schöner Film. Er wird diesen Freitag im Kino Babylon gezeigt und ich kann ihn nur empfehlen.

tip Sie lernen derzeit Deutsch. Woher stammt die Motivation?
Phoebe Legere
Ich war sofort vom Klang der deutschen Sprache fasziniert, als ich sie zum ersten Mal gehört habe. Das war, als Rosa mit seinem Kameramann sprach. Sie hört sich bisschen wie die englische Sprache in ihren Kinderschuhen an. Ein schönes, nacktes Baby. Süß und unschuldig! Die deutsche und amerikanische Sprache sind wie Bruder und Schwester: Sie stammen aus derselben Familie, Kinder der großen Mutter.
Und wer ist diese gemeinsame Mutter? Friesisch! Ja! 40% unseres englischen Wortschatzes stammt aus dem Friesischen. Und, wie jeder weiß, haben die Menschen den Klang der menschlichen Sprache entwickelt, indem sie den Klang von Tieren imitierten.

tip Kommen Sie gut voran? Schauen Sie deutsche Filme oder hören deutsche Musik?
Phoebe Legere
Wim Wenders, Rosa Von Praunheim, Werner Herzog, Nina Hagen, Sven Ratzke, Zarah Leander (auch wenn sie nicht Deutsch ist. Aber sie singt deutsch), Marlene Dietrich, Rammstein.

tip Ihr Musical „The Queen of New England“ beinhaltet ein sehr ernstes Thema, den Genozid an den Native Americans. In Europa ist das Musical für heitere Themen besetzt…
Phoebe Legere
Die englischen Puritaner folterten und töteten die Indianer von Neuengland. Sie machten sie zu Sklaven, verkauften sie an Zuckerplantagen. 1666 gab es 20.000 Indianer in Massachusetts, und 1676 waren es noch 400.
Nur Musik kann die unsägliche Brutalität der Menschen thematisieren, ihre Angriffslust, ihren Machthunger. Es ist die Grausamkeit des Egos auf niedrigster Ebene. Dieses Musical handelt von einem großartigen weiblichen Häuptling, von der ich abstamme. Sie erschien mir in meinen Träumen und bat mich, ihre Geschichte zu erzählen. Der Holocaust an den Indianern findet in den amerikanischen Schulbüchern für Geschichte nicht statt. Ich werde am 22. Nov. einige Songs aus „The Queen of New England“ singen.

tip So wie sich die Europäer über das Sprechtheater definieren (man denke an Lessings Idee eines Nationaltheaters), funktioniert das in Amerika über das Musical?
Phoebe Legere
Ich habe das große Glück, dass es zwei gemeinnützige Gruppen gibt, die meine Stücke regelmäßig aufführen: Das „Theater for the New City“ produziert und performt hochpolitische Arbeit. Sie haben „Hello Mrs. President“, ein Stück über die erste schwarze Präsidentin der Vereinigten Staaten, aufgeführt. Mit „Roulette Intermedium“ in Brooklyn bin ich auch eng verbunden. Sie haben mein Musical „The Queen of New England“ produziert. Roulette ist zudem auch meine Plattenfirma: Einstein Records. Sie sind Spezialisten für Avantgarde/experimentelles Arbeiten.

tip Was dürfen wir für Ihr Berliner Konzert erwarten? Vorwiegend Material der neuen Platte? Welche Künstler begleiten Sie?
Phoebe Legere
In meiner Show im BKA werde ich Bilder malen, improvisieren und Denglish sprechen. Außerdem performe ich traditionelle Blues Songs sowie indianische Gesänge und neue Songs aus meinem neuen Album East Village/East Berlin! Es gibt die Weltpremiere meines Dance Songs „Sweet Bitch“. Ich werde American Jazz der 20er und 30er Jahre spielen. Ich werde meine Kostüme 100 Mal direkt auf der Bühne wechseln und vielleicht auch rückwärts spielen –  als Hommage an Mozart. Zudem spiele ich mit den Füßen – als Hommage an Jerry Lee Lewis!

Interview: Ronald Klein

Phoebe Legere, Do 22.11., 20 Uhr, BKA-Theater

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