Contemporary

Poliça und Stargaze gegen Trump

Der lange Notfall – Für Bon Iver sind sie die beste Band der Welt: Poliça haben mit dem experimentellen Berliner Klangkollektiv Stargaze ein transatlantisches Statement gegen Trump aufgenommen

Foto: Graham Tolbert

Nach einer langen schlaflosen Nacht fragte sich Channy Leaneagh, Sängerin der US-Indie-Electro-Band Poliça, wie das alles möglich sei. Es war ein Morgen im November 2016. Trump war gerade zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt worden und die Frage „How is this happening“ ging ihr nicht aus dem Kopf, ebensowenig die Melodie, die ihr dazu einfiel und die sie dem Berliner Kollektiv Stargaze vorsang – wenige Tage vor dem gemeinsamen Auftritt beim Liquid-Music-Festival in Minneapolis. „Wir haben dann Melodien dazu geschrieben“, erinnert sich Dirigent und Stargaze-Gründer André de Ridder. „Es war eine sehr intuitive Reaktion auf die Situation nach der Wahl in Amerika und auf die dunkle Stimmung, die in liberalen Kreisen in der Luft lag.“ Eine Anklage, die dazu aufruft, sich Trump zu widersetzen, keiner seiner Lügen zu glauben. Und so kommt es, dass nicht nur dieses Stück, sondern das ganze Album der amerikanisch-deutschen Kollaboration von einer düsteren Grundstimmung getragen ist. Es ist, als spuke ein Geist darin herum, angefangen beim Opener „Fake Like“ bis zum Schluss-Stück „Music For The Long Emergency“ – Musik für den Notfall, der sich nun leider nicht mehr so schnell aus der Welt schaffen lässt.

Dass dieses Album überhaupt erscheinen kann, ist nicht nur der Festival-Kuratorin zu verdanken, die die beiden Formationen zusammenbrachte, sondern vor allem auch Justin Vernon alias Bon Iver, der Poliça für nichts weniger als die beste Band der Welt hält. Nach der Uraufführung der erarbeiteten Stücke in Minneapolis lud er alle Musiker zu sich nach Eau Claire in Wisconsin ein, um das gemeinsame Werk in seinem Studio aufnehmen zu lassen. Vorausgegangen war ein längeres Ping-Pong-Spiel über den Großen Teich hinweg, gegenseitige Besuche und Workshops, etwa im Berliner Funkhaus Nalepastraße. „Die ersten Töne sind hier in meiner Wohnung entstanden“, erzählt André de Ridder mit Blick in seine Remise in einem Schöneberger Hinterhof, die so hell, offen und geräumig ist, dass man sich gut vorstellen kann, wie ganze Ensembles hier Platz finden und miteinander musizieren. „Poliça hat uns nicht einfach alte Songs geschickt, die wir dann umarrangiert haben“, betont André de Ridder, „wir wollten von vorne beginnen, gemeinsam Material entwickeln.“

Zum ersten Mal in seiner noch jungen Geschichte erlebten sich Stargaze als gleichberechtigter Partner und wichtige kreative Stimme innerhalb einer Kollaboration. Seit 2013 schlägt das Kollektiv Brücken zwischen zeitgenössisch-klassischer Musik und anderen Genres wie Pop, Hip-Hop oder Electronica. Es versteht sich als „analoger Synthesizer“, wie de Ridder erklärt, „wir lassen unsere Instrumente so miteinander verschmelzen, dass man gar nicht mehr sagen kann: Da spielt jetzt eine Geige zu einem Schlagzeug.“ Wie virtuos das funktioniert, ließ sich zum Beispiel beim XJazz-Festival im vergangenen Sommer beobachten, als Stargaze die klugen Lyrics eines Käptn Peng in ein neues bezauberndes ­Gewand hüllte und Malikah, der Queen des arabischen Hip-Hop, zu Glanz und Gloria verhalf. Allmählich aber scheint Stargaze hinauszuwachsen aus der begleitenden Rolle. „Das Selbstbewusstsein wird größer, wir fangen an, ein eigenes Repertoire zu entwickeln“, bemerkt der 46-Jährige, der es offenbar sehr genießt, als Orchesterdirigent nicht immer Alleinentscheider sein zu müssen, sondern in einem Kollektiv aufgehen zu dürfen.

Im Februar werden Stargaze und Poliça mit ihrem Programm auf US-Tour gehen, nach New York, Chicago, Minneapolis, dann in London und in den Niederlanden spielen. Beklagenswert ist, dass vorerst keine Berlin-Konzerte geplant sind, denn bis heute haben die Musiker um André de Ridder in der Stadt kein Dach gefunden, unter dem sie wirklich zuhause wären. „In Berlin fehlt ein Haus, das solche genreübergreifenden Projekte selber produziert, wie wir es in London vom Barbican and Southbank kennen“, sagt er. „Überhaupt gibt es in anderen Städten viel mehr Konzerthäuser, die zwar für klassische Musik gebaut sind, sich aber auch für nicht-klassische Musik interessieren – und die einen Intendanten haben, der vom Orchester unabhängig ist und ein eigenes Programm macht.“

In Berlin vermisst de Ridder diese künstlerische Unabhängigkeit. Wenn es mal Crossover-Projekte gebe, dann ziemlich oldschool als Verbindung symphonischer Musik mit Sting oder Elvis Costello. „Das hat nichts mit Kreativität zu tun, das ist was für die Galerie“, sagt er. Das Publikum, das Stargaze anspricht, ist ein ganz anderes: popaffin, aber auf der Suche nach neuen klanglichen Abenteuern, die sich auch in „Music For The Long Emergency“ finden lassen. Und auch wenn die Stimmung des Albums eine geisterhaft dunkle ist, klingt am Ende des knapp zehnminütigen Schluss-Stücks immerhin so etwas wie Hoffnung an: „eine positive Linie, die in den Himmel aufsteigt und sich verklärt“, sagt de Ridder, „für mich zeigt das, dass man in der Musik eine Oase des Trosts finden kann.“

Poliça & Stargaze „Music For The Long Emergency“, VÖ 16. Februar 2018 (Transgressive/PIAS Cooperative/Roughtrade)

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