Konzerte & Party

PJ Harvey im Admiralspalast

pjharveySo sanft wie Polly Jean Harvey den Titelsong ihres jüngsten Albums „Let England Shake“ intoniert, mag man ihr eigentlich gar nicht glauben, dass sie hier kritisch ihr Heimatland unter die Lupe nimmt. Doch auf ihrem achten Album kreist die in sich gekehrte Britin nun nicht mehr um ihre eigenen Befindlichkeiten. Von ihren introspektiven Texten hat sie sich losgesagt, stattdessen schreibt Harvey politische Lieder, ohne aufgesetztes „Ich bin so betroffen“-Image. Denkanstöße wolle sie geben, erklärt sie. Jenseits der klassischen Protestsongs: „Es liegt mir fern, meinen Zuhörern meinen Standpunkt mit aller Gewalt einzuhämmern.“

Wie eine verstörte Patriotin geistert sie in ihren Stücken umher. Von der Vergangenheit bis in die Gegenwart. So beschwört die 41-Jährige in „The Words That Maketh Murder“ ein grausiges Kriegsszenario herauf. Überhaupt tauchen Krieg und Tod immer wieder auf ihrem Langspieler auf. Warum? „Weil es so viel Gemetzel auf dieser Welt gibt. Gerade in den Krisenherden muss man doch ständig mit dem Schlimmsten rechnen.“ Dessen ist sich PJ Harvey absolut sicher, seit sie intensiv für „Let England Shake“ recherchiert hat. Fast drei Jahre wälzte sie Geschichtsbücher, sie las Politikerreden oder Zeitungsartikel. „Eine schwere Geburt“ sei das gewesen, sagt sie: „Ich habe ewig lange mit meinen Texten gerungen.“

Sie standen zunächst völlig nackt da, ohne Musik: „Ich vertonte sie erst im Nachhinein.“ Mit überaus einschmeichelnden, beinahe schon poppigen Melodien. Oft orientieren sie sich am traditionellen Folk: „Ich höre irrsinnig gerne alte Lieder aus allen möglichen Ländern von China bis Russland.“ Diese Einflüsse fügt Harvey zu einem verblüffend kohärenten Klangbild. Da sind gedämpfte Gitarrenakkorde, Zither, bauschige Orgelklänge, luftige Bläser, zarte Xylophon-Tupfer. Dieser Hang zur Lieblichkeit könnte vielen gefallen. Angesichts einer urplötzlich erschallenden Kavallerie-Trompete und anderen kleinen Details ist der Sound trotzdem nicht zu stromlinienförmig.

Inbrünstig singt Harvey dazu. Mal sanft wie ein Engel, mal sirenenartig. Selbst bei den ganz hohen Noten bleibt ihre Stimme herausragend: „Mit meinem Gesang experimentiere ich genauso wie mit meinen Instrumenten.“ So verleiht sie ihren Titeln, die sie mit den langjährigen Mitstreitern Flood, John Parish und Mick Harvey in einer Kirche in Dorset aufgenommen hat, zusätzliche Bedeutungsschwere, ja fast schon Erhabenheit.

Text: Dagmar Leischow

PJ Harvey Admiralspalast, Mo 21. + Di 22.2., 20 Uhr (ausverkauft)

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