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Picknick-Konzert im Silent Green: Pantha du Prince mit „Conference of Trees“.

Einen Hang zum Romantischen hatte Pantha du Prince immer, mit seinem neuen Album kehrt er – im wahrsten Sinne des Wortes – zu seinen Wurzeln zurück. Am Mittwochabend gibt er ein Corona-Konzert im Silent Green.

„Ich bin nicht zum Doktor gegangen, sondern in den Wald“: Hendrik Weber im Porträt. Foto: Promo: Subbotina Anna/ stock.adobe.com
„Ich bin nicht zum Doktor gegangen, sondern in den Wald“: Hendrik Weber lässt sich therapieren. Foto: Promo: Subbotina Anna/ stock.adobe.com

Deutschland und seine Wälder, das ist ja eine ganz besondere Beziehung. Die dunkle Romantik, der mystische Wald, die deutsche Eiche – Sie wissen schon. Kaum eine andere Gesellschaft beschäftigte sich so obsessiv mit dem eigenen Baumbestand, was heute, in Zeiten der Klimakrise, auch gar nicht mal so verkehrt erscheint. Und Baumthemen sind ja auch weiterhin der Renner und verbreiten sich international: Shinrin-yoku, das japanische Waldbaden, liegt im Trend; im Silicon Valley hat man gelernt, dass kein Chip der Welt einen schönen Waldspaziergang ersetzen kann; und auf Bestsellerlisten und im Kino berichtet Peter Wohlleben vom „Geheimen Leben der Bäume“.

Um genau dieses geheime oder auch nicht ganz so geheime Leben der Bäume geht es auch Hendrik Weber aka Pantha du Prince: Auf „Conference of Trees“, seinem neuen Album nach einigen Jahren verhältnismäßiger Pause, taucht der Berliner Produzent, der mittlerweile eher im Brandenburgischen lebt, tief ein in Wald und Bäume, von den Wurzeln bis zur Krone. „Schon 2015 hat es angefangen, dass ich wusste, in welche Richtung es geht und dass ich wieder in etwas einsteigen möchte, das es mal gab in meinem Leben“, erzählt der 45-jährige. Schon in seiner Kindheit spielte der Wald eine große Rolle: „Ich bin halt nicht zum Doktor gegangen, sondern in den Wald. Der Wald war mein Psychotherapeut.“ Wer bei seinem Werk der letzten zehn Jahre die Ohren spitzte, konnte auch da schon den Wald hören. Besonders auf dem Durchbruchsalbum „Black Noise“, das just dieses Jahr sein zehnjähriges Jubiläum feiert. Dort spielen Field Recordings aus den Schweizer Alpen eine große Rolle, im Video zu „Stick To My Side“ tauchen dann auch noch Waldwesen auf, die zueinander finden und eine traurigschöne Party feiern.

Jetzt also zurück zu den Wurzeln, im wahrsten Sinne des Wortes: „Ich wollte immer Förster werden, das war total klar“, erzählt er. Es kam anders. Sehr anders: „Wenn du so zehn Jahre um die Welt fliegst und eine Platte nach der nächsten im Drei-Jahres-Rhythmus machst, dann sagt der Körper halt irgendwann mal: Hey, willst du jetzt so weitermachen?“ Zwischen Auftritten mit Ensemble und Clubgigs war irgendwann dann die körperliche wie auch mentale Grenze erreicht. Webers Lösung? „Ich habe Rat gesucht bei den Bäumen.“ Klingt esoterisch, soll es vielleicht auch ein bisschen. Aber die Rückbesinnung zu der Landschaft, die ihn schon als Kind prägte, war eine Rettung, ja, ein Ausweg.

