Playlist

Polnische Musiker in Berlin

Polen prägen die Kulturlandschaft Berlins. Nicht nur Schriftsteller wie Paul Bokowski und Künstlerinnen wie Alicja Kwade, sondern auch viele der spannendsten Musiker der Stadt haben ihre Wurzeln im östlichen Nachbarland. Doch wie klingt die polnische Diaspora in Berlin? Wir haben eine Playlist zusammengestellt

Natalia Mateo

Die dunklen Töne liegen ihr. Mit ihrem Album „Heart Of Darkness“ aus dem Jahr 2015 nahm die Jazzsängerin Natalia Mateo, geboren in Warschau und aufgewachsen in Österreich, Bezug auf die Erzählung „Herz der Finsternis“ von Joseph Conrad. Die ambitionierte Platte brachte ihr den Jazz-Echo ein – zu Recht: Screaming Jay Hawkins’ liebeswahnsinnige Voodoo-Nummer „I Put A Spell On You“ in einen Bond-Soundtrack-tauglichen Jazzsong zu verwandeln, muss einem erst einmal gelingen.

Wojtek Blecharz

Denkt man an den Klassik-Nachwuchs in Berlin, fallen einem vor allem ambientverliebte Minimalisten wie Max Richter oder Nils Frahm ein. Wojtek Blecharz, geboren 1981 in Polen, geht einen anderen Weg. Der Oboist und preisgekrönte Komponist studierte an der Fryderyk-Chopin-Musikuniversität in Warschau, promovierte in Kalifornien und lebt nun in Berlin. Seine eigenwilligen, bisweilen dramatischen Kompositionen wie „Psalmus 82“ wurden schon in renommierten Konzert- und Ausstellungshäusern wie dem Museum of Modern Art in Tel Aviv aufgeführt.

Mike Closer

Noch ist Mike Closer, 25 Jahre alt, Produzent mit Kontrabassdiplom, Pendler zwischen Berlin und Breslau, ein Geheimtipp. Doch das könnte sich bald ändern: Seine experimentellen, düster dräuenden Tracks würden hervorragend ins Berghain passen.

Sentino

„Ich bin deutscher Hip-Hop”, behauptete Sentino auf seiner gleichnamigen, vor zehn Jahren erschienenen Debütalbum. Tatsächlich ist der Sohn einer polnischen Mutter und eines chilenischen Vaters eine wichtige Figur in der jüngeren Berliner Rap-Historie: Im Umfeld des legendären Royal Bunker begann er seine Karriere, kollaborierte mit Genregrößen wie Kool Savas, Bushido, Megaloh und Azad. Seit Anfang 2016 steht er bei Flers Label „Maskulin“ unter Vertrag.

https://www.youtube.com/watch?v=qLdxs74hL1U

The Very Polish Cut Outs

„Polish Dance Music? Are you fucking braindead?!“, fragt das Label The Very Polish Cut Outs auf seiner Webseite. Zugegeben: Ein wenig exzentrisch ist sie schon, die Idee, Vinyl-Compilations und Remixe von polnischen Disco-, Psychedelic-, Jazz- und Funktracks herauszugeben, die in den 70er und 80er Jahren im realsozialistischen Underground entstanden. Doch sie findet immer mehr Fans – darunter sogar Größen wie Jamie XX.

Ilski

Wer Ilskis vertrackte, rhythmisch komplexe Experimente zwischen Electronica und Jazz „akademisch“ findet, liegt noch nicht einmal daneben: Der Produzent, geboren 1984 als Jaroslaw Ilski in Polen, spielte schon als Kind Klavier und Schlagzeug und studiert zur Zeit Komposition an der Universität der Künste.

Julia Marcell

Das Video zu ihrem Song „Matrioszka“ mutet an, als hätte Björk sich eine schlaflose Nacht lang durch die Tumblr-Blogs ultrahipper Designstudenten geklickt: Julia Marcell, in Berlin lebende Sängerin, Gitarristin und Pianistin, ist Polens Antwort auf Skandinaviens extravagante Pop-Sirenen.

Mike Majkowski

Seit den Anfangstagen seiner Musikerlaufbahn hat er sich dem Kontrabass verschrieben. Als Solokünstler und mit Bandprojekten wie Lotto erkundet Mike Majkowski – gebürtiger Australier und Wahlberliner mit polnischen Wurzeln – Klanglandschaften zwischen Jazz, unbehaglichem Ambient und Noise.

https://soundcloud.com/mikemajkowski/bass-love-iii

Mary Komasa

Noch ist Mary Komasa mit ihrem Breitwand-Pop vor allem in Polen bekannt, doch mit der Verlagerung ihres Wohnsitzes nach Berlin dürfte sich die gebürtige Warschauerin bald auch einen Platz in der deutschen Musiklandschaft sichern.

Celina Muza

In ihren Songs vermählt sie Jazz mit Chansons, begonnen hat Celina Muza ihre Karriere jedoch als Musicalsängerin in ihrem Herkunftsland Polen. Seit Längerem lebt Muza in Berlin, musikalisch blieb sie immer eine Wandererin zwischen den Welten: Neben deutschsprachigen Songs, die sie in herrlich altmodischer Diven-Manier intoniert, veröffentlichte sie mit „Czułość“ aus dem Jahr 2002 ein Album in polnischer Sprache.

Maciej Sledziecki

Geboren in Danzig, studierte Maciej Sledziecki Gitarre in den Niederlanden und in Köln und lebt nun in Berlin. Mit seiner Lebensgefährtin gründete er Gamut Inc, ein Ensemble aus akustischen, computergesteuerten Musikmaschinen.

Jemek Jemowit

Patrick Wagner, Ex-Chef des legendären Labels Kitty-Yo, verlieh sich einst das Label „größer als Gott“ – Jemek Jemowit zieht nach: Er sei „Besser als Gott“, behauptet der in Polen geborene und in Berlin aufgewachsene Künstler in seinem gleichnamigen Stück. Seine Songs, musikalisch zwischen Trash, Rap und Acid House zu verorten, offenbaren sein ambivalentes Verhältnis zu Polen, das er selbst als „postpatriotisch“ beschreibt: Hier knattert ein Maschinengewehr, da knallt Jemowit dem Hörer ein paar polnische Punchlines um die Ohren. Ist das nun Sozialkritik, Satire oder eine irrwitzige Liebeserklärung? Gute Frage, nächste Frage.

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