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Photoautomaten gehören zum Berliner Nachtleben

Photoautomat

Seit fünf Jahren quetschen sie sich mindestens zu zweit auf einen kleinen Hocker, schneiden Grimassen, verkleiden sich, pros­ten sich zu, ziehen sich nackt aus und halten Schilder hoch, auf denen „Happy Birthday“ steht. Berlins Nachtschwärmer tun hier eigentlich, was sie immer gern tun, wenn sie ausgehen. Nur, dass es vor einer Kamera geschieht, die innerhalb weniger Sekunden und für zwei Euro vier Schwarz-Weiß-Bilder schießt. Warum? „Es ist eine schöne Erinnerung an die Nacht“, erzählen mir drei Britinnen, die vor dem „Photoautomaten“ in der Falckensteinstraße auf ihre Bilder warten. Natürlich sehe man in Schwarz-Weiß auch besser aus als in Farbe, fügen sie lachend hinzu.
Den ersten Photoautomaten stell­ten Kameramann Asger Doenst und sein Freund, Drehbuchautor Ole Kretschmann, 2004 am Rosen­thaler Platz auf. Sie hatten ihn in der Schweiz aufgetrieben und vor der Verschrottung gerettet, ein Original aus den 60er Jahren. Heute sind es 18, aber längst nicht mehr nur in Berlin. In Hamburg, Köln, Paris und London gehören die Kabinen zum Nachtleben fest dazu. Dass die Automaten gerade nachts fast ständig besetzt sind, liegt wohl nicht nur daran, dass der Vorgang im Zeitalter der digitalen Fotografie so simpel erscheint. „Das ist eher so ein kommunikatives Ding. Man macht den Vorhang zu, dann wird es irgendwie intim und dann lacht man …“. Gerade wegen der Intimität der Kabine (sie wird sogar beheizt) machen viele auch nicht nur Photos aus dem PhotoautomatenPassbilder in den Automaten. Von Heroinspritzen über schlafende Penner bis hin zu Pärchen, die hinter dem Vorhang Sex haben, hat Doenst bei den Wartungen der Automaten schon viel gesehen. Wenn er in der Bar 25 Testbilder macht, setzen sich die alkoholisierten Gäste des Öfteren auf seinen Schoß.
Auf der winzigen Fläche bricht jeden Abend ein fast schon anarchischer Zustand aus: Häufig quetschen sich fünf oder sechs Nachtschwärmer in die Kabine, manchmal nackt, oft mit einem Bier in der Hand, und fast immer in Feierlaune. Sicher hängt das mit den Standorten der Photoautomaten zusammen. Die sind nämlich vor allem in Ostberlin, an den Knotenpunkten des nächtlichen Treibens zu finden – was auch damit zu tun hat, dass hier noch nicht jedes Stück Boden verpachtet ist. Anfragen von Clubs erhalten die beiden Initiatoren immer wieder. Der erste Automat stand im Cafй Moskau, heute findet man sie auch beim Lux, in der Bar 25 oder vor der Wilden Renate. Zwi­schendurch gab es sogar einen im Charlottenburger Ku’dorf. „Wir hatten aber nie Lust, dahinzufahren. Und am Ende hat es sich auch gar nicht rentiert“, so Doenst.
Für den Fall, dass es Störungen mit den Schnappschüssen gibt, steht eine Handynummer am Au­tomaten. Tatsächlich kann man hier zu jeder Tag- und Nachtzeit jemanden anrufen, oft ist es Doenst. „Ich steh’ hier bei dem Photoautomaten und die Fotos kommen nicht raus …“, schreit dann eine hohe Stimme ins Telefon. „Wo denn?“ „Ähhh, keine Ahnung … Wie heißt die Straße hier?“, ruft die Stimme am anderen Ende der Leitung ihren Begleitern zu. „Man ahnt dann eigentlich schon, wo das ist“, erzählt mir Doenst und lacht. Oft endet das Gespräch mit der simplen Erkenntnis, dass die zumeist betrunkenen Feierwütigen einfach nicht lange genug gewartet haben, bis in dem Schlitz am vorderen Teil der Kabine nach fünf Minuten die vier Schwarz-Weiß-Bilder erscheinen. Ein wenig komplizierter als die Aufnahmen mit der eigenen Handy-Digicam ist der „Photoautomat“ dann eben doch.

Text: Jana Scholz

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