Aus eben diesem Ausweg ist „Conference of Trees“ gewachsen wie ein junger Baum aus kleinen Setzlingen. Den Startschuss gab ein Auftrag des Hamburger Kampnagel. Daraus wuchs die Idee, die Gedanken der letzten Jahre zu einem kohärenten Werk zusammenzufassen. „Es war wie bei den anderen Alben auch“, sagt Weber: „Oh, jetzt habe ich Lebenszeit verbracht mit etwas, aber was war das denn eigentlich?“ Aus einem Fundus aus Gesprächen und Erinnerungen, Sufiliteratur und wissenschaftlichen Studien, sowie gesammelten und teils sogar selbstgebauten Instrumenten und nicht zuletzt Kollaborationen mit anderen Musikern entstand ein Album, das sich mit Bäumen und dem Wald als neurologisches System auseinandersetzt. „Wäre der Auftrag vom Kampnagel nicht gekommen, wäre diese Platte nicht so entstanden“, meint Weber. Er, der mittlerweile wie ein Eremit aussieht, hätte sich noch viel mehr Zeit gelassen, „aber ich habe auch den Auftrag der Bäume, ihre Geschichte zu erzählen.“

Spätestens in diesem Moment möchte man sich fragen: Meint der das alles eigentlich wirklich ernst? Aber andererseits – ist das nicht auch ein bisschen egal? Denn gleich ob man sich diesem Narrativ hingibt oder nicht, man kann sich im Album wunderbar verlieren. Da erklingen sibirische Glocken, Klanghölzer und Steine, gesammelt in der ehemaligen Möbelfabrik seiner Familie und bei nicht ganz legalen Besuchen in Steinbrüchen. Dazu kommen die typischen Stilmittel eines Pantha-Albums: elektronische Elemente und romantische Clubmomente, die die Ekstase im Morgengrauen einfangen. Denn: „Es ist ja auch eine Pantha-Platte. Natürlich war die Idee, wenn ich schon so eine Plattform habe und mir mal so etwas ausgedacht habe wie Pantha, das auch zu nutzen für so ein Thema.“

Neben aller Romantik ist es allerdings kaum möglich, in diesen Tagen und Zeiten an den Wald zu denken, ohne die drohende Klimakatastrophe im Blick zu haben. Auch wenn „Conference of Trees“ nach Webers Aussage gar kein explizit politisches Album sein soll. Doch wenn er davon spricht, dass Bäume konstant in Kommunikation, oder um in der Wortwahl des Albums zu bleiben, in Konferenz sind und uns mitteilen, was bei uns so los sei, wird es schwer, nicht an Waldbrände, ausbleibenden Regen und trockene, tote Böden zu denken. Denn in den Wäldern und Bergen zeigen sich die Auswirkungen des Klimawandels, von Verschmutzung und Zerstörung schnell. Die Jahresringe eines Baumes sind so etwas wie Wissensarchive, die das Auf und Ab der Welt speichern. Schaut man sich da die letzten Jahrzehnte an, sind die Bäume wahrscheinlich ganz schön genervt von den Menschen. Und das mit gutem Grund.

Aber jenseits der Geschichten vom Wald beschreibt das Album vor allem Sinnsuche – ganz konkret die des Pantha du Prince, aber auch die einer Gesellschaft, die den Zugang zu sich selbst verloren hat. „Viele Leute sind auf die Suche gegangen, weil ganz viel schiefgelaufen ist“, so umschreibt es Weber. In einem neoliberalen System, das die Leute fertig macht, sie zu Zehntausenden, wie er sagt, in Depressionen treibt. Und das wahrscheinlich nicht zufällig den Künstler dahinter auch selbst an den Rand seiner Möglichkeiten gebracht hat. So wie das Album Themen und Elemente von „Black Noise“ aufgreift, könnte es fast ein abschließender Schrei des Pantha sein. Weg vom Techno, hin zu den immer verspulteren, konzeptuellen Stücken, zum Theater, wo er mittlerweile auch aktiv ist. Vielleicht ist „Conference of Trees“ also nicht nur ein Album, sondern auch ein Initationsritus, ein Übergang in eine neue Form, wie Weber verschmitzt andeutet: „Für mich ist es immer eine Option, zu sagen ich bin jetzt jemand anders – vielleicht war das die letzte Platte!“ Ob das stimmt? Das wissen nur die Bäume.

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